Das gab es so noch nie in Stuttgart: Im Park der Villa Berg werden neue Stromkabel durch alte Gasleitungen gezogen. Das innovative Verfahren war genau betrachtet ein Zufallstreffer.

Die Stuttgart Netze GmbH beschreitet beim Ausbau ihres Strom-Hochspannungsnetzes zum ersten Mal einen ungewöhnlichen, aber kostensparenden Weg. Statt in Stuttgart-Ost im Bereich des Parks der Villa Bergeine neue Stromtrasse zu bauen, nutzt das Unternehmen stillgelegte Gasleitungen, um darin moderne 110 000-Volt-Kabel unterzubringen.

 

Eine Maßnahme, mit der der Netzbetreiber die Voraussetzungen für langfristige Versorgungssicherheit und die klimaneutrale Entwicklung der Stadt schaffen möchte. Die Aufgabe ist groß: Auf ganz Stuttgart bezogen müssen in den nächsten zehn Jahren 1600 Kilometer Stromleitungen verlegt oder erneuert werden.

Innovation für Stuttgart bei der Villa Berg

Ob diese Vorgehensweise in anderen deutschen Städten schon Schule gemacht hat, weiß der Unternehmenssprecher Maximilian Hugger nicht. „Für Stuttgart Netze ist es auf jeden Fall Neuland“, sagt er.

Und das kam so: Ingenieure aus den Bereichen Gas und Strom haben beim Austausch über künftige Baumaßnahmen festgestellt, dass in Stuttgart-Ost im Parkbereich eine stillgelegte Gasleitung existiert. Da fast parallel eine neue Stromleitung gebaut werden sollte, waren sich die Planer einig, dass eine neue, umfangreiche Grabung nicht mehr nötig war.

Jetzt werden also die ausgedienten Gasrohre zum Raum für die neue Strominfrastruktur. „In Abständen von etwa 100 bis 150 Metern entstehen nur kleine Baugruben, über die zunächst Leerrohre aus Kunststoff und später Hochspannungskabel eingezogen werden“, erklärt Maximilian Hugger. Die bekanntlich aufwendige offene Grabenbauweise entfalle.

Die Baugruben (im Bild im Bereich der Parkstraße 20) sind sehr viel kleiner Foto: Stuttgart Netze

„Wir machen aus alter Infrastruktur Zukunftstechnik“, sagt Michael Stradner, bei den Stuttgart Netzen verantwortlich für die Baukoordination. Die Wiederverwendung der alten Gasleitungen spare Material, Kosten und Zeit – und schone zugleich Umwelt und Verkehr. „Statt eine lange Trasse aufzureißen, benötigen wir nur wenige punktuelle Baugruben“, so der Baukoordinator. Das reduziere Lärm, Baustellen und Beeinträchtigungen für die Anwohner deutlich.

Das aktuelle Projekt umfasst eine Strecke von rund 1,5 Kilometern. Besonders erfreulich ist dabei der Abschnitt im Villa-Berg-Park: Durch das Einziehen in die alten Gasleitungen gelingt es, eine neue Hochspannungsverbindung zu schaffen, ohne die Natur oder das historische Parkensemble übermäßig zu beeinträchtigen.

Kosten werden laut Stuttgart Netze um 30 Prozent reduziert

Das Verlegeverfahren ist nicht nur innovativ, es ist auch kosteneffizient: Durch die Wiederverwendung der bestehenden Rohrsysteme lassen sich laut Stuttgart Netze gegenüber herkömmlicher offener Bauweise rund 30 Prozent der Gesamtkosten einsparen. Die werden von dem Netzbetreiber grob mit rund 500.000 Euro beziffert. „Falls es sich anbietet, werden wir das Verfahren natürlich wiederholen“, sagt Maximilian Hugger. Routinemäßig planen lasse sich das jedoch nicht.