Eine Sternenmama erzählt „Der Tod des eigenen Kindes ist etwas Schreckliches“

Ein kleines Grabfeld erinnert an Sternle. Schwester Leni bringt dem Geschwisterchen oft Selbstgebasteltes. Foto: Lisa Glashauser

An Weihnachten vor drei Jahren geriet Lisa Glashausers Leben ins Wanken. Sie musste ihr Kind tot zur Welt bringen. Die Geschichte der Frau aus Wiernsheim (Enzkreis) berührt.

Ludwigsburg: Karin Götz (kaz)

Weihnachten – das Fest des Lichts, der Freude und der Hoffnung – steht vor der Tür. Lisa Glashauser freut sich auf die Feiertage, und doch haben sie für sie auch eine schmerzvolle Seite. Vor drei Jahren verlor die heute 35-Jährige in der 18. Schwangerschaftswoche ihr zweites Kind. Ein Schicksalsschlag, der das Leben der jungen Mutter und ihre Sicht auf selbiges veränderte. „Ich bin sehr sensibel und noch empathischer geworden“, sagt sie. Positive Charaktereigenschaften, die bisweilen auch belasten können.

 

Die gelernte Krankenschwester, die im Landkreis Ludwigsburg in Nussdorf aufgewachsen ist und inzwischen in Iptingen im benachbarten Enzkreis lebt, arbeitet inzwischen wieder auf einer Intensivstation, doch der Verlust ihres Kindes hat auch auf die Arbeit Auswirkungen. „Ich kann Kinder oder junge Menschen, die zu uns auf Intensiv kommen, nicht betreuen. Das schaff’ ich nicht.“

Erste Fehlgeburt in der Frühschwangerschaft

Bereits 2019 musste Lisa Glashauser eine Fehlgeburt verarbeiten. Damals verlor sie ihr Baby in der achten Schwangerschaftswoche. „Das ist natürlich auch schlimm, aber ich kam klar damit“, sagt sie. Ein Jahr später wurde sie wieder schwanger. Diesmal ging alles gut. Tochter Leni kam im Januar 2021 zur Welt.

Im Sommer 2022 sollte ein weiteres Kind das Familienglück perfekt machen. Der errechnete Geburtstermin war im Mai 2023. Die Schwangerschaft verlief ohne Probleme. Auch beim regulären Check Ende November war alles okay. Doch dann kamen die Feiertage und Lisa Glashauser fühlte sich körperlich und mental nicht gut. „Irgendwie war es nicht wie in den Wochen und Monaten zuvor.“

Die innere Unruhe wurde noch größer, als die 35-Jährige von einer Totgeburt träumte. „Es war furchtbar“, erinnert sie sich, und ihre Stimme stockt. Ein Kontrolltermin am 27. Dezember sollte Gewissheit bringen, dass alles gut ist. Doch nichts war gut. „Der Arzt schaute beim Ultraschall auf den Monitor und schwieg. Ich sah, dass das Herz meines Kindes nicht mehr schlug.“

Ja, ich bin glücklich, sagt Lisa Glashauser – doch der Schmerz über den Verlust ihres Sternles wird immer bleiben. Foto: privat

„Ihr Kind lebt nicht mehr“

Irgendwann legte der Mediziner das Ultraschallgerät weg und sprach aus, was Lisa Glashauser schon wusste: „Ihr Kind lebt nicht mehr.“ Fünf Worte, die die Welt ins Wanken bringen. „Ich war komplett überfordert und bin irgendwie heimgefahren.“

Der Arzt gibt ihr eine Überweisung für das Krankenhaus. Die Geburt muss eingeleitet werden. Lisa Glashauser fährt mit ihrem Mann noch am selben Tag ins Leonberger Krankenhaus. Die Ärzte schicken sie jedoch wieder nach Hause. „Ich hatte zu starke Kopfschmerzen.“

Die Geburt kostet viel Kraft

Tags darauf wird die Geburt eingeleitet. Es braucht mehrere Versuche, bis die Wehen einsetzen. „Das hat unheimlich viel Kraft gekostet“, erzählt Lisa Glashauser. Kurz vor Mitternacht kommt Sternle auf die Welt. „Wir wussten nicht, ob es ein Mädchen oder ein Junge wird, und deshalb haben wir diesen Namen gewählt.“

Katrin Lasinski von der Initiative Wolkenband näht Kissen, die an die Sternenkinder erinnern. Foto: Lisa Glashauser

Die ganze Nacht verbringt das Mädchen, dessen Herz im Bauch der Mutter zu schlagen aufgehört hat, in einem Körbchen zwischen den Eltern. Eine Zeit, die wichtig ist. Um sich der Situation bewusst zu werden. Um Erinnerungen zu schaffen. Um einen ersten Abschied zu nehmen.

Die Obduktion bringt Antworten auf quälende Fragen. Das 24 Zentimeter große und 215 Gramm schwere Mädchen war gesund, doch die Plazenta war unzureichend entwickelt und konnte das kleine Wesen nicht gut versorgen.

In Stuttgart, Heilbronn und Ludwigsburg gibt es dieses Jahr Erinnerungsbäume für Sternenkinder. Foto: Lichtgut

Die Fotos, die die Eltern von ihrer zweiten Tochter machen, sind die ersten und werden die letzten sein. „Du siehst dein Kind – ganz filigran liegt es da. Ein kleiner Mensch, der nicht leben durfte“, sagt die 35-Jährige und kämpft mit den Tränen. „Der Tod des eigenen Kindes ist etwas Schreckliches. Eine Totgeburt ist etwas ganz Schreckliches.“

Der Weg nach der Totgeburt zurück in den Alltag ist schwer

Nach sechs Wochen beginnt die Krankenschwester wieder mit der Arbeit. Sie funktioniert, doch sie spürt, dass sie das Erlebte verarbeiten muss. „Für die anderen war es irgendwann Alltag, aber für mich schien das Leben nicht weiterzugehen.“ Die 35-Jährige findet Hilfe bei Katrin Lasinski und ihrer Initiative Wolkenband. Die Sternenmutter aus Ingersheim hat ihre Zwillinge verloren und unterstützt seit 2017 Frauen, denen dasselbe passiert ist. Das Reden mit anderen. Das Wissen, dass sie verstehen. Dass sie fühlen, was man selbst fühlt. Für Lisa Glashauser sind das wichtige Anker.

Sternle ist immer präsent. Oft besucht die Familie das Grab, bringt Blumen oder Selbstgebasteltes. Auch an Weihnachten. „Eigentlich ist das eine schöne Zeit, aber bei uns fehlt immer jemand.“

Erinnerungsbäume für Sternenkinder

Erinnern
In der Region werden dieses Jahr drei Erinnerungsbäume für Sternenkinder aufgestellt. In Stuttgart steht der Baum bereits beim Fernsehturm, in Heilbronn wird er am 29. November auf dem Käthchen-Weihnachtsmarkt aufgestellt und in Ludwigsburg am 6. Dezember auf dem Arsenalplatz. Am Worldwide Candle Lighting Day, dem 14. Dezember, werden um 18.30 Uhr Kerzen im Gedenken an die Verstorbenen entzündet.

Aktion
Die Bäume können mit personalisiertem Baumschmuck geschmückt werden. Die Idee dahinter ist es, die verstorbenen Kinder sichtbar zu machen. Der Baumschmuck kann vor Ort gestaltet werden. Es kann aber auch eigener Schmuck mitgebracht und aufgehängt werden.

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