Einfach bauen in Stuttgart Einfach schön kann schön einfach sein

Die Rosskastanien vor dem Neubau von Florian Nagler an der Weimarstraße bleiben erhalten – das geplante Gebäude ist ein Beispiel für einfaches Bauen. Foto: Bild: Florian Nagler Architekten

Einfaches Bauen geht freilich auch in Stuttgart. Der Architekt Florian Nagler plant einen Wohnbau an der Weimarstraße im Stuttgarter Westen. Er ist bestechend schön in seiner Schlichtheit.

Architektur/Bauen/Wohnen: Andrea Jenewein (anj)

Nützlichkeit, Stabilität und Schönheit. Das sind die Zutaten für gute Architektur. Das sagte schon Marcus Vitruvius Pollio, römischer Urvater der Architektur – und nach diesen Prinzipien plant auch Fabian Nagler heute seine Häuser. Er hat jedoch den drei Grundelementen noch ein viertes hinzugefügt: Einfachheit.

 

Der Zimmermann, Architekt und Universitätsprofessor Nagler aus München ist ein Kämpfer für das einfache Bauen. Er sitzt in einem Café in Stuttgart auf einer schnörkellosen weißen Bierbank, vor ihm steht ein Kaffee, die Sonne scheint. „Wir alle müssen uns fragen, was eigentlich wirklich wichtig ist“, sagt er. „Was brauchen wir, um in unserer Wohnung glücklich zu sein?“ Um das herauszufinden, hatte Nagler in Bad Aibling ein Versuchsprojekt ins Leben gerufen. Anhand von drei kleinen Forschungshäusern – eines aus Holz, eines aus Ziegeln und eines aus Beton – wollte er „Innovation durch Reduktion“ erreichen und alles weglassen, was sich in den letzten zehn bis 20 Jahren nicht bewährt hat. Darunter auch viel Technik.

Die Erkenntnisse, die er aus seiner Forschung erzielen konnte, hat er bereits mehrfach bei Objekten umgesetzt. Nun hat er mit seinem Büro den Wettbewerb des Verhandlungsverfahrens für ein Wohnhaus in zentraler Innenstadtlage in Stuttgart gewonnen – das jüngst IBA-Projekt wurde. Bauherr ist das Land Baden-Württemberg , genauer gesagt Vermögen und Bau. „Das ist durchaus eines unserer anspruchsvolleren Projekte“, sagt Nagler, der selbstmaßgeblich für die Größe verantwortlich zeichnet. Denn das Haus an der Weimarstraße war vom Bauherren eigentlich kleiner angedacht gewesen. „Wir haben dann ein größeres Haus vorgeschlagen, mit einem städtischen Ausdruck“, sagt Nagler: ein siebengeschossiges Gebäude mit 32 Mitarbeiterwohnungen sowie Multifunktionsflächen im Sockelbereich.

Es sei gleichfalls der Entwurf gewesen, der am meisten Grün enthalten habe, auch der Bestand an Rosskastanien werde weitgehend erhalten. „Es ist darüber hinaus spannend, in einer urbanen Umgebung mit regenerativen Materialien zu arbeiten“, sagt Nagler. Der Neubau soll in Holzhybridbauweise errichtet werden. Das dient der Minimierung der CO2-Emissionen und ist dadurch klimafreundlich, sei aber in diesem Fall auch deshalb gut, weil die Logistik für die Baustelle im dicht bewohnten Westen kompliziert werden könnte: „Beim Holzbau können wir viel vorfertigen“, sagt Nagler.

„Die Wichtigkeit von Ästhetik ist nicht zu unterschätzen“

Doch damit nicht genug: „Das ganze Projekt ist eine große, aber schöne Herausforderung. Die Bäume, die Gründungssituation, die Garage unter dem Bauland parallel zum Rotebühlbau – das alles ist wirklich anspruchsvoll.“ Der Neubau sorge gleichzeitig aber für eine Entsieglung des bisherigen Parkplatzes und für eine Aufwertung des öffentlichen Raumes. Dazu muss er freilich auch schön sein. Und anders als manch einer denken mag, sind Schönheit und Einfachheit keinesfalls einander ausschließende Eigenschaften. „Die Wichtigkeit von Ästhetik ist nicht zu unterschätzen. Es ist wichtig, dass die Menschen unsere Häuser mögen, weil sie schön sind, denn dann pflegen und erhalten sie sie auch“, sagt Nagler. „Ich möchte Häuser bauen, die ein paar hundert Jahre stehen.“ Dennoch sei es wichtig, welche Materialien man verwende, da man sie nach dem Abbruch des Hauses wiederverwenden können soll.

Nagler setzt in Stuttgart auf „ein vernünftiges Gebäudevolumen und ein vernünftiges Maß an Fensteröffnungen“, auf eine „schöne, einfache Holzbaustruktur“ und „keine superkomplexe Geometrie“. Das Haus hat ein steiles Satteldach, in dem Maisonettewohnungen untergebracht werden. Die Wohnungen generell variieren von Ein-Zimmer-Apartments bis zu Vier-Zimmer-Wohnungen. Zwischen den einzelnen Wohneinheiten liegt jeweils ein von drei Seiten aus zugängliches Zimmer, das man dazu mieten kann, so entstehen adaptive Wohnungen, die sich dem Bedarf an Wohnraum anpassen können. Alle Wohnungen haben einen Außenbereich, etwa einen Balkon oder Zugang zu einem Laubengang – und alle Freibereiche zeigen nach Westen.

Der zweigeschossige Sockelbereich bietet multifunktional nutzbare Arbeits- und Seminarräume sowie einen größeren Saal mit Foyerbereich auf zwei Ebenen für Veranstaltungen und Vorträge. Ein den Wohnungen zugehöriger Gemeinschaftsraum öffnet sich zu den neuen Frei- und Grünflächen zwischen Straße und Gebäude. Nach Fertigstellung des neuen Gebäudes wird das Grundstück zu allen Seiten zugänglich sein. Es entsteht und eine neue Freitreppe, die einen direkten Durchgang von der Weimarstraße zum Rotebühlareal und somit eine wichtige Verbindung in Richtung Innenstadt ermöglicht.

Zum einfachen Bauen gehört für Nagler auch, die – anfällige – Technik auf ein Minimum zu reduzieren und mehr mit Mitteln der Architektur als mit Technik zu arbeiten (Low Tech). Die Wärme zur Beheizung des Neubaus wird vorrangig über eine Wärmepumpe bereitgestellt. Der Abwasserkanal in der Gutenbergstraße dient als Wärmequelle für die Wärmepumpe. Die nach Südwesten orientierte Dachfläche wird mit einer Fotovoltaikanlage ausgestattet. Der umweltfreundlich erzeugte Strom wird so weit als möglich im Gebäude genutzt.

Einfachheit bedeutet auch Verzicht

Nur auf einen seiner gewohnten Standards musste Nagler in Stuttgart verzichten: Die Raumhöhe wird dort nicht 3,10 Meter sein, obschon er diese Höhe im Forschungsprojekt als die ideale Raumhöhe für ein gutes Raumklima identifiziert hat. „Architektur muss mit vielen verschiedenen Parametern umgehen und unterschiedlichsten Vorschriften genügen, wie etwa der Baustaffel – daher werden wir in der Weimarstraße nur eine Raumhöhe von 2,50 Meter hinbekommen.“

Einfachheit bedeutet auch Verzicht, etwa an Komfort und Standards, an die wir uns gewohnt haben. Dazu gehört etwa der Schallschutz. Nagler sagt, dass der Schallschutz in heutigen Bauten sehr viel höher liege als etwa in Altbauten. Er hält das für übertrieben und reduziert diesen deshalb normalerweise in seinen Gebäuden. Doch an dieser Stelle legte der Bauherr sein Veto ein: Er wollte einen höheren Standard als den von Nagler angedachten. „Das heißt, ich brauche mehr Materialien, muss einen höheren Aufwand betreiben und es wird dadurch teurer“, sagt Nagler.

Generell nämlich kann einfaches Bauen dazu beitragen, das Wohnraum bezahlbar oder zumindest bezahlbarer wird. „Nachdem wir etwas Erfahrung im einfach bauen gesammelt haben, können wir solche Projekte günstiger bauen als konventionell gebaute – vorausgesetzt, es bleibt wirklich einfach“, sagt Nagler. Die Kosten für den Neubau in Stuttgart sind im Staatshaushaltsplan mit 24,65 Mio. Euro enthalten. „Wir bewegen uns in diesem Kostenrahmen“, sagt Simon Schreiber, Leiter des Amtes Vermögen und Bau Baden-Württemberg. Aktuell laufen die Vorbereitungen für die Baugenehmigung. Der Baustart wird für 2025 angestrebt. „Wir hoffen, dass wir bei der IBA 2027 schon was zeigen können“, sagt Nagler. Schönes, Nützliches, Stabiles – und Einfaches.

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