Eine 51-Jährige arbeitet ihr Trauma auf Erniedrigt in der Kinderheilanstalt

Der Holzzaun der früheren Kinderheilanstalt steht noch. Dahinter hat Andrea Weyrauch als junges Mädchen eine traumatisierende Zeit erlebt. Foto: Gottfried Stoppel

Preisgekrönte Plus-Reportage: Andrea Weyrauch ist sechs Jahre alt, als ihre Kinderärztin ihr 1975 eine sechswöchige Kur verordnet. Elternbesuche sind dort verboten, Erniedrigungen durch die Erzieherinnen an der Tagesordnung.

Familie/Bildung/Soziales: Hilke Lorenz (ilo)

Für ihre Reportage über Verschickungskinder erhält die StZ-Autorin Hilke Lorenz den mit 3000 Euro dotierten Diakonie-Journalistenpreis 2020. „Der Beitrag ist fesselnd geschrieben, zwingt zum Nachdenken über ungeheuerliche Vorgänge und bringt endlich in die Öffentlichkeit, was die Betroffenen Jahrzehnte ihres Lebens mit sich herumtragen“, so begründet die Jury die Preisvergabe in der Kategorie Print an die 58-Jährige.

 

Asperg - Es ist einer dieser Tage, an denen Andrea Weyrauch ihre rote Jacke anzieht. Es gibt solche Lieblingskleidungsstücke in jedem Kleiderschrank. Es gibt die Momente, in denen sie einen unverwundbar machen sollen, weil man sich in ihnen gut fühlt.

An diesem Novembermorgen begibt sich Andrea Weyrauch auf eine heikle Spurensuche. 84,3 Kilometer lang ist der Weg von der Gegenwart in die Vergangenheit – von Asperg im Kreis Ludwigsburg nach Jagstfeld, heute ein Stadtteil von Bad Friedrichshall bei Heilbronn. Andrea Weyrauchs Ziel ist das Kindersolbad. 1975 war sie hier als Verschickungskind, wie es in der Behördensprache heißt, zur Kur. Sechs Wochen ohne Eltern. Sechs Jahre war sie alt, allein bei fremden Tanten, die statt Wärme eisige Kälte ausstrahlten. Statt fürsorglich zu sein, drohten und demütigten sie. Die Kur war eine seelische Tortur.

Dabei sollte eigentlich alles zu ihrem Besten sein. Das Heim war auf Atemwegserkrankungen, orthopädische Probleme und übergewichtige Kinder spezialisiert. Die Sechsjährige hatte eine Mandeloperation hinter sich. „Ich war kein ängstliches Kind“, sagt sie. Die Tage im Krankenhaus hat sie als unbeschwerte Zeit in Erinnerung, trotz der Trennung von den Eltern. „Offenbar waren die Schwestern dort freundlich und uns Kindern zugewandt.“

Schlimm war aber, was auf die Zeit im Krankenhaus folgte. „Wenn das chronisch wird, geht es aufs Herz“ hatte ihre resolute Kinderärztin prophezeit und ihr die Kur verordnet. Die Krankenakte mit dem genauen Befund hat Andrea Weyrauch bisher nicht finden können. „Meine Eltern zweifelten nicht an der Diagnose“, sagt sie. Für die Postmitarbeiterin und den Montagearbeiter war die Kinderärztin eine Autorität, der sie nicht widersprachen. Am 4. April 1975 packten sie die Koffer, stiegen in ihren weißen Simca und lieferten ihre Tochter im Kindersolbad ab.

Nur noch der Name ist von damals

„Ich bin seit damals nie mehr hier gewesen“, sagt die 51-Jährige, als das Navi im Auto verkündet „Ziel erreicht“. Während sie das sagt, beginnt ihr Herz schneller zu schlagen. Dabei bringt sie so schnell nichts aus der Ruhe. Andrea Weyrauch hat zwei Kinder, ist Erziehungswissenschaftlerin und Psychologin, coacht inzwischen Manager und arbeitet ehrenamtlich in einem Kinderhospiz.

Heute ist das Kindersolbad ein Ort, an dem nicht mehr viel an die fast 160-jährige Geschichte der Einrichtung erinnert. 2017 wurde das alte Gebäude abgerissen und bereits 2007 ein neues auf einem angrenzenden Areal erbaut. Davor steht Andrea Weyrauch jetzt. Die Einrichtung heißt noch Kindersolbad, aber nur noch der Name ist von damals. Der Träger hat gewechselt, Kuren für Kinder gehören nicht mehr zum Angebot. Heute können hier Kinder bei familiären Krisen aufgenommen werden. „Stärken stärken – Schwächen schwächen. Seit 1862“ steht auf der Tafel, die Besucher herzlich willkommen heißt. Das Haus ist jetzt eine Einrichtung der Jugendhilfe Bad Friedrichshall mit einem „multiprofessionellen Team von sozial- und heilpädagogischen, psychologischen und medizinischen Fachkräften“, wie es in der Selbstbeschreibung heißt.

Andrea Weyrauch machen die Worte auf der Tafel dennoch eine Gänsehaut. Auf der Facebook-Seite der Einrichtung hat sie geschrieben: „Was dort betrieben wurde, war seelischer Missbrauch vom Feinsten.“ Und dass sie auf der Homepage des heutigen Kindersolbades keine Aufarbeitung erkennen könne. In einer Antwort der Jugendhilfe heißt es: „Es tut uns leid, dass Sie damals so schlechte Erfahrungen gemacht haben. Sicher gab es Zeiten in der Geschichte des Kindersolbades und auch anderer ähnlicher Einrichtungen, in denen die Behandlung der Kinder unvorstellbar war im Gegensatz zu den heutigen Standards.“

„Die alte Hexe“ von der Nachtaufsicht

Andrea Weyrauch erinnert sich „an die alte Hexe von der Nachtaufsicht“, wie die Kinder sie damals nannten. Die sechsjährige Andrea konnte vor Angst nicht schlafen und fühlte sich so alleine, dass sie im Dreierzimmer immer wieder eines der anderen Mädchen mit der Fußspitze weckte. Nachts nässte sie sich ein. Die alte Hexe war gnadenlos, wenn sie das Malheur entdeckte. Es gab Nächte, da kuschelte sich Andrea in ihr nasses Bett. Alles war besser, als enttarnt und danach öffentlich bloßgestellt zu werden.

Es gab Tage, da hob sie im Speisesaal den Daumen. Geredet werden durfte dort nicht. Das Handzeichen bedeutete: Kann ich noch eine Portion haben? Als Antwort kam der Ruf quer durch den Saal: „Du bekommst nicht mehr. Du bist zu dick!“ Wer das alte Fotoalbum durchblättert, sieht ein Kind, das alles andere als zu dick ist. Warum dann das knappe Essen?, fragt sich Andrea Weyrauch. Und die viel drängendere Frage, die sie bewegt: Warum wurde sie überhaupt in Kur geschickt wurde? Immer wieder findet man in den verbliebenen Akten, die im Ludwigsburger Staatsarchiv liegen, den Hinweis auf die mangelnde Auslastung des Heimes.

Das Trauma der Verschickungskinder

Andrea Weyrauch fragt sich, welche Interessen hinter den Verschickungen steckten. Betroffene, die in anderen Kinderheilanstalten waren und sich auf einen Aufruf der Publizistin Anja Röhl gemeldet haben, berichten, dass sie ihr Erbrochenes aufessen mussten und vorher nicht vom Tisch aufstehen durften. Das ist es, was Andrea Weyrauch „seelischen Missbrauch vom Feinsten“ nennt und was nicht nur in ihr das Gefühl des Ausgeliefertseins auslöste. Auf Röhls Initiative treffen sich ehemalige Verschickungskinder am Wochenende auf Sylt. Sie wollen ihre Erlebnisse austauschen und herausfinden, ob es sich dabei „um ein Massenphänomen handelt“. Auch Andrea Weyrauch wird dort sein. In der Bundesrepublik soll es mehr als 800 Kurheime gegeben haben. Von der Verschickung betroffen waren von den 50er bis weit in die 80er Jahre etwa acht Millionen Kinder, manche von ihnen waren erst zwei Jahre alt.

„Wie sollen Kinder unter diesen Bedingungen groß werden?“

Damals war der – inzwischen aufgelöste – Landeswohlfahrtsverband Träger des Kindersolbads. Durch den Wechsel 2003 habe man keine Akteneinsicht in die Vorgänge der damaligen Zeit, was eine Aufarbeitung schwierig mache, sagt Benjamin Kaufmann, seit 2010 in der Geschäftsführung der Jugendhilfe. „Es tut mir leid, wie man damals mit Kindern umgegangen ist. Angesichts dessen, was wir über die Bedeutung von Bindung wissen, stellt sich die Frage: Wie sollen Kinder unter diesen Bedingungen gesund werden?

Sollte sich bewahrheiten, was die Berichte der Betroffenen erahnen lassen, ist ein kritischer Blick und eine gesellschaftliche Aufarbeitung der Verschickungskuren, ähnlich wie bei den Heimkindern, überfällig.

Andrea Weyrauch hält eine Schwarz-Weiß-Fotografie in der Hand. Es ist die einzige augenfällige Erinnerung an die Zeit, ihre Krankenakte hat sie bis jetzt in keinem Archiv finden können. Das Foto zeigt Kinder, die im Kindersolbad auf einer Wippe sitzen. Im Hintergrund ist ein Zaun zu sehen. Er steht noch. Andrea Weyrauch ist nicht auf dem Foto.

Sie verpasst das große Abschiedsfest

Nach sechs langen Wochen holte ihr Vater sie schließlich einen Tag früher als geplant ab. Sie verpasste das große Abschiedsfest, obwohl man sie offenbar hatte überreden wollen, noch zu bleiben. Sie sieht sich am Telefon stehen und ihre Eltern anflehen, sie zu holen, weil sie so Heimweh habe. Ihr Vater erzählte später, er habe auf dem Heimweg von der Arbeit oft nach ihr geschaut und sie, hinter Bäumen versteckt, beim Spielen beobachtet. Er habe das Gefühl gehabt, es gehe ihr gut.

Besuche waren verboten. Die Eltern hielten sich an die Vorgaben. Das Kind war ihnen lange böse, weil es sich verraten fühlte. Viel zu lange, sagt Andrea Weyrauch heute. „Ich hätte meine Wut woanders hinrichten sollen.“ Ein gewisses Grund-Misstrauen, die Frage, wem sie überhaupt trauen kann, sei bis heute als Überrest dieser schlimmen kindlichen Erfahrung geblieben, sagt sie.

Auf die Rückseite des Schwarz-Weiß-Fotos hat eine Betreuerin „Zur Erinnerung an deinen Kuraufenthalt im“, dann folgt der Stempel „Kindersolbad Bad Friedrichshall, Haus Pinguin“, geschrieben. Unterzeichnet mit dem Gruß „Dein Frl. Ursel“. Andrea Weyrauch wüsste gern mehr über die Frau. Ob es die junge Betreuerin war, die sie als einzige liebevolle Ausnahme in Erinnerung hat?

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Reportage