Ein Jahr Landesbibliothek in Stuttgart Bibliothek mit Wohlfühlfaktor – doch es gibt noch etwas zu tun

Die Arbeitsbereiche kommen bei den Nutzern gut an. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Seit einem Jahr ist der Erweiterungsbau der größten wissenschaftlichen Bibliothek Württembergs in Betrieb. Noch läuft nicht alles rund in Stuttgart, doch das Haus punktet mit angenehmen Arbeitsplätzen und seiner Ausstattung.

Stuttgart - Das Gebäude der Württembergischen Landesbibliothek (WLB) weckt Aufmerksamkeit. Neugier freilich auch, denn im Ensemble von Stadtpalais, Haus der Abgeordneten, Haus der Geschichte, Musikhochschule und Staatsgalerie ist es ohne Schriftzug geblieben, der die Bestimmung des Gebäudes der Stuttgarter Architekten Lederer, Ragnarsdóttir und Oei erklären würde. Im Hintergrund, heißt es, werde um Ästhetik gestritten.

 

Bäbber statt Schriftzug

Derweil hat sich die größte wissenschaftliche Bibliothek Baden-Württembergs selbst geholfen und auf dem mit Ahorn bepflanzten Trottoir an der Stadtautobahn einen Bäbber angebracht. „Immerhin ist der Bürgersteig vom Charlottenplatz her jetzt wieder durchgehend begehbar“, freut sich Direktor Rupert Schaab, „wenigstens da hat es einen Fortschritt gegeben.“

Vor einem Jahr sind die Bibliothekare in das 58 Millionen Euro teure Gebäude eingezogen. Rupert Schaab und seine Kollegen haben dies zum Anlass genommen, die Besucher nach ihren Erfahrungen, nach ihren Eindrücken zu fragen, und erhielten überwiegend positive Antworten.

Viel Lob für die Arbeitsplätze

„44 Nutzer haben geantwortet, 20 Mal gab es sogar explizites Lob“, so der Direktor. Insbesondere für die ruhige Atmosphäre und Sauberkeit bekam das Haus erfreuliche Rückmeldungen: „Super schöne Arbeitsplätze.“ „Habe neben teilweise seltenen Fachbüchern eine sehr angenehme und ruhige Atmosphäre zum konzentrierten Schreiben gefunden!“ „Wunderschön, mit dem besten Ausblick, den Stuttgart zu bieten hat, und endlich mit zuverlässigem Internet.“ Und: „Die Säle sind ungeheuer gut klimatisiert. Das hat erfreulicherweise von Anfang an geklappt“, ergänzt Schaab.

Nur gut die Hälfte nutzbar

Seinen Wunschplatz könne man noch nicht reservieren, weil der Pandemie wegen nur 190 der 310 Arbeitsplätze freigegeben sind und „möglichst nahtlos besetzt werden sollen“. Aber immerhin sind Reservierungen möglich, der Platz wird den Nutzern beim Zutritt zugeteilt.

Weil die Universitätsbibliothek noch immer geschlossen ist, rechnet die WLB zum Semesterbeginn mit steigender Nachfrage und muss schon deshalb den Zugang kanalisieren. „Unsere Besucher finden das Reservierungssystem praktisch, weil sie nicht herumirren müssen auf der Suche nach einem freien Platz“, so der Direktor. Um dieses System auszuklügeln, hat er extra einen Fachmann engagiert, der zuvor solche Systeme für Luftfahrtunternehmen entwickelt hatte. Die Rückmeldungen zeigen: Schaabs Entscheidung hat sich bewährt. „Es zeichnet sich das Stimmungsbild einer Bibliothek mit hohem Wohlfühlfaktor ab“, sagt er erfreut.

Rückgabeautomaten stehen immer noch still

Einiges muss noch verbessert werden. Das meiste davon am Gebäude selbst, an dem seit einem Jahr „kaum Fortschritte“ gemacht worden seien, wegen der darniederliegenden Bauwirtschaft, aber auch wegen der Bauverwaltung. Besonders ärgerlich für die Nutzer und „schwer erklärlich“ sei, dass die Rückgabeautomaten, eine Kombination aus Automaten, Sortieranlage und Fördertechnik, immer noch nicht laufen. Die Eingangshalle müsse wegen des Halls nachgerüstet werden. Die Jalousien sind noch nicht richtig eingestellt und führen ein irritierendes Eigenleben.

Rudolf-Sophien-Stift übernimmt Cafeteria

Die Cafeteria ist noch nicht fertig, soll aber Anfang nächsten Jahres endlich in Betrieb gehen. Betreiber wird das Rudolf-Sophien-Stift sein, „die warten schon sehnlichst auf den Start“, so Schaab. Und der Vorplatz rechts des Neubaus soll Ende November seiner Bestimmung übergeben werden. Dann ist die Landesbibliothek von dort aus begehbar, statt über den provisorischen Eingang an der Konrad-Adenauer-Straße.

Bald wird der Altbau geräumt

„Ich bewundere den langen Atem unserer Mitarbeiter, die sind nach wie vor enorm motiviert“, sagt der WLB-Chef. Es kommt noch einiges auf sie zu, denn der Altbau muss geräumt werden, 4,3 Millionen Bücher aus den Kellermagazinen nach Münchingen gebracht, 150 Büroarbeitsplätze in die Schwabstraße verlegt werden, „und das ohne auch nur einen zusätzlichen Mitarbeiter“, so Rupert Schaab. Ist das alte Ziegelgebäude leer, wird es abgedichtet, damit der asbesthaltige Estrich und die Installationen entfernt werden können.

In dem denkmalgeschützten Gebäude werden am Ende weitere 360 Leseplätze eingerichtet, der Freihandbestand wird auf 600 000 Bände verdoppelt, es wird einen Sonderlesesaal geben – aber das ist zeitlich alles noch weit entfernt. Dass die ehemals veranschlagten 50 Millionen Euro für die Sanierung reichen, hält kaum jemand für realistisch.

Ausstellung mit Art-déco-Illustrationen

Für Rupert Schaab ist jetzt erst mal wichtig, „dass die Leute wieder den Weg zu uns finden“. Die Nachfrage nach Führungen sei groß, gerade auch bei Stuttgartern, die eine Phase ihres Lebens in der alten WLB verbracht hätten. Er verweist auf Vortragsreihen, zum Beispiel die des Fraunhofer-Instituts zu Biointelligenz oder eine zum Thema Privatheit und Datenauswertung. Im großen Saal wird außerdem am 19. Oktober die Ausstellung „Schönheit, Glanz und Träume“ mit Illustrationen des Art déco aus der Sammlung Lucius eröffnet.

Übrigens: Wer das Gebäude über die Google-Street-View-Funktion sucht, wird es nicht finden. Dort sind noch alte Bilder aus Zeiten vor der Bauphase eingestellt. Es empfiehlt sich daher eher ein Spaziergang, offenen Auges und mit offenem Ende.

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