Das Haus in der Werastraße 1 stammt aus den 1950er Jahren. Jetzt steht ein Wechsel der Heizung an. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Haus & Grund Stuttgart muss in einer eigenen Immobilie die Heizung ersetzen. Doch die Preise seien abenteuerlich, so Geschäftsführer Ulrich Wecker. Bis zu 145.000 Euro werden fällig.
Ulrich Wecker, seit fast 20 Jahren Geschäftsführer beim Eigentümerverein Haus & Grund in Stuttgart, ist ein alter Hase im Business und kann sich deshalb manchmal ein loses Mundwerk leisten. Die alte Gasheizung in einem vermieteten Haus in der Werastraße 1, die vermutlich weit älter als 30 Jahre ist, sei am „Abamseln“, so Wecker. So habe man sich auf die Suche nach der neuen besten Heizung gemacht, aber was man dabei erlebt habe und welche Kostenvoranschläge man erhalten habe, sei irre und abenteuerlich gewesen.
Das sind die nüchternen Zahlen. In dem Haus sind fünf Partien auf insgesamt knapp 900 Quadratmetern Nutzfläche untergebracht – eine Wohnung soll jetzt neu entstehen, ansonsten sind dort Steuerberater und der Landesverband von Haus & Grund die Mieter. Eine neue Gasheizung, so hätten ihm Installateure gesagt, könne man für 30.000 Euro einbauen – aber Gas ist out, das kam nicht in Frage. Bei einer Wärmepumpe haben zwei von drei angefragten Handwerkern abgewunken, das sei in dem Haus aus den späten 1950er Jahren nicht machbar; der dritte bot Gerät und Einbau für stolze 121.000 Euro an.
Am Ende hat sich Haus & Grund für die Fernwärme entschieden
Blieb die Fernwärme. Direkt im Haus gegenüber im Keller liegt eine Leitung, als letztes Glied eines Fernwärmestrangs. Da in der Werastraße 1 schon Heizungsrohre im ganzen Haus verlegt sind, muss im Haus quasi nichts gemacht werden. Die EnBW muss deshalb lediglich den Anschluss ins Haus legen, und ein Handwerker muss eine Übergabestation im Keller installieren. Am Ende verlangt die EnBW aber 116.000 Euro für den Anschluss, der günstigste Installateur zusätzlich 29.000 Euro.
Anja Leipold, Sprecherin der EnBW, rechtfertigt den Preis mit einer Sondersituation. Die Leitung liege 40 Meter entfernt, und man müsse extra für dieses eine Gebäude die Straße aufmachen: „Es liegen keine Bausynergien wie bereits offene Baugruben vor“, so Leipold. In Bad Cannstatt, wo in mehreren Straßen Angebote an die Eigentümer gemacht wurden, liegt der Anschlusspreis bei unter 30.000 Euro, egal, wie viele Partien in einem Haus wohnen.
Trotzdem hat sich Haus & Grund jetzt für die Fernwärme entschieden, denn nach Abzug der Zuschüsse ist die Fernwärme sogar um 8000 Euro günstiger. Die EnBW hat selbst einen Rabatt gewährt, dann gibt es Fördermittel aus zwei Bundestöpfen sowie eine Subvention der Stadt. Am Ende macht das 80.000 Euro an Zuschüssen. Der Verein zahlt also noch 65.000 Euro selbst. Die Fernwärme biete zudem den Vorteil, dass sie fast ohne Wartung auskommt, so Ulrich Wecker: „Da haben wir auf Jahrzehnte hinaus Ruhe.“
Ulrich Wecker, der Geschäftsführer von Haus & Grund, inspiziert die alte Gasheizung im Gebäude Werastraße 1 in Stuttgart. Foto: Faltin
Ulrich Wecker stören zwei Punkte massiv. Erstens die hohen Kosten: „Die Energiewende tragen wir mit – aber die Kosten sind aus volkswirtschaftlicher Sicht abenteuerlich.“ Die neuen Heizungsformen seien zu teuer, und am Ende würden auch die Zuschüsse ja vom Steuerzahler übernommen. „Allein die Höhe der jetzigen Fördermittel hätten früher für drei Gasheizungen gereicht“, sagt Wecker. Im Vergleich zu den bisherigen jährlichen Betriebskosten in Höhe von 8000 Euro sei die neue Investition ebenfalls viel zu hoch.
Zweitens sei die Komplexität eines solchen Heizungstausches kaum noch zu durchschauen. Zunächst war etwa die Fernwärme ganz fraglich gewesen, weil wohl der Leitungsdruck zu niedrig schien. In den Gesprächen zur Wärmepumpe sei es um schwierige Fragen zur Vorlauftemperatur oder Dämmung gegangen. Immer wieder seien neue Schlaufen notwendig gewesen. „Oma Meyer wäre da schon lange ausgestiegen“, resümiert Ulrich Wecker.
Eigentümer schrecken vor Hausmodernisierung oder Heizungstausch zurück
Mit dieser Meinung steht Wecker nicht alleine da. Tatsächlich sagen laut einer neuen bundesweiten Umfrage von Haus & Grund unter fast 8000 Eigentümern sehr viele, dass sie vor einer Hausmodernisierung oder einem Heizungstausch zurückschrecken, und zwar vornehmlich aus drei Gründen:
fehlende Rentabilität, sprich zu hohe Investitionskosten
bürokratische Hürden, sprich zu hohe Komplexität
komplexe Anforderungen des Mietrechts
Gegen die hohen Kosten kann man nicht allzu viel machen, obwohl etwa Wärmepumpen in anderen europäischen Ländern deutlich günstiger sind. Den langen und schwierigen Weg zu einer neuen Heizung kann man sich aber womöglich sparen. Es gibt immer mehr Firmen, die hier eine Marktlücke erkannt haben. Dazu gehört etwa das Berliner Unternehmen Enter. Es macht innerhalb weniger Tage eine Energieberatung möglich und bietet auf Wunsch auch ein Komplettpaket rund um Geräteauswahl, Förderung und Einbau. Dabei arbeitet Enter jeweils mit einer Handwerksfirma in der Nähe des Kunden zusammen.
Das Schaltpult der alten Gasheizung Foto: Faltin
Max Schroeren, einer der drei Chefs, kritisiert ebenfalls die großen Hürden. Der Heizungsmarkt sei extrem intransparent, die Angebote seien oft gar nicht vergleichbar – hier hilft aber neuerdings auch die Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Schroeren verspricht im Übrigen, dass die vermittelten Wärmepumpen bis zu 6000 Euro günstiger seien als auf dem freien Markt, weil man Mengenvorteile weitergebe und weil Enter das Gerät richtig dimensioniere: „Viele Handwerker bauen eine Nummer größer ein, um auf der sicheren Seite zu sein.“
Ulrich Wecker und Haus & Grund haben jedenfalls die Odyssee jetzt hinter sich. Wann die Fernwärmeleitung eingebaut wird, ist aber noch offen. Sie hoffen bald, denn die bisherige Gasheizung fällt immer wieder aus. Zumindest muss Wecker nicht befürchten, dass der württembergische Landesverband als einer der Mieter einen Mietabschlag vornimmt – Haus & Grund Stuttgart ist der wichtigste Mitgliedszahler im Landesverband. „Da tut man sich gegenseitig nicht weh“, so Vorstand Sebastian Nothacker scherzhaft.