Einblicke in Stuttgarter Paartherapie Pete fällt es schwer, seiner Frau Wünsche zu erfüllen

Pete und Ella in ihrer ersten Therapiestunde bei Franciska Wiegmann-Stoll im Stuttgarter Westen Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Ella und Pete sind seit 14 Jahren ein Paar. Seit einiger Zeit belastet Petes Depression die Beziehung. Wie läuft die erste Sitzung ihrer Paartherapie im Stuttgarter Westen? Am Ende fließen die Tränen, und die Therapeutin gibt beiden eine Aufgabe mit.

Familie, Zusammenleben und Bildung: Eva-Maria Manz (ema)

Franciska Wiegmann-Stoll hat sich gegenüber von Pete und Ella auf einen Stuhl gesetzt, schenkt den beiden je noch ein Glas Wasser ein. Nachdem sie sicher gegangen ist, dass Pete mit seinem eigenen Therapeuten im Gespräch ist zu seiner Depression, geht es los. Heute sind Ella, 35, und Pete, 37, zum ersten Mal in der Paartherapie im Stuttgarter-Westen, wir werden sie in den kommenden Wochen bei drei Sitzungen begleiten. Zuvor hatten sie einen Fragebogen zu ihrer aktuellen Situation und der Vergangenheit ihrer Beziehung ausgefüllt. Das Paar wirkt angespannt, aber offen und trotz ihrer Situation heute gut gelaunt.

 

Wiegmann-Stoll fragt Ella: „Wie geht es dir?“ Ella antwortet: „Petes Krankheit belastet mich, ich werde in eine mütterliche Rolle gedrängt, weil es ihm an Antrieb fehlt, ich frage so etwas wie: ,Hast du auch Zähne geputzt?‘“ Wiegmann-Stoll stellt fest: „Die Rollen verrutschen, du bist Mama, er Kind.“ Ella antwortet, das wolle sie nicht, doch meist drehe sich alles um Pete und wie es ihm geht: „Er soll sich auch mal um mich kümmern, ich verstehe ihn ja und ich weiß, er ist krank, aber dauernd bin ich die Erwachsene und muss alles machen.“ Pete sagt: „Ich habe oft das Gefühl, Ella eine Last zu sein.“ Pete kann seit zwei Jahren nicht mehr arbeiten. Ella verdient jetzt das Geld für beide, Pete kümmert sich weitgehend um den Haushalt. Beide antworten sehr beherrscht, sind respektvoll miteinander, schauen einander oft in die Augen.

„Abenteuer und Spannung sind nicht unwichtig für eine Paarbeziehung“

„Was beschäftigt euch im Alltag, wie ist da euer Kontakt?“, fragt Franciska Wiegmann-Stoll. Ella und Pete müssen kurz nachdenken, Pete sagt: „Wir sind wirklich etwas Besonderes, beide ein bisschen komisch, haben den gleichen Humor.“ Ella antwortet: „Wir sprechen miteinander, gehen zusammen joggen, lesen zusammen Bücher, gehen gerne in Museen.“ Wiegmann-Stoll hält inne, bemerkt: „Ella, du wirkst nachdenklich.“

Ella sagt, sie rede manchmal wohl zu wenig über Probleme. Wiegmann-Stoll hakt nacht: „Was fehlt dir?“ Ella antwortet sofort: „Mehr Partnerschaft, dass wieder Romantik reinkommt.“ Zu Pete sagt Ella jetzt: „Zu oft gammelst du vor dem Computer und ich auf der Couch. Stattdessen könnte man sich öfter überraschen, wie als du mir einmal Zimtschnecken mitgebracht hast.“

Franciska Wiegmann-Stoll erklärt: „Für eine Paarbeziehung sind Abenteuer und Spannung nicht unwichtig, man lebt einerseits in einer Partnerschaft, andererseits in einer Liebesbeziehung. Pete, du siehst fragend aus.“ Pete, der aus Australien stammt, überlegt manchmal etwas länger, schaut auf seine Hände, formt die Sätze wahrscheinlich erst auf Deutsch in seinem Kopf, schaut zur Decke. Dann antwortet er: „Ich denke gerade darüber nach, ob ich früher romantischer war, ich habe so viele Erwartungen an mich, die ich nicht erfüllen kann.“

Pete soll sich eine Überraschung für Ella einfallen lassen

Franciska Wiegmann-Stoll erklärt, das sei oft typisch bei einer Depression. Die Therapeutin sagt, sie wolle jetzt noch eine Sache gemeinsam erarbeiten: Wenn Ella einen kleinen Wunsch hätte, was wäre das? Ella überlegt: „Vielleicht eine Überraschung, es kann auch eine Idee für einen Ausflug sein, dass Pete sich eben Gedanken macht.“ Wiegmann-Stoll fragt Pete, ob es ihm leicht fallen würde, Ellas Wunsch zu erfüllen. Er fühlt sich unsicher, das spürt man, sagt, dass ihm bestimmt nichts Gutes einfällt, er nicht wisse, was sie wirklich wolle. „Ella, noch einmal zu dir“, sagt Wiegmann-Stoll, „warum brauchst du es, dass Pete das macht?“ Ella: „Für die Spannung, die Romantik, eigentlich ist ja vieles gut zwischen uns, aber er nimmt zu viel Rücksicht.“

„Pete, was wünschst du dir denn von Ella?“, fragt dann Franciska Wiegmann-Stoll. Pete weiß es auch ziemlich schnell: Ella soll ihn richtig begrüßen, wenn sie von der Arbeit kommt, zum Beispiel mit einem Kuss. „Ich möchte spüren, dass sie sich freut, dass ich da bin“, sagt Pete. „Für mich sind Kleinigkeiten ganz groß.“

„Wie geht es dir damit, Ella?“, fragt Wiegmann-Stoll. Ella möchte etwas sagen, doch da kommen ihr die Tränen: „Ich weiß nicht, warum ich so emotional werde, ich kriege Schuldgefühle.“ Pete und Ella schauen einander in die Augen, Pete sagt: „Es ist ungewöhnlich, dass sie weint und nicht ich. Ich wollte dir nicht weh tun.“

Franziska Wiegmann-Stoll reicht Ella ein Taschentuch. Sie gibt dem Paar die Aufgabe, diese kleinen Gesten der Zugewandtheit und des romantischen Abenteuers auszuprobieren und die heutige Sitzung sacken zu lassen. Beim nächsten Mal soll es auch um die Zukunft gehen. Ella und Pete haben sich gegen eigene Kinder entschieden – doch daraus ergibt sich für beide die Frage: Was wird dann noch kommen?

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