Kai Höss (Mitte), Enkel des Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß, besuchte für den Dokumentarfilm „Der Schatten des Kommandanten“ mit seinem Vater Hans-Jürgen und der Tochter einer Auschwitz-Überlebenden die KZ-Gedenkstätte in Polen. Foto: Warner Bros. Picture
Die Nachkommen der Nazi-Täter melden sich stellvertretend für eine ganze Generation Kriegsenkel zu Wort, die nun in der Vergangenheit der Großeltern wühlen. Das ist wichtig für die deutsche Erinnerungskultur, birgt aber für jeden Einzelnen auch Risiken.
Mit dem Film „Der Schatten des Kommandanten“ betrat Kai Höss (62), Pastor einer Freikirche aus Renningen (Kreis Böblingen), im Juni 2024 erstmals die ganz große Bühne. Für die Dokumentation war er zusammen mit seinem Vater Hans-Jürgen an jenen dunklen Ort in Polen gereist, an dem sein Großvater Rudolf Höß während des Dritten Reiches die Mord-Maschine Auschwitz mit 1,1 Millionen Opfern befehligt hatte.
Kai Höss brach nicht nur sein öffentliches Schweigen zur Familiengeschichte, sondern auch jenes zwischen ihm und dem Vater. Im Interview mit unserer Zeitung sagte Höss, er wolle die vererbten Traumata offen legen, aber auch etwas gegen den kollektiven Relativismus in Deutschland („Was der Opa getan hat, war doch gar nicht so schlimm“) tun: „Der Film ist ein Mahnmal, wohin führen kann, was als Populismus beginnt.“
Auch Bettina Göring spricht über ihren Großonkel
Kai Höss ist nur einer der Nazi-Enkel, die fast 80 Jahre nach Kriegsende mit schwerwiegender (Familien-)Geschichte im Gepäck an die Öffentlichkeit gehen und sich in einem Spannungsfeld aus Aufklärung und Selbstdeutung befinden: Anfang 2024 erschien Bettina Görings Buch „Der gute Onkel – mein verdammtes deutsches Erbe“. In Talkshows berichtete die Großnichte Hermann Görings, wie die Kriegsverbrechen des Oberbefehlshabers der Deutschen Luftwaffe ihr Leben prägen. Schon seit ein paar Jahren spricht Heinz Jäger, Orgelbauer aus dem Schwarzwaldort Waldkirch, über seinen Opa Karl, der 1941 die Massenerschießungen von fast 140 000 litauischen Juden organisierte, auch darüber, wie die Familie aus Scham schwieg. Es müsse eine Geschichte ans Licht, die ihm die Deutungshoheit über sich selbst zurückgebe, sagte Heinz Jäger 2021.
Tatsächlich sind es nicht nur die Nachfahren von Nazi-Größen, die sich zu Wort melden. Unter dem Stichwort „Kriegsenkel“ – geprägt durch das gleichnamige Buch von Sabine Bode von 2009 – scheint eine ganze Generation nun in ihrer Familienhistorie zu wühlen. In Foren, Selbsthilfegruppen, Podcasts, Facebook-Gruppen und Arbeitskreisen forschen, schreiben und sprechen sie darüber. Erfahrungsberichte sind in den vergangenen Jahren ebenso zuhauf erschienen wie psychologisch grundierte Sachbücher.
Die Bundeszentrale für politische Bildung bündelt seit 2020 auf einer Internetseite Enkel-Geschichten und liefert Anleitungen, wie und wo das Leben der Großmütter und -väter recherchiert werden kann. Dort ist nachzulesen, dass im Freiburger Militärarchiv eine Riesenwelle privater Anfragen anschwappt: Rund 13 000 sind es mittlerweile jedes Jahr. Im Podcast „Gestern ist jetzt“ sagte der Archivar Thomas Menzel 2023 dazu: „Es wabern immer noch viele NS-Legenden in der Bevölkerung, Familienforschung kann die ausräumen.“ Womit auch gleich schon der Bogen von der individuellen Bedeutung der Recherchearbeit zur gesamtgesellschaftlichen Relevanz gespannt wäre.
„Opa war kein Nazi“
Nachzuholen gibt es durchaus etwas. Während vor allem die jüdischen Opfer von NS-Terror und Holocaust seit den 80er-Jahren zu erzählen begannen – ermutigt unter anderem durch die zivilgesellschaftlich geprägte Gedenkstättenbewegung hierzulande – herrschte aufseiten der Täterfamilien wie in der breiten Bevölkerung weitgehend Verdrängen und Schweigen. Das Publikum stark polarisierende Ausnahmen, wie 1987 die literarische Abrechnung Niklas Franks mit seinem Vater Hans, dem „Schlächter von Polen“, bestätigen nur die Regel.
Als der Soziologe Harald Welzer um die Jahrtausendwende mit Kollegen untersuchte, wie die „ganz normalen Deutschen“ die Zeit des Dritten Reiches erinnern und was in den Familien an Geschichten und Deutungsmustern überliefert wird, erlebte er in den Interviews viel Legendenbildung und Wunschvorstellungen über das Denken und Tun im Dritten Reich. Wortlos schienen sich Umdeutungsstrategien in den Familien fortgepflanzt zu haben. Der Titel des Buches, das dazu 2002 erschien, verkürzte die Ergebnisse griffig in die Denkfigur „Opa war kein Nazi“.
In Anlehnung daran könnte man den Impetus heutiger Biografieforscher mit der Frage „War Opa nicht doch ein Nazi?“ überschreiben. Verwunderlich ist es nicht, dass gerade jetzt das Leben der Großeltern interessant wird. Natürlich hilft der zeitliche Abstand den Enkeln und Urenkeln (Oma und Opa sind oft schon tot), unbefangener zu fragen und zu recherchieren, als noch ihre Eltern, die zweite Generation, es vermochten.
Dazu ist diesen Generationen weniger fremd und befremdlich, sich selbst zu durchleuchten und die Erkenntnisse zu teilen – mit oder ohne psychotherapeutische Hilfe. Intimes zu erzählen ist spätestens seit der Talk-Show-Schwemme der 90er Jahre Alltagspraxis theoretisch für Jedermann geworden. Anders gesagt: Biografiearbeit, das ist DAS Ding der Stunde, an dem auch ein gut florierender Markt der Coachingangebote, Familienaufstellungen und Behandlungskonzepte verdient. Kulturelle Phänomene, wie die obsessive filmische Verarbeitung des 20. Jahrhunderts anhand von Einzelschicksalen in Serien wie „Unsere Mütter, unsere Väter“ oder „Babylon Berlin“, spiegeln und befördern diesen Zeitgeist gleichsam.
Und so geht es fast nie nur um die Frage, was die Kriegsgeneration getan hat, sondern wie deren Taten, auch Traumata nach Fronteinsatz, Vertreibung und Bombennächte nachklingen. #Kriegsenkel ins Instagram-Profil geschrieben – das scheint als sehr zeitgeistiger, weil selbstoptimierender Nachweis einer fleißigen Rechercheleistung wie versehrten Persönlichkeitsstruktur gemeint.
Das hat seine Licht- und Schattenseiten. Zu verstehen, wie der Überlebenskampf des Opas im Kessel von Stalingrad oder die Vergewaltigungen der Großmutter auf dem Treck von Ostpreußen mit den eigenen Verkorksungen zusammenhängen, kann mit letzteren versöhnen, sie bestenfalls heilen. Es birgt aber auch die Gefahr, Schuld zuzuschreiben, Verantwortung abzugeben. Der Familientherapeut Wolfgang Schmidtbauer diagnostiziert mittlerweile eine „Dämonisierung“ der Vorgeborenen: „Erwachsene Kinder machen ihre Eltern heute für so ziemlich alles verantwortlich, was in ihrem Leben schiefgelaufen ist“, sagt Schmidtbauer.
Rudolf Höß bei seiner Auslieferung an Polen 1946 Foto: dpa/picture-alliance
Eine Falle, die manchem bewusst ist. „Und was hat das mit mir zu tun?“, fragte Sacha Batthyany 2016 in seinem Buch, in dem er die Nazi-Bestialitäten seiner Großtante beim Massaker von Rechnitz an polnischen Zwangsarbeitern 1945 und den Umgang seiner Familie damit ausgrub. Und zeigte klug, wie schmal der Grad zwischen gesunder Aufarbeitung, gefährlicher Schuldübernahme und hochemotionaler Hass-Liebe-Verstrickung mit den Tätern in der Familie ist.
Auch in den Bekenntnissen der Groß-Nazi-Nachfahren Höss und Göring spiegeln sich diese Ambivalenzen. Deren ostentative Abkehr von den unfassbaren Überfiguren führt beim Beobachter absurderweise dazu, dass man deren Spuren nur umso mehr in den Enkeln sucht. Dass sich Bettina Göring zeitweise der Bhagwan-Bewegung anschloss, Kai Höss heute Teil der evangelikalen Kirche ist, verdeutlicht ein fast schon metaphysisches Ringen um ein Leben jenseits der Schatten. Den Familienbanden entkommst du eben nicht.
Vor diesem Hintergrund erscheint die Strategie des Künstlers Erwin Wurm (Jahrgang 1954) sehr gesund. In einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ antwortete er auf die Frage, wie er mit seinem Vater klargekommen sei: „Mein Vater war sehr gut zu mir – aber eben auch ein Nazi. (…) Wir haben uns halt irgendwie geeinigt: Er hat es gehasst, dass ich Künstler bin, und ich habe gehasst, dass er dieser Ideologie nachhängt. Wir haben eine Art Frieden gefunden.“
Mit Legenden über die Nazi-Zeit aufräumen
In jedem Fall wichtig und fruchtbar aber ist die Biografiearbeit für die deutsche Erinnerungskultur. Nicht nur, weil sie, wie es der Freiburger Archivar Thomas Menzel andeutete, mit Legenden über die einzelne Familie hinaus in die Gesellschaft hinein aufräumen kann – eine Qualität für sich, umso mehr in Zeiten, da rechtsextreme Gedankenwelten und Verschwörungstheorien Zulauf haben.
Bisweilen schlagen die Nachfahren auch neue Kapitel der Forschung auf, wie im Fall der unterbelichteten Schicksale Kleinkrimineller und armutsverwahrloster Menschen, die als „Berufsverbrecher“ und „Asoziale“ in den KZs umgebracht wurden. Dank der Initiative von Kindern und Enkeln, die forschend tätig sind, erkannte der Bundestag im Jahr 2020 diese Gruppen endlich als Opfer des Nationalsozialismus an.
In einer Zeit der Storys werden Zeitzeugen umso wichtiger
Außerdem können die Nachgeborenen der großen wie kleinen Rädchen im nationalsozialistischen Getriebe, aber auch der geschundenen Bevölkerung, der deutschen Erinnerungsarbeit wichtige Stimmen hinzufügen. Bislang legte vor allem die Opfer-Seite Zeugnis ab und lieferte damit einen wichtigen emotionalen Zugang in der Geschichtsvermittlung. Die Opfer sind das Gesicht des Zivilisationsbruchs, lösen Zahlen, Daten, Fakten aus der Anonymität. In einer Zeit der Bilderposts, Storys und Reels, in der Menschen Informationen am liebsten über Narrative und Testimonials als so genannten Content erfahren, werden Zeugen noch wichtiger. Vor allem wenn es darum geht, junge Menschen zu sensibilisieren.
Opfer fragen: „Wer wird an mich erinnern?“
Was die schwindende Gruppe der ersten Generation Opfer-Zeitzeugen betrifft, wird deshalb schon länger überlegt, wie und von wem diese Aufgabe übernommen werden könnte. Vertreter der Jewish Claims Conference erzählten Anfang dieses Jahr auf der Konferenz „Erinnern, um (nicht) zu vergessen“ des Zentralrats der Juden, eine der drängendsten Fragen der letzten Überlebenden sei: „Wer wird an mich erinnern?“
Längst geht es nicht mehr nur darum, deren Erzählungen in Bewegtbildern zu archivieren. Gearbeitet wird in Museen und an Gedenkorten an Zeitzeugen-Hologrammen und -Avataren, die Besuchern ergänzend zu Dokumenten und Objekten Fragen beantworten, an geschichtlichen Videospielen und Tiktok-Auftritten. Den Enkeln kommt dabei eine zentrale Rolle zu. Schon jetzt treten einige von ihnen zusammen oder stellvertretend für die betagten Großeltern auf, in ihrer Wirkung auf das Zitat Elie Wiesels vertrauend: „Jeder, der heute einem Zeugen zuhört, wird selbst ein Zeuge werden.“
Auch Migranten können erzählen
Dabei wird es in Zukunft noch wichtiger werden, auch die Grenzen dieser Zeugenschaft als verlässliche historische Quelle zu vermitteln. Schon die erste Generation schickte das Erlebte durch die Filter der individuellen, selektiven Wahrnehmung. Bei der Weitergabe droht die Erinnerung weiter verzerrt, geglättet, überhöht, schlicht: verändert zu werden. Eine Art Flüsterpost-Effekt, der sich in den Gehirnen der Rezipienten fortsetzt. In einer pluralen und migrantischen Gesellschaft stellt sich zudem die Frage, wer in Zukunft zu Wort kommen sollte. Umso drängender, da mit der AfD eine Partei Wahlerfolge einfährt, die die bisherige Gedenkkultur beschneiden will und gleichzeitig Zugewanderten ein Recht auf kulturelle Identität und damit auch Erinnerung abspricht.
Auf der Konferenz „Erinnern, um (nicht) zu vergessen“ erklärte die Direktorin des Jüdischen Museums Frankfurt, eine neue Kultur des Erinnerns dürfe nicht nur die Biografien deutscher Täter und ihrer Opfer erzählen, sondern müsse die aller hier lebenden Menschen abbilden. Auch sie könnten aus ihren Herkunftsländern Geschichten von Kriegsmördern und Toten, Schuld und Scham, Traumata und Erlösung erzählen – kurz: von der ganzen Bandbreite menschlicher Abgründe. Gemeinsam ist all diesen Zeugen ohnehin die universelle, 80 Jahre nach Kriegsende, wieder so dringend benötigte Botschaft: Ein Weiterleben ist möglich.