Entrümpler aus Stuttgart Was vom Leben übrig bleibt
Der Entrümpler Atahan Dingil kommt immer dann, wenn es die Reste eines Lebens zu beseitigen gilt. Die Schicksale der Menschen haben auch seinen Blick aufs Leben verändert.
Der Entrümpler Atahan Dingil kommt immer dann, wenn es die Reste eines Lebens zu beseitigen gilt. Die Schicksale der Menschen haben auch seinen Blick aufs Leben verändert.
Das Leben ist ein Fluss, sagt man gern leichthin. Der Lebensfluss jenes Mannes, der bis vor Kurzem in einer Wohnung in Stuttgart lebte, hatte zuletzt allerdings einige Wendungen erfahren, hatte Stromschnellen zu passieren und Wasserfälle hinunterzustürzen.
Erst sei die Ehe des Mannes zerbrochen, erzählt ein Nachbar, dann seine Mutter gestorben, kurz danach seine beiden Katzen. Und zu guter Letzt habe das Altenheim, in dem er gearbeitet hatte, geschlossen. Der Mann verlor also auch noch seine Arbeit. Und damit wohl den Halt.
Geblieben war ihm die Wohnung im fünften Stock eines alten Hauses. Sein Rückzugsort. Diese Wohnung mit den zwei Zimmern, einer kleinen Kammer sowie Bad und Küche wirkt, als sei sie ein Behelfslager am Ufer, von dem aus er den Fluss des Lebens nur noch aus der Distanz beobachtete. Als hätte er nichts mehr mit ihm zu tun gehabt.
Statt auf Gestrüpp trifft man hier auf Gerümpel, durch den sich ein nur vage abzeichnender Trampelpfad zieht, vorbei an Klamotten, Hausrat, Pflanzen, vollgestopften Plastiktüten, Zeitschriften, Büchern, Plastikwannen, Rätselheften, Figuren, Rechnungen, Taschen. „Das sind etwa 110 Kubikmeter Müll“, sagt Atahan Dingil, Chef der Firma Rümpelschwab, nüchtern.
110 Kubikmeter – das ist ungefähr so viel, wie in einen großen Sattelzug passt. Oder einem Raum von zehn Meter Länge, 3,70 Meter Breite und drei Meter Höhe. Es entspricht aber auch einem Leben. Es ist das, was vom Leben übrig blieb.
Der Mann ist kürzlich gestorben. Er war abends noch zum Einkaufen gefahren, hatte danach im Hinterhof des Hauses geparkt. Am nächsten Morgen winkte ihm eine Nachbarin zu, wie er da so hinter dem Lenkrad saß. Als er nicht reagierte, rief sie Hilfe. Multiples Organversagen. Seine Einkäufe lagen noch hinten im Wagen.
Dingil und sieben seiner Mitarbeiter, die er zur Entrümplung dieser Wohnung mitgebracht hat, packen dieses Leben – oder das, was davon übrig blieb – nun in große blaue Plastiktüten. Sie sortieren es: Papier, Glas, Keramik, Metall, Zinn, Holz, Sperrmüll.
Für manche der Materialien bekommt man noch etwas Geld: für Metall 13 Cent pro Kilo, für Glas 15 Cent pro Tonne, für Holz 86 Euro pro Tonne, für Zinn 20 Euro pro Kilo. Für die Entsorgung des Restmülls hingegen muss der Entrümpler zahlen.
Stephan Fischer ist oft einer der ersten Mitarbeiter der Firma Rümpelschwab, der eine Wohnung betritt. Der studierte Architekt ist zugleich seit 50 Jahren Sammler und hat ein gutes Auge für Schätze – kleine wie große. „Der Mann, der hier lebte, war kein wirklicher Messie – da bekommen wir ganz anderes zu sehen. Hier stinkt es wenigstens nicht, es liegen keine Fäkalien rum“, sagte er. „Der Bewohner hier war eher ein Sammler.“ Er nimmt eine kleine Hundefigur aus Porzellan aus dem Regal. „Dafür bekommt man auf dem Flohmarkt vielleicht noch fünf Euro.“
Das Auge fällt auf ein altes Foto an der Wand. Es zeigt einen Mann, mutmaßlich den ehemaligen Bewohner, mit einem kleinen Hund auf dem Schoss. Handschriftlich ist darunter vermerkt: „So eine schöne Zeit.“ Anders als der Porzellanhund wird dieses Bild im Restmüll landen. Die Dinge, die nur einen immateriellen Wert haben, sind so vergänglich wie der Mensch selbst.
Diese Erkenntnis, die Dingil jeden Tag aufs Neue gewinnt, macht auch was mit ihm. „Am Ende ist nicht wichtig, was du an materiellen Gütern angehäuft hast“, sagt der Vater dreier Kinder. „Wichtig ist, was für ein Leben du geführt hast mit den Menschen, die dir wichtig sind.“
Der Erlös kleiner Schätze wie dem Porzellanhund wird teils mit dem Auftraggeber verrechnet, manch einer möchte aber auch nur alles so schnell wie möglich loswerden. „In so einem Fall dürfen meine Mitarbeiter mitnehmen, was sie brauchen können“, sagt Dingil. „Das ist für so manchen ein großer Anreiz – unter meinen 17 Mitarbeitern sind etwa auch Syrer, die gar nichts haben und alles brauchen.“ Er zieht eine originalverpackte Lautsprecherbox aus dem Berg an Gerümpel. „Die ist noch nagelneu, entspricht aber heute nicht mehr dem modernsten Stand der Technik – und die Firmen suggerieren einem immer, dass man das Neuste braucht.“ Eine Kritik an der Konsumgesellschaft.
Der 39-Jährige selbst ist noch ganz anders aufgewachsen, bodenständiger, bescheidener. Sein Großvater kam 1963 als Gastarbeiter aus der Türkei nach Deutschland. Zehn Jahre später folgte ihm sein Sohn, Atahan Dingils Vater. Dieser lebte dann mit seiner Familie – seiner Frau sowie Atahan und seinen Geschwistern – im Stuttgarter Westen. Der Vater arbeitete Vollzeit bei Bosch. Nebenher gründete er noch ein eigenes Unternehmen: Er kaufte sich einen Transporter und spezialisierte sich auf Umzüge, Transporte, Haushaltsauflösungen und Kurierdienste. „Als ich mein erstes eigenes Handy wollte, musste ich es mir bei meinem Vater erarbeiten“, sagt Atahan Dingil. So bekam er auch erste Einblicke in den Beruf. Später machte er eine Ausbildung zum Schlosser, arbeitete danach in der Industrie – und bemerkte „dass das nicht mein Ding ist“.
Er absolvierte ein Studium in Wirtschaftspsychologie und Betriebswirtschaft, im Jahr 2000 stieg er offiziell in das Familienunternehmen ein. 2015 ging sein Vater in den Ruhestand und Atahan Dingil übernahm das Geschäft schrittweise. Zwei Jahre später war er Geschäftsführer und führte das Unternehmen in eine neue Phase.
Denn Atahan Dingils Vater war eher „risikoavers“, wie er es nennt. Er selbst wollte den Betrieb zu einer Entrümplungsfirma 2.0 ausbauen: vergrößern, digitalisieren – aber gleichzeitig den Idealen seines Vaters treu bleiben. Der war umtriebig, verlässlich und immer hilfsbereit. Wenn bei einem Nachbarn das Auto zickte, legte er Hand an – obwohl das gar nicht sein Metier war. So handelte er sich ob seiner Charaktereigenschaften den Beinamen „Der Schwab“ ein. „Meine Frau kam dann auf die Idee, die Firma Rümpelschwab zu nennen“, sagt Dingil.
Mohammad Abdullah läuft der Schweiß über die Stirn. Er weiß nicht, wie viele blaue Müllsäcke er schon die fünf Stockwerke hinunter geschleppt hat und in einen der zwei großen Transporter gepackt hat. „So spare ich mir wenigstens das Fitnessstudio“, sagt der Mitarbeiter von Dingil und lächelt.
Die Entrümplung ist auf zwei Tage angesetzt – bis zu dem Fernseher im Wohnzimmer, vor dem eine selbstgebrannte DVD mit der Aufschrift „Ice Age“ liegt, sind er und seine Kollegen noch längst nicht vorgedrungen. Auch nicht zu dem umgekippten Jesu am Kreuz, die davor liegt. Stumme Zeugen eines Lebens, die trotzdem viel über ihren ehemaligen Besitzer aussagen.
Der skurrilste Fund, den Dingil und seine Männer je gemacht haben, waren Embryonen und Föten im Glas. „Einige meiner Mitarbeiter kamen wie vom Blitz getroffen aus einer Garage rausgestürzt, die es zu entrümpeln galt“, erinnert sich Dingil. In der Garage fand er dann das Glas mit einer Flüssigkeit darin vor, in der mehrere Föten in verschiedenen Entwicklungsstadien schwammen.
„Ich wusste, dass der ehemalige Besitzer der Garage Arzt gewesen war. Vielleicht hatte er das Glas als Erinnerung entwendet“, mutmaßt er. Dingil rief die Polizei. Die erklärte sich aber für nicht zuständig in der Angelegenheit. Dingil fand heraus, dass er das Glas samt Inhalt an der Universität in Tübingen abgeben konnte, wo solche Föten in regelmäßigen Abständen bestattet werden.
Der Alltag gestaltet sich freilich meist gleichförmiger. Oft hat der Rümpelschwab nicht nur eine Entrümpelung am Tag, sondern gleich zwei zu bewältigen. In der letzten Zeit hätten Ladeninsolvenzen zugenommen. Auch Umzüge organisiert das Unternehmen. Insgesamt laufe das Geschäft gut.
Aber es könnte noch besser sein. „Es gibt in unserer Branche sehr viele schwarze Schafe. Entrümpler benötigen für den Transport von Abfällen in Deutschland eine Erlaubnis nach dem Kreislaufwirtschaftsgesetz beim zuständigen Umweltamt, besonders wenn gefährliche Abfälle transportiert werden“, sagt Dingil. Viele Entrümpler hätten eine solche Genehmigung aber nicht. Er hat sich deswegen schon bei sämtlichen Gemeinden in der Umgebung beschwert, denn „die prüfen so etwas gar nicht, sondern nehmen immer den günstigsten Anbieter.“ Antworten hat er allerdings nie erhalten.
Der Flur der Wohnung lichtet sich so langsam. Der Trampelpfad durch das Gerümpel ist zu einem veritablen Weg geworden. In der Luft, so bildet man sich ein, hängt ein Geruch aus Schweiß, Blut und Tränen. Der Schweiß der Entrümpler, das Blut des umgekippten Jesu am Kreuz und die Tränen über ein so bitter geendetes Leben.
Dingil bekommt für das Entrümpeln dieser Wohnung rund 10 000 Euro. „Davon gehen aber 19 Prozent Mehrwertsteuer ab, zudem die Entsorgungskosten und das Gehalt für die Mitarbeiter“, sagt er. Am Ende bleibe ihm rund ein Zehntel an Reingewinn.
Das Leben ist ein Fluss. Manchmal fließt er ruhig. Manchmal wild. Irgendwo und irgendwann endet er. So oder so.