Ein Fall von Cancel Culture Kein Mensch braucht dieses Moralspektabel
Ist der Westen besser als sein Ruf? Unser Kolumnist Jörg Scheller geht der Frage nach, warum Denker wie der Philosoph Philipp Hübl gerade bei Linken Widerstand wecken.
Ist der Westen besser als sein Ruf? Unser Kolumnist Jörg Scheller geht der Frage nach, warum Denker wie der Philosoph Philipp Hübl gerade bei Linken Widerstand wecken.
An der Kunstakademie Nürnberg spielten sich vor einem Monat turbulente Szenen ab. Linke studentische Aktivisten versuchten mit lauter Musik, Zwischenrufen, Kochtopfklappern, dem Abdecken des Projektors sowie dem Erklimmen der Bühne den Auftritt des Philosophen Philipp Hübl ebendort, wenn nicht gänzlich zu verhindern, so doch nachhaltig zu stören und ihn in seiner vorgesehenen Form zu verunmöglichen.
Was hatte sie derart erzürnt? Hübls Vergehen lässt sich in wenigen Worten zusammenfassen: Untermauert von zahlreichen Statistiken und wissenschaftlichen Studien belegt der Philosoph in Büchern wie „Moralspektakel“ (2024), dass die westliche Welt nicht ganz so schlecht ist, wie viele uns glauben machen wollen. Das sind zum einen Rechtspopulisten, die uns einreden, wir lebten in kommunistischen Ökodiktaturen. Das sind zum anderen linksprogressive Aktivisten, die uns einreden, wir lebten in einem Horrorregime aus Kapitalismus, Rassismus, Sexismus und Patriarchat.
Hübl zeigt unter anderem, dass Männer in westlichen Gesellschaften heute weniger „männlich“ sind als früher und dass rassistische Vorurteile nicht so weit verbreitet sind, wie sensationslüsterne Medien und politische Propaganda behaupten. Das lässt manche befürchten, Hübls Ansatz werde den Fortschritt erlahmen lassen und von Reaktionären ausgenutzt werden. Mit derselben Begründung könnte man Hersteller von Küchenmessern bekämpfen, weil diese auch als Mordwaffen dienen. So führten die Aktivisten letztlich genau das auf, was Hübl kritisiert – ein Moralspektakel.
In sozialen Netzwerken verharmlosten linke User die Aktion: Das sei doch keine Cancel Culture! Der Vortrag habe ja letztlich stattfinden können. Ob sie bei Störaktionen der Identitären Bewegung identisch argumentieren würden? Diese Relativierer haben noch immer nicht verstanden, oder wollen nicht verstehen, dass Cancel Culture weniger punktuell, als vielmehr inkrementell, also in kleinen Schritten, wirkt. Zentral ist die abschreckende Wirkung. Schüchterne, verletzliche, unsichere Personen trauen sich mit heiklen Themen dann gar nicht erst auf die Bühne. Prominente indes, die sich wehren können, profitieren vom Medienrummel – so wirkt die Agitation doppelt kontraproduktiv.
Menschen, die ein Problem mit Denkern wie Hübl haben, wünscht man nicht, dass sie im Leben einmal echte Probleme bekommen. Das Mobbing gegen differenzierte und liberale Figuren der Zeitgeschichte erinnert an die unselige Sozialfaschismustheorie des frühen 20. Jahrhunderts, als Linksradikale ihre Energien auf den Kampf gegen die SPD verschwendeten, statt sich auf den Kampf gegen die Nazis zu konzentrieren.