EM 2024 in Stuttgart Warum türkische Fans so oft den rechtsextremen Wolfsgruß zeigen

, aktualisiert am 04.07.2024 - 11:25 Uhr
Fans der türkischen Nationalelf zeigen in Stuttgart den Wolfsgruß. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Anhänger der türkischen Nationalelf zeigen rund um das Fußballgeschehen in Deutschland häufig das Erkennungszeichen türkischer Rechtsextremisten. Das steckt hinter dem Symbol.

Die Fans der türkischen Nationalmannschaft hatten bei der Fußball-EM in Deutschland schon des Öfteren Grund zum Feiern – und meist taten sie das ausgiebig. Auch in Stuttgart. Dabei zeigten sie, wie auch zuvor schon in Heilbronn, Dortmund oder Frankfurt am Main, immer wieder das Erkennungszeichen türkischer Rechtsextremistenden sogenannten Wolfsgruß. Die Atmosphäre dabei wird von Beobachtern als „nationalistisch aufgeladen“ beschrieben.

 

Beim Achtelfinal-Sieg der türkischen Nationalmannschaft gegen Österreich (2:1) zeigte Doppeltorschütze Merih Demiral die umstrittene Geste – und sorgte so für Irritationen. „Wie ich gefeiert habe, hat etwas mit meiner türkischen Identität zu tun“, sagte der 26-jährige Verteidiger.


„Türkischstämmige Jugendliche demonstrieren so ihren Nationalstolz“, sagt Erol Ünal, Extremismus-Experte beim Landesverband der kommunalen Migrantenvertretungen Baden Württemberg (LAKA). Dabei wüssten viele oft gar nicht, welche türkisch-rechtsextremistische Geschichte und Ideologie mit dem Wolfsgruß – bei dem Zeigefinger und kleiner Finger wie Wolfsohren abstehen – und den Grauen Wölfen verbunden sind. Diese sind nationalistisch, sie träumen von einem großtürkischen Reich aller Turkvölker vom Balkan bis nach China. Sie sind rassistisch und antisemitisch: ihre Feindbilder sind insbesondere Kurden, Armenier, Aleviten, Juden und türkischstämmige Linke.

„Graue Wölfe“ gelten als nationalistische und integrationsfeindlich

Laut Bundesamt für Verfassungsschutz sticht die Ülkülcü-(Idealisten)Bewegung in Deutschland, bekannt als Graue Wölfe, mit ihren mehr als 12 000 Anhängern, „neben der Anwendung von Gewalt, offen gezeigter Gewalt- oder Waffenaffinität oder der Verbreitung von Hass und antisemitischer Hetze im Internet“ dadurch hervor, dass sie „häufig auch ganz bewusst unterschwellig auf die Menschen“ einwirke. Hierdurch entfalte sie eine integrationsfeindliche „und zutiefst völkerverständigungswidrige Wirkung“, so der Inlandsdienst.

„Der Fußball ist seit Jahrzehnten eine Rekrutierungsplattform für die Grauen Wölfe“, sagte der Pädagoge Burak Yilmaz kürzlich der „Neuen Zürcher Zeitung“. In seiner Heimatstadt Duisburg war er lange als Schiedsrichter aktiv und kennt die Anwerbungsversuche. Erol Ünal ergänzt: „Die Jugendarbeit der Grauen Wölfe kommt leider gut an.“ In den sozialen Medien würden viele junge Türkischstämmige ihren Status in alttürkischer Runenschrift angeben. Bei der EM beobachtet er außerdem, dass sich die Fans mit populärer osmanischer Marschmusik in Stimmung bringen. „Sehen die Anhänger im Spiel-Gegner der türkischen Mannschaft also einen Feind“, fragt er.

Kurdische Community in Unruhe

In der türkischen Parteienlandschaft vertritt die MHP die Ideologie der Grauen Wölfe. Die MHP ist Teil der Regierungskoalition von Staatschef Recep Tayyip Erdogan. Darüber hinaus verübten die Grauen Wölfe zwischen den 1960er und den 1990er-Jahren Mordanschläge auf kurdische Politiker und Gewerkschafter. In der letzten Märzwoche 2024 machten Graue Wölfe in Belgien Hetzjagd auf kurdischstämmige Bürger, was auch die kurdische Community in Deutschland in Unruhe versetzte.

Und wie lässt sich der Einfluss türkischer Rechtsextremisten in Deutschland zurückdrängen? „Wir müssen mit unserer Präventionsarbeit in den Schulen nicht nur über die NS-Herrschaft, sondern auch über den Extremismus aus Herkunftsländern aufklären und dafür sensibilisieren“, meint Erol Ünal. Er spricht sich auch für ein Verbot der Grauen Wölfe wie in Frankreich aus. Das wäre ein Signal, dass man sie nicht einfach gewähren lasse und obendrein nicht auch öffentlich mitfinanziert. Anders als etwa der Hitlergruß ist der Wolfsgruß bisher nicht verboten.

Seit Herbst 2020 steckt ein überparteiliche Initiative, ein Graue-Wölfe-Verbot zu prüfen, im Berliner Bundestag fest. Beobachter meinen, mit Rücksicht auf den Flüchtlingsdeal mit Ankara und den Nato-Partner Türkei, stünden die Chancen für ein solches Verbot zurzeit schlecht.

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