Die Zahl der einsamen Menschen nimmt zu, vor allem in den Großstädten. Was kann helfen? Unterschätzt wird ein banaler Ort, meint unsere Kolumnistin Siri Warrlich.

Martina Hille hat sich oft darüber gewundert, wie vergesslich ihre Kunden doch sind. Zwanzig Jahre lang war Hille Supermarkt-Kassiererin in Rheinland-Pfalz. In einem Interview erzählte sie der Wochenzeitung „Zeit“ von den Erfahrungen in ihrem Berufsalltag: „Manchmal, wenn ich eine lange Schicht hatte, sah ich manche Kunden zwei- oder dreimal am Tag. Die sagten dann immer: ‚Ich hab was vergessen.‘ Ich glaube aber, die sind bei uns, weil sie hier Menschen treffen“, gab sie zu Protokoll.

 

Andere Menschen zu treffen, ist für viele Leute keine Selbstverständlichkeit. In etwa vier von zehn deutschen Haushalten lebt nur ein einziger Mensch. In Großstädten ist die Zahl der Alleinlebenden noch deutlich höher. In Berlin zum Beispiel liegt die Quote der Single-Haushalte bei mehr als 50 Prozent. In Friedrichshain-Kreuzberg hat sie sogar fast zwei Drittel erreicht, wie Zahlen des Amts für Statistik Berlin-Brandenburg zeigen.

Die Auswirkungen der Lockdowns sind spürbar

Seit der Coronapandemie mit ihren Lockdowns hat sich der Blick auf das Thema Einsamkeit geschärft. Das Bundesfamilienministerium schreibt in einer Langzeit-Auswertung zur Einsamkeit aus dem Jahr 2024: „Konkret wird Einsamkeit unter anderem mit depressiven Störungen, suizidalem Verhalten, Schlafproblemen, höherer Mortalität sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen verbunden.“

Ein Pläuschchen für die Herzgesundheit an der Supermarktkasse: So könnte eine effektive Strategie gegen die Vereinsamung lauten. Einkaufen muss jeder, an die Supermarktkasse muss jeder – auch Menschen, die mit Vereinen nichts am Hut haben, die zurückgezogen leben oder arbeitslos sind. Als ich mich neulich mit ChatGPT über große gesellschaftliche Trends unterhielt, lenkte die KI meine Aufmerksamkeit auf Supermärkte, die sie gar als eine der wichtigsten sozialen Institutionen der Gegenwart bezeichnete.

Supermärkte bergen Potenzial

Ich finde, zu Recht. Supermärkte bergen ein enormes Potenzial für niederschwellige Bekämpfung von Einsamkeit. Das wird bisher zu wenig genutzt. Vereinzelt gibt es Medienberichten zufolge zwar „Plauderkassen“, an denen Kunden explizit zum Gespräch mit Kassierern eingeladen werden und von denen alle wissen, dass es in dieser Schlange langsam vorangeht. Aber häufig sind diese „Plauderkassen“ offenbar nur stundenweise geöffnet – sofern die Kassiererinnen und Kassierer nicht gleich ganz von Selbstbedienungskassen abgelöst werden.

Anfragen bei Rewe, Lidl, Aldi und Edeka für Baden-Württemberg zeigen: Über „Plauderkassen“ ist in den Pressestellen der großen Einzelhandelsketten entweder nichts bekannt, weil die Märkte von eigenständigen Kaufleuten betrieben werden, oder die Einführung neuer „Plauderkassen“ sei derzeit nicht geplant.

Der Trend geht in die andere Richtung

Der größere Trend geht leider genau in die andere Richtung. Selbstbedienungskassen, an denen gar kein Mensch mehr sitzt, nehmen stark zu. 2021 gab es von ihnen bundesweit rund 7000, 2025 waren es fast 39 000, so eine Auswertung des Handelsforschungsunternehmens EHI.

Städte sollten das Potenzial von Supermärkten klüger nutzen. Den Supermarktketten geht es natürlich primär um ihre Einnahmen, nicht um Einsamkeit. Aber neue Wege sind denkbar. Kommunen könnten Handelskonzernen dafür bezahlen, Plauderkassen einzurichten. Ehrenamtsprojekte könnten stärker in Supermärkten angesiedelt werden. Ausgewiesene Tische, um miteinander ins Gespräch zu kommen, gibt es schon in vielen Betriebskantinen. Warum nicht auch in Cafés im Eingangsbereich von Supermärkten? Einsamen Kunden wie denen von Kassiererin Martina Hille könnte das den Tag verschönern und Trost spenden.