Fußball-EM 2024 in Stuttgart Was die Chefs des Familienunternehmens Tipp-Kick motiviert

Die Cousins Jochen und Mathias Mieg (rechts) führen das Familienunternehmen Tipp-Kick gemeinsam in der dritten Generation. Mit dem Söhnen der beiden steht die nächste Generation bereits in den Startlöchern. Foto: Tipp-Kick

Fußball-Großereignisse wie eine EM oder WM sind Tipp-Kick-Jahre und Umsatzbringer, dazwischen gibt es Durststrecken. Warum 2024 die vierte Generation trotzdem ins Unternehmen einsteigt und ein Verkauf für die Familie kein Thema ist.

Wirtschaft: Imelda Flaig (imf)

Wenn der reale Fußball Höhen erlebt, steigen auch die Absatzzahlen für Tipp-Kick-Spiele – umgekehrt gilt das auch. Die kleinen Zink-Fußballer mit dem roten Knopf auf dem Kopf, die zum Inventar vieler Kinderzimmer gehören, sind längst eine Kultmarke. Das weckt auch Begehrlichkeiten bei Spielwarenkonzernen, doch ein Verkauf kommt für die Eigentümerfamilie Mieg nicht in Frage.

 

Durchhalten trotz Durststrecken statt verkaufen und Kasse machen? „Das hängt mit dem Produkt zusammen“, kommt die prompte Antwort von Mathias Mieg. In seiner Stimme schwingt Begeisterung mit. „Wenn Sie auf Messen die Reaktionen der Leute erleben und deren Lächeln im Gesicht, wenn sie Tipp-Kick sehen, das motiviert unheimlich“, sagt der 62-Jährige, der gemeinsam mit seinem Cousin Jochen Mieg (61) das Familienunternehmen mit Sitz in Villingen-Schwenningen (Schwarzwald-Baar-Kreis) in dritter Generation führt.

2024 ist für Mieg ein besonderes Jahr – nicht nur weil eine Fußball-EM in Deutschland ansteht, sondern auch weil das Familienunternehmen 100 Jahre alt wird und sein Sohn Leonard im Sommer als Vertreter der vierten Generation bei Tipp-Kick einsteigt. Derzeit arbeitet der 29-jährige Betriebswirt, der in Mannheim studiert, seinen Master in Mailand und Auslandssemester in New Castle und Lyon gemacht hat, noch bei einem Softwareunternehmen in Stuttgart.

Das positive Feedback motiviert

Sein Sohn sei öfter auf Messen dabei gewesen und habe auch mitgekriegt, dass das Spiel mit so viel positiven Emotionen verbunden ist, und auch positives Feedback aus dem eigenen Freundeskreis bekommen. An Übernahmeangeboten für Tipp-Kick mangelte es nicht. Doch das ist kein Thema. „Dass mein Sohn weitermachen will, finde ich klasse. Wir wollen, dass die Firma in der Familie bleibt“, sagt Mathias Mieg. Geld allein sei nicht das Entscheidende. Das positive Feedback motiviere und kompensiere, dass man nicht so viel verdiene als wenn man als Unternehmensberater arbeite, findet er. Auch der Sohn von Jochen Mieg, der noch studiert, hat Interesse am Einstieg in die Firma signalisiert.

Seit die deutsche Nationalmannschaft gewonnen hat, zieht das Geschäft an

Rund um Fußball-Großereignisse erwirtschaftet das Familienunternehmen auch die Umsätze, die ihm in den Jahren dazwischen fehlen. Eine Ausnahme war die Coronapandemie, als die Nachfrage nach Tipp-Kick-Spielen kräftig anzog. Das habe sich wieder normalisiert, sagt Mathias Mieg. Jetzt profitiert der Spielehersteller von der anstehenden Fußball-Europameisterschaft in Deutschland. Seit die Deutsche Nationalmannschaft Spiele gewonnen hat, ziehe das Geschäft merklich an, sagt er. Die Nachfrage hänge auch vom Erfolg der Nationalmannschaft ab – nicht nur bei Tipp-Kick-Fans, auch bei Geschäftskunden. „Im Moment will jeder noch ein Tipp-Kick-Spiel verschenken“, freut er sich über viele Sonderaufträge und volle Auftragsbücher. Tipp-Kick ist auch DFB-Lizenzpartner.

In Jahren von Großereignissen machen Geschäftskunden, die große Stückzahlen ordern, um sie etwa als Geschenke an Kunden oder Mitarbeiter zu verteilen, mehr als die Hälfte des Umsatzes aus. Die Jahresumsätze schwanken zwischen einer und zwei Millionen Euro, in diesem Jahr rechnet Mieg mit rund 1,5 Millionen Euro. Er rechnet mit dem Verkauf von 50 000 bis 60 000 Spielen an Tipp-Kick-Fans und 20 000 bis 30 000 Werbespielen, die gerade zur EM anziehen. Etliche Kicker werden am Stammsitz in Heimarbeit handbemalt, im Moment komme man kaum hinterher, weil alle Malkräfte ausgelastet seien. Doch bis zur EM werde man die Trikots aller teilnehmenden Mannschaften schaffen, sagt Mieg. Größere Stückzahlen und komplette Sets lässt Tipp-Kick seit Jahren in China produzieren. Umsatzstärkste Jahre des Familienunternehmens waren 2018 und 2022 dank Aktionen von Handelskonzernen, die Millionen Tipp-Kick-Figuren an ihre Kunden verschenkten, je nach Höhe des getätigten Einkaufs. Auch die WM 2006 in Deutschland war mit mehr als 200 000 verkauften Spielen ein Ausreißer nach oben.

Tipp-Kicker im VfB-Trikot

Bestseller sind Kicker mit dem klassischen schwarz-weißen Trikot der deutschen Nationalmanschaft, aber auch die des VfB Stuttgart.

Tipp-Kick ist Lizenzpartner des VfB und Mieg VfB-Fan, wie er verrät. Bei dem kleinen Unternehmen sind zwei Mitarbeiter in der Produktion beschäftigt, vier im Büro – inklusive der beiden Chefs, die überall mit anpacken. Spitzen deckt man mit Zusatzkräften und Heimarbeit ab, bei der Verpackung der Spiele arbeitet man auch mit der örtlichen Lebenshilfe zusammen.

Im Juni finden die Deutschen Meisterschaften im Tipp-Kick statt

Tipp-Kick – das Tischfußballspiel – wird auch professionell gespielt: Parallel zur EM werden im Juni 2024 in Villingen-Schwennigen die offenen Deutschen Meisterschaften gespielt, mit mehr als 100 Teilnehmern aus mehreren Ländern. Die Wettkampfspieler sind im Deutschen Tipp-Kick-Verband organisiert.

100 Jahre Tradition

Gründung
1924 gründet Edwin Mieg die Firma Tipp-Kick. Mit einer Blechfigur, deren Fuß sich auf K(n)opfdruck bewegen lässt, muss ein zweifarbiger Korkwürfel in ein Tor geschossen werden. Später werden die Figuren aus Blei, dann aus Zink gegossen. Nach dem Tod des Firmengründers 1948 übernehmen seine Söhne Peter und Hansjörg Mieg.

Durchbruch
Mit dem Weltmeisterschaftsjahr 1954 kommt es zum großen Durchbruch von Tipp-Kick mit Torwart „Toni“, der auf Knopfdruck nach links oder rechts fallen kann. 180 000 Spiele werden allein im Jahr des WM-Titelgewinns in Deutschland verkauft. Mit dem Beginn der Fußball-Bundesliga 1963 gibt es die Top-Kicker der Bundesliga auch als Tipp-Kick-Spieler. Innovationen und Zubehör folgen – etwa textile Netztore.

Weiterentwicklung
Ende der 1990er Jahre tut sich ein neues, lukratives Geschäftsfeld auf, Firmen setzen auf Tipp-Kick-Spiele als Werbegeschenke. Zur Fußball-WM der Frauen 2011 in Deutschland gibt es die erste weibliche Spielerfigur. Längst ist die dritte Generation im Familienunternehmen Tipp-Kick an Bord. Im 100. Jubiläumsjahr 2024 steigt die vierte Generation ein, außerdem bringt Tipp-Kick dem Deutschen Fußball-Bund zusammen eine DFB-Sonderedition des Spiels.

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