„Der ist super. Ich laufe wie auf Wolken“, schwärmt Angelika Maier. Roland Lechner hat ihr aus seinem Sortiment einen Schuh ausgesucht, in dem sie auch mit ihrem Hallux, durch den sich der große Zeh nach innen schiebt und der Ballen sich wölbt, gut gehen kann. „Er weiß, was ich brauche“, sagt die Kundin aus Aichwald und probiert noch ein weiteres Paar. Es ist Räumungsverkauf bei Schuh-Lechner in der Hindenburgstraße in Esslingen.
Der 67-Jährige wird das in zweiter Generation geführte Geschäft bis Ende Juni aufgeben. „Er wird uns sehr fehlen“, sagt Maier. Er habe auch schon mal Schuhe zum Probieren mitgegeben, als ihr mittlerweile verstorbener Mann nicht mehr persönlich ins Geschäft kommen konnte. Lechner bewegt sich seit rund 20 Jahren in einer Nische: Er hat sich mit seinem Fachgeschäft auf Schuhe spezialisiert, die modisch, bequem und in den meisten Fällen für lose Einlagen geeignet sind. „Wenn Menschen mit den Füßen Probleme haben, kommen sie zu uns“, sagt er. Sie würden es schätzen, beraten und bedient zu werden, und wanderten nicht so schnell beim Einkauf ins Internet ab.
Nische für Füße mit besonderen Ansprüchen
Das weltweite Netz allein sieht er jedoch nicht als Ursache für das Sterben des Fachhandels. Das Konsumentenverhalten habe sich verändert: „Die Bevölkerung entscheidet mit ihren eigenen Füßen, wo sie wie das Geld hinträgt“, meint er. Der kleine Handel habe es sehr schwer, eine wirtschaftliche Basis zu finden. Deshalb habe er für sein 90 Quadratmeter großes Geschäft weder in der Familie – Lechner hat vier Kinder – noch von außerhalb einen Nachfolger gesucht.
Am Anfang war die Schuhmacherwerkstatt
Roland Lechner war 1979 in das von seinem Vater gegründete Geschäft eingestiegen, in dem er schon als Jugendlicher Schuhe verkaufte. Angefangen hatte alles mit einer Schuhmacherwerkstatt in der Hindenburgstraße gegenüber dem heutigen Geschäft. Roland Lechners Vater Alois, der von der Ostalb kam, hatte 1955 dort eine Nachfolge übernommen. 1957 heiratete er seine Freundin Rita, die ebenfalls von der Ostalb stammte und ihn fortan im Geschäft unterstützte. Weil der Schuhmachermeister und seine Frau etwas eigenes haben wollten, kauften sie 1958 das Haus gegenüber, in dem sich bis heute das Schuhgeschäft befindet. Zunächst richteten sie die Werkstatt im Erdgeschoss ein, entschlossen sich jedoch 1969, den Schuhverkauf aufzunehmen.
„Von Anfang an waren es hochwertige Markenschuhe“, erklärt Roland Lechner, für Damen, Herren und Kinder. Die Eltern reagierten damit auf das geänderte Konsumverhalten. Die Menschen ließen seit Mitte beziehungsweise Ende der 60er Jahre weniger Schuhe reparieren. Die industrielle Fertigung und das Aufkommen von Gummisohlen hätten das Preisverhältnis zwischen neuen Schuhen und Reparatur verschoben. Außerdem seien durch den zunehmenden Wohlstand neue Schuhe öfter gekauft worden. Lechner erinnert sich daran, wie es zu dieser Zeit allein in der Pliensaustraße in Esslingen sechs Schuhfachgeschäfte gab, ein weiteres in der Küfer-, in der Ritter- und in der Bahnhofstraße sowie am Hafenmarkt.
Blütezeit Ende der 80er-, Anfang der 90er-Jahre
1974 bauten die Lechners den Laden um. Es folgte die Blütezeit. Ende der 80er-, Anfang der 90er-Jahre hatte das Unternehmen mit drei Vollzeit- und zwei Teilzeitkräften die höchste Mitarbeiterzahl. Heute beschäftigt Lechner, der 1995, als die Eltern in Rente gingen, das Geschäft übernahm und den Laden zuletzt 1997 umbaute, noch eine Fachverkäuferin auf Teilzeit-Basis. Fachpersonal, das beraten konnte, sei seinen Eltern und ihm immer wichtig gewesen. Dem Einsatz seiner Eltern sei es zu verdanken, dass sie bis heute sehr viel Stammkundschaft haben. So wie Angelika Maier. Lechner packt ihr zwei Paar Schuhe ein und verabschiedet sich mit den Worten: „Vielen Dank für die vielen Jahre, die Sie zu uns gekommen sind“.