Der 19-jährige Adam hat die Geschichte seiner jüdischen Vorfahren aufgeschrieben. Ausgangspunkt war ein Koffer auf dem Dachboden seiner Großmutter in Zürich.
Diese Geschichte beginnt an zwei unterschiedlichen Orten. Der eine Ort: ein Dachboden irgendwo in Zürich. Der andere: eine Wohnung im ersten Stock des Gebäudes Hölderlinstraße 55 in Stuttgart. Auf wundersame Weise, einer der Protagonisten wird sagen „auf magische Weise“, treffen beide Erzählstränge aufeinander.
Begleiten wir zuerst Adam, einen jungen Mann aus Zürich, auf den Dachboden seiner Großmutter. Dort lagerte ein Koffer mit Dokumenten seines Urgroßvaters mütterlicherseits. Der Koffer hat schon lange sein Interesse geweckt. Im Juli 2023 beschließt er, nachzusehen, was sich darin befindet. Es sind Dutzende Briefe. Sie geben Hinweise auf eine Zeit 70 Jahre vor seiner Geburt, geprägt von Ausgrenzung und Flucht.
Elektrisiert liest er ein Schreiben des Amtsgerichts Hannover vom 12. Juni 1933, adressiert an den Urgroßvater Max Haas, der Rechtsanwalt in Hannover war: „Sie sind heute auf Grund des Erlasses des Herrn Justizministers in der Liste der zugelassenen Rechtsanwälte gelöscht.“ Adam stockt der Atem: „Mit diesem einen Satz wurde der Familie auf unmissverständliche Weise klar gemacht, dass sie genau das nicht war, was sie seit Generationen angestrebt hatte: eine durchschnittliche deutsche Familie. Von da an waren sie vor allem eines: Juden.“
Der Fund auf dem Dachboden war ein einschneidendes Erlebnis
Über diesen Moment notiert Adam später: „Ich sitze auf dem Dachboden bei meiner Großmutter. Mir wird schwindlig. Nun, nach über 90 Jahren, finde ausgerechnet ich diesen Erlass . . . Das ist er also: Der Beweis, dass entgegen des hinlänglichen Narrativs auch meiner Familie Unrecht getan wurde, dass auch sie Opfer des nationalsozialistischen Regimes war und dass auch sie nicht unversehrt davonkam.“
Für Adam ein einschneidendes Erlebnis. Ebenso einschneidend, wie die Nachricht von einem antisemitisch motivierten Angriff wenige Wochen zuvor in der Züricher Innenstadt, bei dem ein Jude mit einem Messer verletzt worden war. Der Angriff ereignete sich unweit der Synagoge, in der er die Bar Mitzwah eines Cousins gefeiert hatte. „Müssen wir jetzt gehen?“, fragt er seine Mutter aufgewühlt mitten in der Nacht. Das Thema lässt ihn nicht los. „Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich das mulmige Gefühl, nicht ganz hierhin zu gehören. Dabei ist Zürich meine Heimat, die Stadt, in der ich von Geburt an als jüdischer Schweizer unbeschwert lebe. Hier interessiere ich mich für lokale Politik. Hier rege ich mich auf, wenn der FC Zürich wieder mal verliert . . .“ Ein Gefühl von Hilflosigkeit beschleicht ihn. Wie hilflos muss sich erst sein Urgroßvater gefühlt haben, als die Nazis ihm verboten, seinen Beruf auszuüben, denkt er sich?
Dieser Koffer und sein Inhalt begleiten ihn. Anhand der Dokumente fängt er an zu forschen. Das Ergebnis ist eine 30-seitige Abschlussarbeit an seiner Schule, dem Realgymnasium Rämibühl: „Ein Essay zur Aufarbeitung des Komplexes meiner Familie mit dem deutschen Judentum.“
Wechseln wir zum anderen Ausgangspunkt dieser Geschichte: zu Thomas Koch in die Hölderlinstraße 55 in Stuttgart. Etwa zum gleichen Zeitpunkt als Adam in Zürich auf den Dachboden steigt, hat Thomas Koch, langjähriger Sprecher der Stuttgarter Oper, gerade mit Recherchen zu früheren Bewohnern seiner Wohnung am Hölderlinplatz begonnen. Inspiriert durch die Stuttgarter Stolperstein-Initiativen will er herausfinden, wer sie waren, wohin sie gingen und ob es sich möglicherweise um Juden handelte. In alten Adressbüchern wird er fündig. In den 1930er Jahren lebte eine Familie Hirschheimer hier: Auguste und Adolf mit den Kindern Manfred und Ilse . . .
Eine „magische“ Zufallsbegegnung in Stuttgart
Dann das Unerwartete: Anfang Mai 2024 begegnen sich Adam und Thomas Koch zufällig. Koch bemerkt eine Schweizer Reisegruppe, die das Gebäude zu begutachten scheint. Die Gruppe besteht aus Adam, seinen Eltern, seiner Schwester, der Großmutter, Onkels, Tanten sowie sieben Cousins. Gemeinsam besuchen sie damals Herkunftsorte ihrer Vorfahren in Baisingen, Lehrensteinsfeld und Stuttgart. Adams Maturaarbeit hatte der Familie den nötigen Motivationsschub gegeben, die Geburtsorte der Großeltern kennenzulernen.
Da stehen sie also in der Hölderlinstraße vor diesem nach Meinung Adams „herkömmlichen fünfstöckigen Gebäude, wie man es aus einer durchschnittlichen europäischen Stadt kennt“, als Thomas Koch sein Fahrrad aus dem Kellerausgang schiebt „Hei, wollt ihr hier alle einziehen?“, fragt er perplex und nichts ahnend in die Runde.
Eine Frage, die ihm im Rückblick unangenehm ist. Die Hirschheimers waren damals nicht aus freien Stücken hier ausgezogen, sondern wegen des wachsenden Drucks der Nationalsozialisten. Nein, man habe keine Umzugsabsichten, versichern ihm die Besucher aus der Schweiz. Man kommt ins Gespräch, tauscht sich über das Motiv der Reise aus und beschließt, in Kontakt zu bleiben.
Für Koch war die Begegnung „magisch“. Für Adam höchst motivierend. Seiner 2025 vorgelegten Maturaarbeit stellt er einen Dank an Thomas Koch vorweg: „Sein Engagement in dieser Angelegenheit ist berührend und inspirierend.“
Inzwischen ist die Familiengeschichte, nach der Adam und Thomas Koch zunächst getrennt voneinander forschten, niedergeschrieben. Sie liest sich in Stichworten so: Auguste, geboren 1886, wächst als Auguste Kahn in Baisingen auf und heiratet 1912 den fünf Jahre älteren Lehrensteinsfelder Viehhändler Adolf Hirschheimer, der sich später erfolgreich im Sperrholzhandel betätigt.
Aus beruflichen Gründen ziehen die Hirschheimers nach Stuttgart, erst in die Wolframstraße und 1931 in die Wohnung in der Hölderlinstraße 55. Ihre 1914 geborene Tochter Ilse heiratet 1935 den Rechtsanwalt Max Haas aus Hannover. Adam beschreibt ihn als „stolzen Deutschen, der der festen Überzeugung war, dass er als Jude genauso in dieses Land gehörte“. Das Berufsverbot trifft ihn umso härter. Das junge Paar zieht nach Hannover. Max arbeitet in der Sperrholzfabrik der Hirschheimers. Parallel dazu schmieden sie Pläne, Nazi-Deutschland zu verlassen. Über Geschäftskontakte gelangen sie 1938 nach England.
Da Gefühl, „nicht mehr dazuzugehören“
„Meine Urgroßeltern flohen rechtzeitig aus Deutschland, überlebten so den Holocaust“, schreibt Adam. „In England warteten aber weitere Schwierigkeiten auf sie.“ Sie hatten das Gefühl, „nicht mehr dazuzugehören“. In einem Brief an ihre noch in Stuttgart lebenden Eltern schreibt Ilse: „Dort (in Deutschland) waren wir die Juden, hier sind wir die Deutschen. Da soll sich ein Mensch zurechtfinden.“ Ein Zitat, das Adam bewegt. Er wählt es als Titel für seine Maturaarbeit.
Wie ging es weiter? Auguste Hirschheimer und ihr herzkranker Mann Adolf finden nach der Pogromnacht am 9. November 1938 Zuflucht bei einem Stuttgarter Freund der Familie, Heinz von Reitzenstein. „Eine Heldentat, für die Heinz mit seinem Leben hätte bezahlen können“, meint Adam. Im März 1939 gelingt den Hirschheimers die Ausreise in die Schweiz. Dort stirbt Adolf Hirschheimer nur zwei Monate später. „Er erlag seiner Krankheit, aber sicher auch einem gebrochenen Herzen“, glaubt Adam, sein Ururenkel.
Auguste Hirschheimer lebt anschließend bei Ilse und Max in England. Max Haas ist es gelungen, auch seine eigene Mutter auf die Insel zu holen. Ilse hilft dort als Übersetzerin bei den Kindertransporten, mit denen Kinder jüdischer Familien aus Deutschland nach England in Sicherheit gebracht werden, Max hat beruflich Erfolg. Doch sie bleiben „die Deutschen“ mit Flüchtlingsstatus.
Nach Kriegsende gelingt ihnen die Einbürgerung. Über ihre Herkunft sprechen sie nicht mehr. „Um nicht ein Leben lang verbittert auf die eigene Geschichte zurückzublicken, musste man sich endgültig von Deutschland lösen“, meint Adam.
Zur Ruhe kommen sie dennoch nicht. In den frühen 1960er Jahren folgen Max und Ilse ihren Töchtern Monica und Caroll nach Israel. „Die Familie fühlte sich nirgends ganz wohl“, schreibt Adam. Obwohl sie der Meinung waren, Glück gehabt zu haben, „waren sie doch auch Opfer. Die Nazis hatten ihnen das Heimatgefühl und die Identität geraubt“.
Und auch Israel ist nur eine weitere Etappe. In den 1970er Jahren kehren sie nach Europa zurück und ziehen in die Schweiz. Erst nach Lugano, dann nach Zürich. Adam notiert: „Meine Urgroßeltern ließen sich am Ende ihres Lebens gerade zwei Autostunden von der alten Heimat Stuttgart entfernt nieder. Es ist ihnen nie mehr gelungen, Wurzeln zu schlagen.“
Sein Wunsch nach Stolpersteinen für seine Vorfahren soll sich 2027 erfüllen
Gebrochene Identitäten. Damit setzt sich der junge Züricher intensiv auseinander. „Manchmal frage auch ich mich, woher ich komme“, schreibt er am Ende seiner Arbeit. „Diese Frage mit Deutschland zu beantworten, fühlt sich nicht richtig an. Trotzdem finde ich, dass es an der Zeit ist, als dritte Nachkriegsgeneration auch diesen Teil unserer Herkunft anzuerkennen. Die Biografien meiner Vorfahren sollen gewürdigt werden.“
Um an seine Vorfahren zu erinnern, hat er beantragt, in Hannover Stolpersteine für Ilse, Max und dessen Mutter zu verlegen. Für Auguste und Adolf Hirschheimer wünscht Adam sich Stolpersteine in der Hölderlinstraße 55. Ein Wunsch, der im Februar 2027 wahr werden wird. Das hat die Stolperstein-Initiative Stuttgart-West jetzt bestätigt.
Adams Engagement findet auch sonst viel Aufmerksamkeit. Jüngst war er zu Gast im Stuttgarter Kunstgebäude, wo er Fragen von Pia Preu, der Leiterin des „Lernorts Geschichte“ der Jugendhausgesellschaft beantwortete. Fragen nach Identität. Am Tag danach erzählte er seine Geschichte vor 100 Schülern und Schülerinnen am Albertus-Magnus-Gymnasium in Bad Cannstatt. „Ich habe die Erfahrungen meiner Vorfahren niedergeschrieben und für weitere Generationen dokumentiert“, sagt er. Es sei wichtig zu verstehen, „woher man kommt, um zu wissen, wohin man geht“. Adam weiß es.