Ein ökumenischer Gottesdienst in der Renninger Bergwaldhalle hat jetzt die Aktion Notnagel gefeiert. Foto: Simon Granville
Seit 30 Jahren ist die Aktion Notnagel fester Bestandteil im sozialen Geschehen in Renningen. In finanzielle Not Geratene werden vom Verein mit einzelnen Zuwendungen unterstützt.
Manuel Schust
23.06.2025 - 14:55 Uhr
Der Rentner Siegfried U. (Name von der Redaktion geändert) muss nach einer Eigenbedarfskündigung aus seiner Wohnung ausziehen. Nach langer Suche findet er endlich eine neue Bleibe. Doch die Kautionskosten, die vor der Anmietung der neuen Wohnung fällig werden, sind von dem älteren Herrn mit kleiner Rente nicht zu bezahlen.
Auch das Sozialamt kann diese Kosten nicht als Sonderleistung tragen. Der Umzug droht zu platzen. Doch dann erfährt die Aktion Notnagel durch das Amt von dem Fall und übernimmt nach Prüfung die anfallende Kaution – schnell und unbürokratisch. Sollte der Mieter wieder ausziehen, erhält die Initiative den Kautionsbetrag zurück.
Angebot wird nicht ausgenutzt
Seit nunmehr 30 Jahren steht die Aktion Notnagel bereit, wenn in Renningen und Malmsheim Menschen in Not geraten und außerordentliche Rechnungen nicht begleichen können. Der Kontakt zu Bedürftigen wird in der Regel über Ämter oder die Kirchengemeinden hergestellt. Selten wenden sich Leute direkt an eines der 20 ehrenamtlichen Mitglieder der Initiative.
„Mehr als die Hälfte der Menschen, denen wir helfen, sind aus unterschiedlichen Gründen arbeitsunfähig und haben eine geringe Rente“, erklärt Erwin Eisenhardt, der seit drei Jahren als Schatzmeister der Aktion Notnagel ehrenamtlich tätig ist. „Auch Alleinerziehende, bei denen das Geld oft hinten und vorne nicht reicht, um über die Runden zu kommen, helfen wir bei besonderen Ausgaben.“
Die Qualität ist wichtiger als der Preis
Klassisch seien etwa Fälle, bei denen für Kinder und Jugendliche die Kosten für eine Klassenfahrt übernommen oder Zuschüsse zum Essen in der Mensa geleistet werden. Aber auch wenn für die Anschaffung einer Waschmaschine, eines Betts oder eines Kühlschranks das Geld nicht ausreicht, steht die Aktion Notnagel parat.
Gleiche Zahl der Fälle, aber doppelt so hohe Aufwendungen: Notnagel-Schatzmeister Erwin Eisenhardt Foto: Simon Granville
„Wir machen die Erfahrung, dass uns von den Menschen eine große Dankbarkeit entgegengebracht und das Angebot nicht ausgenutzt wird“, erzählt Eisenhardt. „Wenn wir zum Beispiel einen Kühlschrank finanzieren, achten die Begünstigten meistens sehr darauf, dass das Gerät möglichst billig ist. Wir wollen hingegen, dass die Geräte eine gewisse Qualität haben und setzen auf Nachhaltigkeit. Denn es nützt wenig, wenn der billige, gebrauchte Kühlschrank nach zwei, drei Jahren kaputt ist.“
Kooperation mit lokalem Händler
Vom Gedanken der Nachhaltigkeit profitiert auch der lokale Handel. Es gibt zwischen der Aktion Notnagel und dem Renninger Elektrohändler Roland Ebner eine Zusammenarbeit. Der Händler bietet für die von der Aktion Notnagel finanzierten Geräte Sonderpreise an und achtet darauf, dass die Produkte gewisse Qualitätsstandards erfüllen.
Möglich macht all das ein fester Kreis von etwa 160 Spendern. Denn die Aktion Notnagel finanziert sich ausschließlich über Spendengelder. Und die Spendenbereitschaft ist vor allem in den Wochen vor Weihnachten sehr gut. Es werden dann meistens Beträge zwischen 25 und 250 Euro überwiesen.
Aber es gibt auch Großspender, die vierstellige Beträge spenden. Das ist wichtig, weil der Bedarf auch nach 30 Jahren in der Rankbachstadt hoch ist.„Wir haben im Vergleich zu vor fünf Jahren doppelt so viel für Zuwendungen ausgegeben, aber die Zahl der Fälle ist im Wesentlichen stabil geblieben“, berichtet Erwin Eisenhardt. Die Inflation hinterlässt hier ihre Spuren – und beispielsweise Elektrogeräte sind deutlich teurer geworden.
Spendenbereitschaft sehr hoch
Zum 30-jährigen Bestehen der Initiative fand ein ökumenischer Gottesdienst in der Renninger Bergwaldhalle statt, bei dem auf die Erfolge der vergangenen drei Jahrzehnte zurückgeblickt wurde. „Wir sind stolz auf das, was wir in den letzten 30 Jahren erreicht haben“, sagt Gerhard Kicherer, Vorsitzender der Aktion Notnagel. „Es ist beeindruckend zu sehen, wie viele Menschen sich engagieren und Aktion Notnagel finanziell unterstützen, um anderen zu helfen.
Dieses Jubiläum ist nicht nur ein Grund zum Feiern, sondern auch eine Gelegenheit, um auf die Herausforderungen hinzuweisen, denen viele Menschen weiterhin gegenüberstehen.“