Eltern sprechen über den Tod ihres Sohnes Tilman starb mit 24 Jahren an einer Überdosis

Tilmans Ecke im Wohnzimmer Foto:  

Mit 16 Jahren zog Tilman Holze das erste Mal an einem Joint. Es folgten Tabletten, Speed, Opiate. Mit 24 starb er an einer Überdosis. Seine Eltern wollen nicht, dass der Tod das letzte Wort hat. Sie haben eine Stiftung gegründet.

Ein großer Mann auf einem kleinen Klapprad. Es ist das einprägsamste Bild des diesjährigen Sommerurlaubs. „Wir beide sind viel mit den Rädern rumgekutscht“, sagt Christiane Holze. Steilküste, Gegenwind, Bäderarchitektur. Wie früher. Familienurlaube, das war immer Boltenhagen an der Ostsee. Erhard und Christiane Holze mit ihren Söhnen Tilman, Tobias, Titus. Sechs Jahre ist der letzte her.

 

In jenem Sommer 2017 fehlte einer. Tilman, der Älteste, war an einer Überdosis Drogen gestorben. „Wir mussten damals unbedingt raus – zu viert. Wir hatten das Gefühl, wir müssen uns was Gutes tun. Und gleichzeitig hatten wir überhaupt keine Kraft, uns zu kümmern“, sagt Erhard Holze.

Der 63-Jährige ist in Gomadingen auf der Schwäbischen Alb geboren, er bildet Pfarramtskandidaten und Religionslehrer an der Uni Münster aus. Seine Frau Christiane ist 62 und Schulpfarrerin an einem Gymnasium. 37 Jahre sind die beiden verheiratet.

Der Joint entspannte ihn

Als ihr Sohn Tilman starb, war er gerade einmal 24. Begonnen hatte es mit 16, da zog er an seinem ersten Joint. Weil ihm die Welt oft zu bunt war, zu laut. Der Joint entspannte ihn. Es folgten Tabletten, Speed, Opiate, zum Schluss Fentanyl, ein Betäubungsmittel. Es gab kaum einen Stoff, den er nicht probierte.

Sein Vater Erhard Holze redet gern. Früher als Pfarrer auf der Kanzel, jetzt im Namen der Familienstiftung vor Schulklassen. Dann geht es um Fragen, wie eine Familie mit so einem Verlust umgehen kann. Oder was sie von der Cannabis-Legalisierung hält.

Erhard und Christiane Holze bewohnen ein Reihenendhaus in einem Vorort von Münster. Im Wohnzimmer ist Tilmans Ecke. Ein Strauß weiße Rosen, ein handgeschmiedetes Kreuz, im Regal ein Vorrat Grabkerzen, rot und weiß. An der Wand das große, gerahmte Foto von Tilman. Ein blonder Junge mit braunen Augen, 21 ist er auf dem Foto. Erhard Holze zeigt noch mehr Fotos. Tilman im Familienurlaub, Tilman bei der Konfirmation, Tilman angenagt von der Sucht.

Mit der Pubertät verändert sich Tilman

Tilman war charismatisch, einer, dem die anderen Kinder auf dem Schulhof wie Äffchen am Arm hingen, sagt seine Mutter. Schon als Kind ist er der Anführer, mit einem Dutzend Nachbarskindern im Schlepptau. Er spielt Schlagzeug, klettert auf Dächer. „Til hat tausend Sachen angefangen, aber nie Sachen zu Ende gebracht“, sagt sein Vater. Dem Hund das Skateboarden beibringen, klar. Aber jeden Tag Gassi gehen?

Drei Jahre arbeitet Tilman als Jugendmitarbeiter in der Gnadenkirche, plant Konfirmationsunterricht und Jugendfreizeiten. Von einem Gruppenfoto lacht er in die Kamera. Frankreich, Narbonne Plage, da ist Tilman gerade 18. Ein Sonnyboy, sagt Pfarrer Arndt Menze. „Er hat die Leute zusammengebracht.“ Bei Tilmans Trauerfeier ist die Kirche voll. Sie singen ein Kinderlied: „Weißt du, wie viel Sternlein stehen?“

Tobias, der Mittlere, und Tilman teilen alles. „Til war mein bester Freund“, sagt der Bruder. Mit der Pubertät verändert sich Tilman. Geht pünktlich aus dem Haus, aber nicht zur Schule. Manchmal bleibt er drei Tage weg. Lange sei es gar nicht aufgefallen, wenn sie bekifft nach Hause kamen, sagt Tobias. Wenn doch, sei Mutter ausgeflippt.

Die Polizei droht mit Knast

Tobias und Tilman probieren Schmerztabletten, die von einer Zahnoperation übrig sind. Tilidin, Valium, Ecstasy. Sie nahmen die Drogen mit viel zu viel Begeisterung, so sieht es Tobias heute mit 27. „Wir haben beide experimentiert. Er hat weitergemacht, ich bin irgendwann ausgestiegen.“

Die Drogenprävention an der Schule verpufft. Die Polizei droht mit Knast. Die Sozialarbeiter bringen Tilman dazu, einen FreD-Kurs zu besuchen – Frühintervention bei erstauffälligen Drogenkonsumenten. Tilman macht Abitur, studiert zwei Semester Psychologie, lässt sich dann zum Einzelhandelskaufmann ausbilden, arbeitet als Sachbearbeiter. In seiner freien Zeit ist er breit.

Wenn es ihm gut ging, habe er Bella Figura gemacht, sagt seine Mutter. „Mama, hier ist dein Erstgeborener, hast du Zeit?“ Wenn es ihm schlecht geht, schreit er die Eltern an: „Das einzige Problem an meinem Drogenproblem ist, dass ihr ein Problem damit habt.“ Alles dreht sich um Tilman.

Tilman bekommt keinen Therapieplatz.

Erhard und Christiane Holze wissen, dass sie da allein nicht rauskommen. Doch die Scham ist zu groß: Was sagen die Leute! Irgendwann sagt Tilman: „Papa, ich kann nicht mehr.“ Als Tilman sich den Fuß bricht, sieht die Familie eine Chance. Niemand soll merken, warum er nicht zur Arbeit kommt. Drei Wochen verbringt er in der Entgiftungsklinik. „Uns zuliebe“, sagt die Mutter. „Als er rauskam, war er wieder mein Bruder, und zwar ungefiltert“, sagt Tobias. Das erste Mal seit Jahren gibt es wieder etwas Hoffnung.

Das Gift ist aus dem Körper, doch das Verlangen danach ist noch da. Tilman bekommt keinen Therapieplatz – und gibt wieder dem Verlangen nach. Carfentanyl, ein weißes Pulver, ein Betäubungsmittel für Elefanten, 10 000-mal stärker als Morphium. Er wird in seinem Zimmer bewusstlos, einmal, zweimal. Beim dritten Mal ist niemand rechtzeitig zur Stelle, erst der Notarzt holt Tilman zurück. Uniklinik, Intensivstation. Vier Tage wacht die Familie an seinem Bett. Am 19. März 2017, einem Sonntag, stirbt er.

In den Wochen nach Tilmans Tod schläft die Mutter kaum und weint viel. Wie ein Zombie sei sie zur Arbeit gegangen. Sie beschließt, nie wieder etwas anderes zu tragen als Schwarz. Sie hält sich bis heute daran. Der Vater hat zehn Tage nach der Beerdigung einen Infarkt. Er bleibt zunächst unbemerkt.

In den Köpfen der Eltern kreisen die Gedanken

Titus sagt: „Wie ein gutes Ehepaar haben sie sich abgewechselt mit den depressiven Phasen.“ Er selbst schiebt den Tod beiseite, schreibt Abi-Klausuren. Tobias sagt über seine Eltern: „Seit Tils Tod sehen sie zehn Jahre älter aus.“ Er betäubt sich nach dem Tod des Bruders. Bloß nichts fühlen. Heute ist er von den Drogen weg. Er könne seinen Eltern nicht antun, noch einen Sohn zu verlieren.

In den Köpfen der Eltern kreisen die Gedanken. Waren wir zu streng? Zu wenig streng? „Ich habe ihn ins Leben gebracht – und ich konnte ihn nicht halten“, sagt seine Mutter. Die Schuldgefühle lasten auf ihr.

Warum gab der Glaube Tilman keinen Halt? „Es wäre wahnsinnig einfach, wenn Glaube und Familie einem alles geben könnten“, sagt Titus, 25. Um den Hals trägt er ein goldenes Kreuz. Drogen machen süchtig, der Körper schreit danach. „Da hilft auch der liebe Gott nicht mehr“, sagt die Mutter.

Die Gründung der Stiftung

Wer süchtig ist, ist krank. Wer süchtig ist, braucht Hilfe. Im April 2020 gründen die Eltern die Tilman-Holze-Stiftung. In den Flyer schreiben sie: „Auf der Suche nach Glück greifen Menschen mitunter zu Substanzen, die süchtig und abhängig machen.“ Auf das Titelblatt nehmen sie ein Bild, das Tilman in der Klinik gemalt hat, feuerrot.

Im vergangenen Jahr starben 1990 Menschen in Deutschland an illegalen Drogen, der höchste Wert seit 20 Jahren. Im Schnitt waren sie noch keine 40 Jahre alt.

Tilmans Eltern wollen verhindern, dass anderen das Gleiche wie ihnen passiert. 15 000 Euro Grundkapital wurden angelegt, bis heute kamen Zustiftungen von etwa 7000 Euro dazu. Zudem viele Spenden, sodass bereits fünf Projekte mit insgesamt 12 000 Euro unterstützt werden konnten: ein Theaterprojekt, das die Lebensgeschichte von Drogenabhängigen auf die Bühne bringt. Oder „FitKids“, ein Projekt, das sich um Kinder aus suchtbelasteten Familien kümmert. Die Stiftung unterstützt eine Einrichtung, in der suchtkranke Männer ein Jahr wohnen und das Leben ohne Drogen lernen. Immer wieder schreiben Eltern, die niemanden haben. Erhard und Christiane Holze beantworten jeden Brief ausführlich.

Was bewirkt die Legalisierung von Cannabis?

Laut dem aktuellen Drogenbericht haben in Deutschland 3,7 Millionen Erwachsene und mehr als 360 000 Jugendliche in den vergangenen zwölf Monaten Cannabis konsumiert. Es ist seit Jahren die beliebteste unter den illegalen Drogen. Für die einen weniger schädlich als Alkohol und Tabak, für die anderen der Einstieg in den Abgrund.

Macht die Legalisierung von Cannabis alles noch viel schlimmer? „Ich stehe zwischen Baum und Borke“, sagt Erhard Holze. Einerseits werde dadurch kein Unheil verhindert, der Konsum nicht reduziert. Andererseits sei die bisherige Drogenpolitik auch nicht befriedigend. Dem Gesetzesentwurf nach soll jeder über 18 Jahren 25 Gramm pro Tag, maximal 50 Gramm pro Monat in „Cannabis-Clubs“ kaufen können. Vor Kindergärten, Schulen, sozialen Einrichtungen gelten Abstandsregeln. Beschließt der Bundestag das Gesetz, könnte es 2024 in Kraft treten.

Familie Holze ist uneins: Legalisierung ja? Nein? Unter Auflagen? „Wie soll die Polizei kontrollieren, ob jemand drei oder 300 Hanfpflanzen im Haus hat? Wer misst, wie nah jemand am Kindergarten ist?“, fragt der Vater. Und dann sei da ja noch der Schwarzmarkt. „Wenn Tilmans Handeln entkriminalisiert gewesen wäre“, sagt die Mutter, „wenn er weniger Angst vor Strafverfolgung gehabt hätte, wenn er dadurch nicht so schnell, so tief in diese Subkultur abgetaucht wäre, hätte er bessere Chancen gehabt.“ Doch wer weiß, was gewesen wäre, wenn . . .

Der Vater erzählt von Tilman, den Drogen, dem Tod

Wichtiger ist ihnen die Prävention. „Nur, wer soll es machen? Privatleute wie wir?“, fragt Christiane Holze. Sozialarbeiter und Drogenberatungsstellen hätten jetzt schon genug zu tun, Präventionsgelder würden gekürzt – „das ist doch paradox“.

In einem Video des WDR sieht man, wie Erhard Holze vor einer Schulklasse steht. Münster, Schiller-Gymnasium. Drogenpräventionstag. Er knetet die Hände, Jugendliche schauen ihn an. Dann erzählt er von Tilman, den Drogen, dem Tod. „Das werde ich nie vergessen, den Schrei meiner Frau: ,Erhard, Erhard, komm ganz schnell“, sagt er.

Früher predigte Erhard Holze in der Kirche, heute spricht er einmal pro Monat in einem Klassenzimmer. Es ist auch seine Therapie. An zehn Schulen war er schon, auch an Tilmans ehemaliger Schule. Manchmal fragen die Neuntklässler, ob er sich Vorwürfe macht. Das Sprechen über ihre Geschichte sei emotional anstrengend, sagt Erhard Holze. „Aber wir machen das gern.“ Titus begleitet seinen Vater, sooft es geht. Sie konnten der Sucht nichts entgegensetzen, mussten zuschauen, wie sie ihren Sohn und Bruder auffraß. Anderen davon zu erzählen macht sie von Zuschauern zu Handelnden.

Christiane Holze ist nicht dabei, wenn ihr Mann Tilmans Geschichte erzählt. Aber sie liest das Feedback. „Da steht dann: Ich muss mit meinem Freund sprechen, der damit angefangen hat“, sagt sie, „oder: Ich werde niemals mit Drogen anfangen.“ Sätze, die ihr Kraft geben. Einer schrieb: „Sie haben nichts falsch gemacht als Eltern.“

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