Einblicke in Stuttgarter Paartherapie Maries Fehlgeburt bringt die Ehe aus dem Gleichgewicht

Patric und Marie vor ihrer ersten Sitzung Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Marie und Patric sind Familienmenschen – und wollen nun ihre eigene gründen. Aber eine Fehlgeburt sät Zweifel. Wir begleiten die beiden bei Ihrer ersten Paartherapie-Sitzung im Stuttgarter Westen.

Psychologie/Partnerschaft: Florian Gann (fga)

Die Sonne scheint durch das offene Fenster, die Gesichter von Marie und Patric sind freundlich ausgeleuchtet. Das Stuttgarter Paar geht herzlich miteinander um, sie lächeln viel, strahlen sich an. Würde man Marie, 29, und Patric, 28, auf der Straße begegnen, man hielte sie wahrscheinlich für ein rundum glückliches Paar. Seit sieben Jahren sind sie zusammen, seit einem Jahr verheiratet. Trotzdem sind sie hier in einer Paartherapie-Praxis im Stuttgarter Westen, gegenüber von ihnen hat die Therapeutin Franciska Wiegmann-Stoll Platz genommen. Die Therapeutin beginnt mit Fragen über die Familien der beiden ein Gespräch, das nach Smalltalk klingt, aber doch gleich zum Grund führt, warum die beiden hier sind: ihre Fehlgeburt im vergangenen November.

 

Normalerweise bleibt strikt im Raum, was bei einer Paartherapie besprochen wird. Das Paar und die Therapeutin Wiegmann-Stoll, die in Schwieberdingen und Stuttgart etwa 30 Paare betreut, haben sich bereit erklärt, dass unsere Zeitung dabei sein kann, wenn über das Innerste und Intimste einer Paarbeziehung gesprochen wird. Wir werden Marie und Patric (den man wie Patrice ausspricht) bei insgesamt drei Sitzungen begleiten.

Die Gedanken um die Fehlgeburt sind sehr präsent

Marie und Patric sind in größeren Familien aufgewachsen. Sie ist das mittlere von drei, er das mittlere von fünf Kindern. Das Aufwachsen in den großen Familien hat beide geprägt. „Es ist uns klar, dass wir eine größere Familie gründen wollen“, sagt Marie. Sie habe sehr früh über ihre Familienvorstellungen mit ihm gesprochen, sagt Patric, auch er habe sich immer Kinder gewünscht. Aber die Fehlgeburt habe klargemacht, „man kann sich das nicht einfach vornehmen, wie man will“, sagt Patric.

Die Gedanken kreisen wieder um die wahrscheinlich dunkelste Stunde, die das Stuttgarter Paar gemeinsam erlebt hat. Im vergangenen November, Marie war gerade schwanger, setzen bei ihr in der Nacht schwere Blutungen und Krämpfe ein. Sie gehen ins Krankenhaus, und dort findet man keinen Herzschlag bei dem Kind, das in Maries Bauch heranwachsen sollte.

Ihn bedrückt das Gefühl, sie alleine gelassen zu haben

Marie und Patric können wieder nach Hause gehen, die nächsten Stunden verbringen die beiden zwischen Sofa und Klo. Marie hat Schmerzen von den Krämpfen, Patric ist immer an ihrer Seite und fragt sich: „Wie kann ich ihr helfen? Und was, wenn auch noch ihr was passiert?“ Am Ende dieser Nacht haben Sie den Fötus in einer Binde vor sich. Das wollten sie so. Die beiden gehen aber sehr unterschiedlich mit der Fehlgeburt um, und sie bringt die Beziehung etwas aus dem Takt.

„Es bestärkt mich ungemein, das alles überstanden zu haben“, sagt Marie. Es sei eine wichtige Erfahrung für sie gewesen, dass mit ihrem Körper erlebt zu haben, erzählt sie. „Das mit der Stärke ist für mich nicht da“, sagt Patric. „Ich hatte das Gefühl, komplett hilflos zu sein. Und auch, Marie im Stich zu lassen“, erzählt er. Am Tag nach der Fehlgeburt hat er einen 10 Minuten langen Heulanfall im Badezimmer. Dann sagt er sich: „Du hattest jetzt deine 10 Minuten, das ist jetzt vorbei. Deinem Körper geht es gut, du musst jetzt für sie da sein.“ Da sei der Gedanke gewesen, „du bist ein Mann, du musst stark sein“, sagt Patric, obwohl er diese Vorstellungen eigentlich ablehne. Franciska Wiegmann-Stoll hört ihm aufmerksam zu und spielt den Ball weiter: „Wie hast du das wahrgenommen, Marie?“

Marie fühlt sich voll unterstützt

„Ich habe das gar nie so empfunden, dass du nichts machen kannst“, sagt Marie. „Für mich war immer klar, wir stehen das zusammen durch, und du darfst 50 Prozent Anteil an allem haben“, sagt Marie. „Allein deine Präsenz zu haben, ist total viel für mich wert. Ich habe mich nicht in einem Atemzug allein gefühlt“, so Marie weiter, und: „Ich vertraue total auf diese Partnerschaft.“ Wiegmann-Stoll unterstreicht Patric’ Rolle: „Du hast den Rahmen gehalten“, also der Situation, bei der er nur zuschauen konnte, eine gewisse Stabilität gegeben.

Es sei sehr schön zu hören, dass sich Marie nie alleine gefühlt habe, Patric ist gerührt: „Ich konnte mich gerade kaum zusammenreißen“, sagt er. „Vielleicht sollte ich mehr daran arbeiten, das auch anzunehmen.“ Es scheint, als könnte sich das Paar nun auf neue Herausforderungen konzentrieren – denn Marie ist wieder schwanger.

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