Emma Braslavsky über KI „Der Mensch ist immer noch absolute Hightech auf dem Planeten“

Affären zwischen Mensch und Maschine: Dan Stevens und Sandra Hüller in dem Film „Ich bin dein Mensch“ Foto: IMAGO/Capital Pictures

Künstliche Intelligenzen warten nur darauf, uns zu ersetzen. Die Autorin Emma Braslavsky sieht darin Chancen und Risiken – und verrät, warum Elon Musk nicht zur Romanfigur taugt.

Kultur: Stefan Kister (kir)

In einer Art technologischem Spiritismus werden gerade überall die Geister der KI beschworen. Sie kommunizieren mit uns über Sprachmodelle und malen eine Zukunft aus, in der wir möglicherweise ausgedient haben. Kein Grund, apokalyptisch zu werden, findet Emma Braslavsky – und sie ist mit den Affären zwischen Mensch und Maschine bestens vertraut.

 
Emma Braslavsky Foto: Stefan Klüter/ Suhrkamp

Frau Braslavsky, wie verhält sich eine immer Science-Fiction-hafter werdende Gegenwart zu der Vision der Zukunft, die man als Autor entwirft?

Als ich 2016 begonnen habe, mich mit den Wechselbeziehungen zwischen Mensch, Roboter und Künstlicher Intelligenz zu beschäftigen, war mir klar, dass das alles sehr schnell gehen wird und dass darin ein Riesengeschäft steckt. Für mich als Autorin ist diese rasante Entwicklung eigentlich sehr fruchtbar, weil ich jetzt noch einmal neue Mittel und Werkzeuge benutzen kann, um ganz andere Blicke auf uns zu werfen. Denn auch wenn er jetzt gerade in die Ecke gedrängt wird, steht für mich immer der Mensch im Mittelpunkt und die Frage, was es ausmacht, ein Mensch zu sein. Zu dem, was sich gerade auf dem Gebiet der KI tut, habe ich eher eine ustopische Haltung.

Wie bitte, was ist denn das?

Ich glaube nicht an eine reine Utopie oder Dystopie. Wir leben immer in utopischen und dystopischen Verhältnissen gleichzeitig. Das geht mit unterschiedlichen Zeitgefühlen einher. Wenn wir zurückblicken, sieht man, dass unser Leben in vieler Hinsicht besser geworden ist, dass wir mehr Freiheiten oder neue Möglichkeiten haben. Auf der anderen Seite werden die Kollateralschäden immer größer, weil jede technologische Entwicklung auch etwas zerstört. Das ist das Paradoxon, in dem wir leben müssen, und das wir eigentlich viel besser kontrollieren sollten.

Zu den Kollateralschäden zählt auch, dass man auf immer mehr Gebieten nicht mehr sicher sein kann, ob man mit menschlichen Lebensäußerungen konfrontiert ist oder mit den Wahrscheinlichkeits-Kombinationen eines Sprachmodells.

Die Pflicht, den eigenen Kopf anzustrengen, wird zu einer Frage unseres Verantwortungsgefühls. Man muss jetzt für sich entscheiden, ob man einen Brief selbst schreibt, selbst etwas analysiert oder ob man es sich leicht macht und auf ein Chatbot zurückgreift. Ich habe den Eindruck, dass wir darauf in der Erziehung und vielen anderen Bereichen überhaupt noch nicht vorbereitet sind. Wir haben mit den sozialen Netzwerken die Erfahrung gemacht, dass mindestens anderthalb Generationen schon verbrannt sind, Smartphon-süchtig und voller verquerer Vorstellungen von der Welt.

Was schlagen Sie vor?

Vielleicht müsste man sagen, unter 18 Jahren darf so etwas nicht benutzt werden, erst wenn man damit verantwortlich umgehen kann. Wir rutschen gerade in eine Welt voller Hammer-Technologien hinein, für die wir noch gar nicht vorbereitet sind. Das wird leider wohl wieder zu einer Auslese führen, viele werden auf der Strecke bleiben. Und wenn wir es nicht verhindern, regulatorisch oder juristisch, werden wir irgendwann alle von Sprachmodellen bevormundet werden.

In Ihren Büchern erscheinen Roboter bisweilen menschlicher als wir selbst.

Ich habe schon die ersten Roboter gesehen, die im Prinzip so wie Tom in meiner Erzählung „Ich bin dein Mensch“ kaum mehr von uns zu unterscheiden sind. Sie stecken in Körpern, bewegen sich wie wir, man muss schon genau hingucken, und wir wissen ja, wie stark wir projizieren können.

Das klingt doch eher dystopisch.

Aber es könnte auch ein neues Nachdenken über uns anregen: dass wir uns wieder stärker auf unsere eigenen geistigen Kräfte besinnen, auf das, was uns eigentlich ausmacht. Möglicherweise verlieren wir ein paar Zacken aus unserer Krone, aber vielleicht führt es dazu, dass wir zu einem besseren Umgang miteinander finden. Denn wir dürfen ja nicht vergessen, Sprachmodelle haben keine Mutter, haben keinen Körper, haben keine Schmerzen, keine Sorgen, keine Träume. Sie haben keine Vergangenheit, sie haben keine Familie, keinen Bruder, den sie lieben und hassen, den sie gerade verloren haben oder sonst irgendwas. Was will uns eine KI denn über uns erzählen?

Vielleicht reicht es, wenn Leute glauben, sie würde es tun.

Ich weiß tatsächlich nicht, ob man in zehn Jahren noch irgendwelche Schmonzetten drucken wird. Es gibt jetzt schon Prototypen, die einem auf Wunsch alle möglichen Geschichten erzählen, in denen man womöglich selbst die Hauptrolle spielt. Aber irgendwann führt das zu einer ungeheuren Monotonie. Wenn wir das Gefühl haben, dass unsere Wünsche in jeder Hinsicht erfüllt werden, ist das sterbenslangweilig. Eine KI mag eine Menge simulieren können, aber wo Literatur anfängt, die den Namen verdient, hat sie ausgespielt.

In Ihrem letzten Roman wurde Sarah Wagenknecht von Aliens entführt. Könnte Elon Musk für Sie eine Romanfigur sein?

Es gibt nichts, was mich an ihm reizen würde. Er ist ein gerissener Geschäftsmann, der sich in Silicon Valley eingenistet hat und immer schaut, wer gerade etwas Spannendes macht. Dann kauft er sich ein, schmeißt die Hälfte der Leute raus. Anders als ein Steve Jobs hat er nichts von dem, was er vertreibt, selbst erfunden oder entwickelt. Er hat nur eine große Klappe, mir fällt keine Geschichte ein, die ich über ihn erzählen wollte.

Um noch einmal auf die Frage der Verantwortung zurückzukommen: wirkt die politische Entwicklung in den USA nicht wie ein ungeheurer Dystopieverstärker?

Das ist nicht von der Hand zu weisen. Es bedürfte jetzt enorm innovativer Leute, die das im Sinn einer demokratischen Ordnung vorantreiben. Auf den Arbeitsmarkt, auf die Sozialsysteme kommen ungeheure Umwälzungen zu. Stattdessen machen ein paar Tech-Giganten unter sich aus, wie man mit immer neuen Tools und Gadgets die Kontrolle über die Gehirne erreichen kann, und sie schrecken vor keiner Grenzüberschreitung zurück. Die philosophischen Fragen, die sich hier stellen, werden viel zu sehr ausgeblendet.

Haben wir als Menschen noch eine Zukunft gegenüber unseren technologischen Replikanten?

Wenn wir bedenken, wieviel Rechenleistung eine KI verbraucht, wieviel Strom, wieviel Kühlwasser sie frisst, sollte man sich vor Augen führen, was wir an unserem Gehirn haben. Die Verknüpfungsleistung zwischen unseren Ohren schlägt jede KI. Der Mensch ist nach wie vor absolute Hightech auf dem Planeten. Und solange er noch selbst denkt, kommt er sogar ohne Strom aus. Wir sollten unsere Menschlichkeit verteidigen und in den Mittelpunkt der Welt stellen.

Info

Autorin
Emma Braslavsky wurde 1971 in Erfurt geboren. Sie lebt als freie Autorin und Kuratorin in Berlin. Mit ihrer Erzählung „Ich bin dein Mensch“ lieferte sie die Vorlage für den gleichnamigen Film von Maria Schrader. Auch in Romanen wie „Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten“ oder „Erdling“ bekommt man es mit humanoiden Robotern und Außerirdischen zu tun. Doch im Zentrum steht immer die Frage, was das für unser Leben bedeutet.

Zukunftskongress
Am 4. und 5. Juni findet in Stuttgart der Zukunftskongress „New Frontiers“ statt. Bei der Eröffnungsveranstaltung am 4. Juni in der Stadtbibliothek diskutiert Emma Braslavsky mit dem Experten für Maschinenethik, Oliver Bendel, über „Mensch 2.0 - Die Vision des universellen Roboters“. Das gesamte Programm unter: https://www.next-frontiers.de/de/

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