Der BDI-Präsident und Trumpf-Aufsichtsratschef Peter Leibinger fordert eine neue Haltung im Blick auf Wehrhaftigkeit und Rüstungsindustrie. Foto: dpa/Marijan Murat
Trumpf-Aufsichtsratschef Peter Leibinger schildert in einer Rede als BDI-Präsident sein grundsätzliches Ja zur Rüstungsproduktion. Was bedeutet das für das eigene Unternehmen, das bisher die Beteiligung an Militärprojekten abgelehnt hat?
Beim Ditzinger Laserkonzern Trumpf zeichnet sich eine Zeitenwende ab: Das Unternehmen könnte erstmals in seiner 102-jährigen Geschichte in die Produktion von Militärtechnik einsteigen. Diskussionen über die grundsätzliche Haltung der Eigentümerfamilie gibt es schon seit mindestens zwei Jahren. Eine Rede von Aufsichtsratschef Peter Leibinger in seiner neuen Funktion als Präsident des Bundesverbandes der deutschen Industrie (BDI) vom Donnerstag legt nun nahe, dass der Ditzinger Maschinenbau- und Laserspezialist Trumpf vor einer Grundsatzentscheidung steht.
In seiner Rede am Vorabend der Münchner Sicherheitskonferenz hat Leibinger ein klares Plädoyer für eine leistungsfähige Rüstungsindustrie in Deutschland gehalten. „Wir müssen unsere Freiheit schützen – entschlossen, wirksam und schnell. Wir haben keine Zeit zu verlieren, denn vor uns liegt eine enorme Aufholjagd“, sagte Leibinger. Dazu müssten Politik und Wirtschaft „mancherlei mentale und institutionelle Trägheit überwinden“. Zudem müsste auch im Bildungs- und Forschungsbereich ein Meinungsklima überwunden werden, „in dem Rüstung, Soldaten und Wehrbereitschaft als unappetitlich gelten“, so Leibinger.
Leibinger: „Wir haben uns im Grunde um die Diskussion gedrückt“
Direkt auf das eigene Unternehmen könnte Peter Leibingers Formulierung bezogen werden, dass es sich Unternehmen und Unternehmer in der Vergangenheit oft leicht gemacht hätten, „indem wir uns unter Vorgabe von Corporate Governance oder eigenen ethischen Vorstellungen im Grunde nur um die Diskussion gedrückt haben, ob man in der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie aktiv ist oder nicht“.
Nicola Leibinger-Kammüller führt als Vorstandschefin das Unternehmen Foto: Jürgen Bach
Trumpf hat in einem Gesellschaftervertrag im Jahr 2015 verankert, dass sich das Unternehmen nicht an der Produktion von Waffen beteiligt. Die Vorstandschefin Nicola Leibinger-Kammüller, deren Bruder der BDI-Präsident ist, begründete dies in einem Interview mit unserer Zeitung im Juli 2023 damit, dass die Haltung des Unternehmens auf christlichen Werten fuße. Sie fügte jedoch damals schon an: „Andererseits ist mir klar, dass wir uns verteidigen können müssen, und das nicht nur mit schönen Worten.“ Deshalb werde die Frage, ob Trumpf sich an militärischen Projekten beteiligen wird, im Familienrat intensiv diskutiert.
Trumpf-Produkte sollen nicht als Waffen gegen Menschen dienen
Grundsätzlich habe diese Verortung bis heute Bestand, sagt ein Sprecher des Unternehmens auf Anfrage. „Für unser Haus bleibt es bei dem bereits vor Monaten Kommunizierten, dass sich Gesellschafter, zu denen auch die dritte Generation der Unternehmerfamilie gehört, und Vorstand derzeit intensiv mit einer verteidigungspolitischen Verantwortung von Trumpf vor dem Hintergrund der veränderten geopolitischen Rahmenbedingungen auseinandersetzen. Für uns war und ist maßgeblich, dass Trumpf-Produkte nicht als Waffe gegen Menschen eingesetzt werden.“
Die Betonung des rein defensiven Charakters würde einen Einsatz von Trumpf-Lasern in der Drohnenabwehr nicht ausschließen. Und wenig wahrscheinlich erscheint, dass Peter Leibinger in seiner Funktion als Aufsichtsratschef und Gesellschafter von Trumpf eine gänzlich andere Haltung einnimmt als bei seinem Auftritt als wichtigster Sprecher der deutschen Industrie. Wenn Leibinger ausführt, „auch wir in der Wirtschaft müssen unseren nötigen Beitrag zu einer wehrhaften Demokratie neu bewerten und damit den Wert der Verteidigungsfähigkeit und der notwendigen Güter innerlich bejahen“, wird sich dies auch in den Diskussionen im Familienkreis niederschlagen.
Einen am Freitag veröffentlichten Bericht des „Handelsblatts“, wonach Trumpf bereits ein Entwicklungsprojekt zur Drohnenabwehr gemeinsam mit Rüstungskonzernen gestartet habe, wollte der Trumpf-Sprecher nicht kommentieren. Ein Laser, der unbemannte Flugobjekte flugunfähig machen könne, sei bereits getestet worden, berichtete die Wirtschaftszeitung.
Trumpf ist mit Lasertechnik weltweit führend
Trumpf ist im Feld der Lasertechnik ein weltweit führendes Unternehmen – von der Blechbearbeitung bis zu modernsten Methoden der Chipfertigung. Gemeinsam mit Zeiss (Oberkochen) hat Trumpf den Einsatz von extrem ultraviolettem Licht industriell nutzbar gemacht und ist exklusiver Lieferant des niederländischen Maschinenbauers ASML, der alle großen Produzenten von Hochleistungschips ausrüstet.
Schon in der Vergangenheit hatte Trumpf Anfragen aus der US-Rüstungsindustrie. Die Vorstandschefin betonte jedoch, dass immer die deutsche Regierung erster Ansprechpartner wäre, falls sich Trumpf in der Militärtechnik engagiere. Sie formulierte auch Gegenargumente: „Wer für die Rüstungsindustrie arbeitet, unterliegt vielen Geheimhaltungs- und Exklusivitätsvorschriften. Das würde uns der Freiheit berauben, unsere Laser für andere, zivile Zwecke einzusetzen“, sagte sie 2023. Die neue Lage und die mögliche Abkehr der USA von Europa in Sicherheitsfragen könnten nun aber zu einer völligen Neubewertung der Situation führen.
Der Trumpf-Konzern
Historie Der Kaufmann Christian Trumpf übernahm 1923 eine mechanische Werkstätte von Julius Geiger im Stuttgarter Westen – das war die Geburtsstunde der Firma. Nach Trumpfs Tod wurde sein Patenkind Berthold Leibinger 1978 zum Geschäftsführer ernannt. Dessen Tochter Nicola Leibinger-Kammüller (65) ist seit 2005 Vorstandsvorsitzende, der Sohn Peter Leibinger (57) seit 2023 Chef des Aufsichtsrats.
Geschäftserfolg Nach einem Rekordumsatz von 5,4 Milliarden Euro im Geschäftsjahr 2022/23 gab es zuletzt Einbußen bei Umsatz und Ergebnis. Die Nachfrageflaute im Maschinenbau und bei der Lasertechnik brachte 2023/24 ein Umsatzminus von 3,6 Prozent auf 5,172 Milliarden Euro. Der Gewinn vor Steuern sank um knapp 19 Prozent auf 501 Millionen Euro.