Ende des Zweiten Weltkriegs in Stuttgart Die offizielle Statistik zählt 1389 Vergewaltigungen

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Ganz schlimm trifft es die Frauen: „In den ersten acht Tagen waren wir Freiwild“, sagt Ruth Caldeweyher, die damals 18 Jahre alt war und im Westen wohnte. Es gibt ganze Wellen von Vergewaltigungen. Laut Andreas Fröschler, der einen Band über das Kriegsende in Stuttgart geschrieben hat, hätten 1389 Frauen allein zwischen dem 21. und dem 30. April bei den Behörden angezeigt, dass sie vergewaltigt worden seien – die Dunkelziffer ist aber hoch. „Das Gefühl der absoluten Rechtlosigkeit war riesig“, sagt Caldeweyher.

Oft geschehen die Übergriffe im Beisein des Mannes oder der Kinder, und sie werden oft von Gewalt und Plünderungen begleitet. Die Zeitzeugin Ingeborg Böttger, damals 15 Jahre alt, schrieb der StZ einen Brief: „Meine Freundin und ein gleichaltriges Mädchen wurden von je sieben Soldaten unter vorgehaltener Waffe vergewaltigt. Auf Grund dieses Vorfalls habe ich wochenlang nicht zuhause übernachtet, sondern teils in einer Ruine, teils bei Nachbarn im Keller, teils in einer Hütte für Hasen.“

Tage der Besetzung, Tage der Befreiung.

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Ruth Caldeweyher wird im letzten Moment gerettet. Als drei Soldaten nachts um 2 Uhr in die Wohnung eindringen, verteidigt ihr Vater sie, und die Mutter schreit vom Balkon aus um Hilfe: „In ganz vielen Häusern setzt sich der Hilfeschrei fort – irgendwann kommen französische Soldaten an und nehmen die drei Männer fest.“ Der damals 33-jährige Wolfgang Tschermak von Seysenegg berichtet gar, dass drei „sehr zivilisierte“ Franzosen die fünf Frauen im Haus beschützt hätten.

Diese Ereignisse zeigen, dass die Besatzungstruppen Vorschriften haben. So hat die Zeitzeugin Ingeborg Müller sogar mit angesehen, wie ein Soldat erschossen werden sollte – er hat sein Leben der Frau zu verdanken, die er überfallen hat. Sie setzte sich für ihn ein. Überhaupt betonen die Vorgesetzten immer, wenn sich mancher Pfarrer beschwert, es gebe keinen militärischen Befehl dafür – im Gegensatz zur SS, die Vergewaltigungen in Frankreich angeordnet habe. Oft fällt bei den Franzosen zur Begründung von Zwangsmaßnahmen das Wort Oradour: Die Waffen-SS hatte am 10. Juni 1944 das Dorf Oradour bei Limoges niedergebrannt und fast alle 640 Bewohner auf bestialische Weise ermordet, darunter 460 Frauen und Kinder.

Der Gedanke an Vergeltung spielte zunächst eine Rolle

Der Gedanke an Vergeltung spielte also eine Rolle, aber er war nie so stark, dass es zu Ermordungen oder Hinrichtungen kam. Nur einmal, als am 29. April in Weilimdorf ein Soldat erschossen wird, verhaften die Franzosen willkürlich 20 Männer und drohen, sie zu liquidieren. Erst, als sich herausstellt, dass ein Kamerad der Täter ist, und als der OB energisch auf die Einhaltung der Haager Landkriegsordnung pocht, wird von der Hinrichtung abgesehen. Die Männer bleiben dennoch zehn Wochen in Haft.

Im Laufe des Mai normalisiert sich die Lage ein wenig. Schon am 29. April wird der Schießbefehl zurückgenommen, bald dürfen die Wirtschaften wieder öffnen. Es gibt sowieso viele Soldaten, die nicht als Besatzer kommen. Manche schwärmen von der deutschen Literatur und können nicht verstehen, wie dieses deutsche Volk in eine solche Barbarei verfallen konnte. Und manche haben beim Vormarsch auf Stuttgart schlicht Erbarmen, wenn sie auf den Volkssturm stoßen und plötzlich 15-jährige heulende Jungs vor sich haben.

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