Eine Welzheimerin mit Post-Covid-Syndrom lebt jetzt auf Sylt Neustart an der Nordsee

Wassertreten am Strand von Westerland. Sylt tut Astrid Szelest gut. Foto: Martin Tschepe Foto:  

Astrid Szelest aus Welzheim hat Post Covid. Auch deswegen suchte sie sich mit ihrem Mann ein neues Zuhause mit Luft wie Medizin: die Insel Sylt.

Rems-Murr/ Ludwigsburg: Martin Tschepe (art)

Der Himmel über Sylt ist mystisch grau an diesem Herbsttag. Westerland am Morgen. Nahezu windstill und auch deshalb recht mild für die Jahreszeit. Astrid Szelest ist um sieben aufgewacht, ohne Wecker. Die Nacht war okay. Die Frau aus Welzheim macht sich einem Kaffee, liest ein paar Minuten lang online in ihren Heimatblättern, der „Backnanger Kreiszeitung“ und der „Welzheimer Zeitung“. Dieser Tag im November beginnt für sie wie jeder andere seit ihrem Umzug vom Schwäbischen Wald 900 Kilometer nach Norden. Langsam, gemächlich, ritualisiert. Die 55-Jährige hat alle Zeit der Welt. Alle Zeit der Welt und Post Covid.

 

Früher war alles anders, in ihrem ersten Leben. Astrid Szelest hat bis zu ihrer Coronainfektion Anfang 2022 ein Leben auf der Überholspur geführt. Das ist vorbei. Für immer. Nicht immer schön, aber „anders gut“, sagt die Frühpensionärin und lächelt.

Neun Uhr. Im Leben Nummer eins wäre sie um diese Zeit längst im Rathaus gesessen. Astrid Szelest war bei Stadtverwaltung Backnang Leiterin der Schulverwaltung. In dieser Funktion hat sie auch das Projekt „Naturparkschulen“ im Rems-Murr-Kreis mit ins Leben gerufen. Alle Naturparkschulen verpflichten sich, das Thema Natur ausführlicher zu behandeln als eigentlich im Lehrplan vorgesehen.

60-Stunden-Wochen bei der Stadtverwaltung Ebersbach

Im Februar 2021 hat Astrid Szelest den Arbeitsplatz gewechselt und bei der Stadt Ebersbach die Leitung des Fachbereichs Bürgerservice und Bildung übernommen. Zu Pandemiezeiten ein noch viel zeitintensiverer Job als die Stelle in Backnanger Rathaus. 50-, manchmal sogar 60-Stunden-Wochen waren plötzlich die Regel. Der Beruf, sagt sie, war ihre Berufung. Zurück haben will sie ihr altes Leben aber nicht mehr. Sie hat das neue angenommen, schätzt die neuen Freiheiten trotz aller Einschränkungen.

Die Arbeitstage waren früher komplett durchgetaktet. Oft kam die Beamtin erst spät am Abend nach schier unendlichen Gemeinderatssitzungen nach Hause. In Welzheim ist Astrid Szelest aufgewachsen – und dort blieb sie. Über einen Umzug dachte sie nie nach. Sie engagierte sich ehrenamtlich bei der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald, beim lokalen Sportverein und in einer Einrichtung für behinderte Menschen. Nebenbei arbeitete sie außerdem als Dozentin an der Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie in Stuttgart und Karlsruhe. Sie war ständig unterwegs, besonders gern als Wildnispädagogin in der Natur. Sie war topfit, lief sogar Ultra-Marathons. Seit der Coronainfektion hat Astrid Szelest ständig fiese Gelenkschmerzen, immer wieder üble Migräne und Atemnot. Der Geschmackssinn und der Geruchsinn sind seit zweieinhalb Jahren weg.

An diesem Vormittag auf Sylt packt sie ein paar Sachen für den ersten Ausflug zum Strand zusammen. Immer im Gepäck sind Müllbeutel, Fernglas, Handtuch. Manchmal eine Thermoskanne mit heißem Tee. Der Weg zum Strand ist kurz, nur ein paar Schritte, vorbei am Sansibar-Store und am legendären Café Orth in der Fußgängerzone.

Ankunft am Strand. Zunächst ein paar Tai-Chi-Übungen zum Runterkommen und zum Entspannen. Danach wird Müll eingesammelt. „Ich will der Insel etwas zurück geben“, sagt sie. Eine Stunde verbringt Astrid Szelest jeden Vormittag am Strand. Die Luft an der Nordsee ist für ihre lädierte Lunge wie Medizin. Die nächtliche Atemnot ist nicht ganz weg, „aber in Westerland muss ich maximal eine Stunde lang japsen“. In Welzheim waren es oft drei, vier quälende Stunden.

Ihr Mann arbeitet jetzt als Hauswart bei Gosch

Nach einer Reha auf Sylt im April 2022 und nach mehreren Kurzurlauben an der Nordsee wurde ihr und ihrem Mann Rüdiger immer klarer: Ein Umzug ans Meer würde einen echten Gewinn an Lebensqualität bedeuten. Und so wuchs der kühne Plan: neue Heimat Sylt! Was für eine Schnapsidee, haben manche Freunde vermutlich gedacht. Ausgerechnet Sylt! Die Insel der Reichen und Schönen. Der Ort mit den bundesweit höchsten Mieten und teuersten Immobilien. Rüdiger Szelest hat sich nicht beirren lassen, auf Sylt einen Job gesucht – und überraschend schnell einen gefunden. Seit Anfang September arbeitet der 59-jährige Ur-Schwabe bei Deutschlands bekanntestem Fischhändler. Technischer Hauswart beim Gosch – „wie ein Sechser im Lotto“. Er sei von den Nordlichtern mit offenen Armen aufgenommen worden, sagt Rüdiger Szelest. Das Ehepaar hat eine coole Dienstwohnung mitten in Westerland bezogen. Manche Nachbarn staunen anerkennend, wenn er samstags die Kehrwoche macht, erzählt Rüdiger Szelest. Die Dinge haben sich gefügt.

Zehn Uhr am Strand. Ein Beutel Müll ist gesammelt. „Viel weniger als im Hochsommer“, sagt Astrid Szelest. Im Sand liegt ein toter, angeschwemmter Fisch. Der bleibt, wo er ist. Astrid Szelest macht ein Foto. Später wird sie im Internet ein bisschen recherchieren, was das für ein Fisch ist. Tiere und Pflanzen bestimmen – das hat sie bei ihrer Ausbildung zur Wildnispädagogin gelernt. Das helfe ihr jetzt, das Gehirn zu trainieren, sagt sie. Nach der Coronainfektion hatte Astrid Szelest immer wieder Ausfallerscheinungen, sie hat Worte vergessen oder ihre PIN-Nummer. „Ich konnte nicht mehr richtig denken.“ Auch das Psychologie-Online-Studium, das sie vor eineinhalb Jahren aufgenommen hat, helfe ihr die grauen Zellen zu trainieren und den Alltag ohne festen Job zu strukturieren.

Astrid Szelest hat Schuhe und Strümpfe ausgezogen. Wassertreten hilft den lädieren Gelenken. Sie ist überzeugt: „Das Meer heilt mich, ich werde gesund.“ Nicht alle Ärzte teilen ihren Optimismus oder befürworten ihre Schwimmeinheiten im mitunter eiskalten Salzwasser am Oststrand von Hörnum. Astrid Szelest weiß, dass einige ihrer Mitpatienten aus der Rehazeit inzwischen aufgegeben haben. Kommt für sie nicht in Frage.

Auch ihr Lada ist jetzt Nordfriese: Astrid und Rüdiger Szelest in Hörnum. Foto: Martin Tschepe

Klar gebe es nach wie vor üble Tage, mitunter komme sie gar nicht aus dem Bett. Aber an all den anderen Tagen folgt sie ihren Ritualen. Nach dem morgendlichen Ausflug gibt es Frühstück. Wer die schmucke Zweizimmerwohnung betritt, wird von historischen Welzheim-Fotos empfangen. Ein Abschiedsgeschenk der Parasport-Gruppe, die sie bis zum Sommer betreute. Gleich neben den Bildern hängt eine Tasche mit der Aufschrift „Es wartet noch viel Meer auf Dich“.

Nach der Mittagsruhe wird ein bisschen gelernt. Astrid Szelest will nach dem Abschluss ihres Fernstudiums als Coach arbeiten, Menschen beraten, die beruflich und privat überfordert sind. Am Nachmittag geht es dann wieder raus zur Gymnastik am Strand. Gegen 15 Uhr ist zumeist Rüdigers wichtige K-Frage geklärt: Welchen Kuchen gibt’s heute? Die Gattin hat Streuselkuchen mit Kirschen geholt. Und dann sitzen die beiden bei Tee oder Kaffee, erzählen von ihrem „Abenteuer Sylt“, vom „Auswandern light“, von einer tollen Willkommenskultur auf der Insel.

Sie würde gern Wattwanderungen anbieten

Sie sagt: „Ist doch toll, ich darf auf Sylt wohnen und studieren.“ Und er berichtet, dass er sich beim örtlichen Sportverein als Leichtathletik-Trainer engagieren möchte, wie bis zum Sommer dieses Jahres beim VfL Waiblingen. Bei dem Remstalverein hat Rüdiger Szelest ein paar Nachwuchsläufer auf Meisterschaften vorbereitet. Astrids Szelest arbeitet seit Anfang November ein bisschen mit beim Parasport des TSV Westerland, kürzlich war sie erstmals mit einer Gruppe zum Schwimmen im Hallenbad. Sie hat auch beim Erlebniszentrum Naturgewalten im nördlichsten Inselort List reingeschnuppert und würde gern Wattwanderungen anbieten. „Meer statt Wald“, sagt sie. Die Nordsee sei ihr „neues Habitat“, das bis auf Weiteres den Schwäbischen Wald ersetzt.

Die ersten Wochen in der neuen Heimat Nordfriesland seien schon auch schwer gewesen. „Ich war oft traurig“, sagt sie. Doch ein Besuch im Schwabenland im Oktober machte ihr wieder klar: Der Umzug war goldrichtig. Die Atemnot sei während der Welzheim-Woche viel schlimmer gewesen.

Es ist spät geworden an diesem trüben Tag im November in Westerland. Es ist schon dunkel. Astrid und Rüdiger Szelest schlüpfen in ihre Jacken. Wie jeden Abend verlassen sie noch mal das Haus und gehen an den Strand. Die gute Sylter Luft tanken.

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