Entwicklungsverzögerung Vierjährige, die nicht sprechen – „Es gibt Fenster in der Entwicklung“

Frühförderung kann sehr viel bewirken, diese Erfahrung macht die Leiterin der Interdisziplinären Frühförderstelle, Konstanstina Mavridou-Lönne immer wieder. Foto: Imago/Pond5 Images ; Gesundheitsamt

In die Interdisziplinäre Frühförderstelle in Stuttgart kommen immer mehr Kinder. Es melden sich aber auch mehr besorgte Eltern. Wann sind Sorgen berechtigt?

Familie/Bildung/Soziales: Viola Volland (vv)

Entwickelt sich ein Kind deutlich langsamer als andere, kann es sein, dass der Kinderarzt den Eltern zur Frühförderung rät. Aus gutem Grund: „Es gibt Fenster in der Entwicklung“, sagt Konstantina Mavridou-Lönne, die Leiterin der Interdisziplinären Frühförderstelle (IFF) des Stuttgarter Gesundheitsamts und des Körperbehinderten-Vereins. Werden diese Fenster nicht genutzt, drohten „verfestigte Behinderungen“. Kinder mit einem schwachen Körpertonus zum Beispiel, deren Muskeln nicht gezielt gestärkt werden, könnten später oft nicht hüpfen, nicht springen, hätten keine Ausdauer. In der Schule hätten sie dann oft Probleme, weil sie nicht lange sitzen könnten.

 

Umgekehrt heißt das aber auch: Wird früh gehandelt, kann es anders kommen. „Verläufe von Erkrankungen können oft positiv beeinflusst werden“, sagt der Leiter des Stuttgarter Gesundheitsamts, Stefan Ehehalt.

662 Kinder in 2025 beraten

Darum geht es in der Interdisziplinären Frühförderstelle: Kinder mit Entwicklungsauffälligkeiten und Behinderungen so gut und früh wie möglich zu fördern und ihre Eltern zu unterstützen. Wer sich Sorgen um die Entwicklung seines Kindes macht, ist hier richtig. Der Bedarf an diesem Angebot ist deutlich gestiegen. Immer mehr Familien suchen die IFF auf. Man habe Stellen hinzubekommen und könne inzwischen entsprechend mehr Kinder versorgen, berichtet Konstantina Mavridou-Lönne. Das zeigt sich auch in der Statistik. Im Jahr 2025 habe man 662 Kinder beraten – deutlich mehr als 2020 (392) oder 2015 (407). Hinzu kommen in Stuttgart noch die Kinder, um die sich die anthroposophische Frühförderstelle Fundevogel kümmert, die ebenfalls Kinder wegen Auffälligkeiten in der Entwicklung begleitet. Beide Frühförderstellen sind nur für Babys und Kinder im Vorschulalter zuständig, nicht für Schulkinder.

In den meisten Fällen hätten die Kinder, die zu ihnen kommen, keine Diagnose, sagt Konstantina Mavridou-Lönne. „Da macht man sich auf die Reise“, sagt sie. 38 Prozent sind auf Empfehlung des Kinderarztes in der Frühförderstelle, aber auch Kitas, das Gesundheits- und Jugendamt vermitteln. „Viele Eltern melden sich auch direkt bei uns“, sagt Mavridou-Lönne.

Sind diese heute besorgter als früher? Das könne man pauschal nicht beantworten, heißt es beim Gesundheitsamt. Eltern seien sehr unterschiedlich, auch sehr unterschiedlich informiert. Sie geht aber davon aus, dass die idealisierten Bilder, die sogenannte Momfluencer auf sozialen Medien verbreiten, bei einem Teil Druck und Verunsicherung erzeugen.

Spannbreite der Entwicklung ist groß, aber es gibt Warnsignale

Doch wann sind Sorgen berechtigt? Eindeutig ist auch das nicht zu beantworten. „Einzelne Symptome müssen nichts Pathologisches bedeuten und können Ausdruck der hohen Variabilität in diesem Alter sein“, betont Konstantina Mavridou-Lönne. Will heißen: Die Spannbreite in der Entwicklung ist gerade im Kleinkindalter groß. Einerseits. Aber es gebe wichtige Warnsignale: Vor allem bei Rückschritten in der Entwicklung, dass also erlernte Fähigkeiten wieder verlernt werden, sollte man sofort den Kinderarzt aufsuchen. Auch wenn die Entwicklung stehen bleibe, es keine Fortschritte mehr gebe, sei dies ein Warnsignal.

Es gebe hingegen keine Voraussetzungen, die ein Kind erfüllen müsse, um zum Beispiel in den Kindergarten gehen zu dürfen. Aber die Frühförderstellenleiterin nennt einige Punkte, die sich förderlich auswirkten für die Aufnahme von Dreijährigen:

  • möglichst kein Medienkonsum, das wirke sich positiv auf Konzentration und Ausdauer aus
  • ein grundlegendes Gefahrenverständnis
  • Grundbedürfnisse können vom Kind verbal oder nonverbal mitgeteilt werden
  • das Kind kann sich von den Eltern trennen und sich auf eine neue Umgebung einlassen
  • eine kurze Konzentrationsspanne kann aufrecht gehalten werden
  • das Kind kann Interesse an anderen Kindern zeigen
  • das Kind hat eine gewisse Frustrationstoleranz

Verhaltensauffälligkeiten der häufigste Aufnahmegrund

In die Frühförderstelle kommen Kinder, die Auffälligkeiten in Bezug auf Verhalten, Sprache und/oder Motorik aufweisen. Verhaltensauffälligkeiten sind dabei laut Mavridou-Lönne der häufigste Anmeldegrund: Ein Kind wird zum Beispiel gegenüber anderen aggressiv oder gegen sich selbst. Auch Kinder, die sich sehr zurückziehen würden, nicht mit anderen spielten, nicht am Geschehen teilnähmen, zeigten sich verhaltensauffällig.

Wenn ein Kind nur lispele, schicke es kein Kinderarzt zur Frühförderstelle, betont Konstantina Mavridou-Lönne in Bezug auf sprachliche Auffälligkeiten. In unkomplizierten Fällen verweist die IFF auf niedergelassene Logopäden. Anders sei es, wenn ein Kind im Alter von vier Jahren nicht spreche oder im Alter von fünf Jahren nur in „Ein-Wort-Sätzen“ kommuniziere. Hinter sprachlichen Auffälligkeiten könne auch ein Problem mit dem Gehör stecken, da schaue man bei der Diagnostik entsprechend drauf.

Eltern haben häufig Schuldgefühle

Motorische Entwicklungsverzögerungen stehen bei jüngeren Kindern im Alter von Null bis zwei Jahren im Vordergrund, die in die IFF kommen. Darunter zählt man zum Beispiel, wenn ein Kind spät laufen lernt oder nicht frei laufen kann, auch der Zehenspitzengang oder häufiges Stolpern zählen dazu. Ist ein Kind übermäßig ängstlich, zeigt es Tics, schläft es nicht gut, kann es sich nicht selbst regulieren? Dann spricht man von psychosozial-emotionalen Entwicklungsauffälligkeiten. Auch hier hilft die Frühförderstelle weiter.

In der Zusammenarbeit mit den Eltern sei ihnen „gegenseitiges Vertrauen“ wichtig, betont Konstantina Mavridou-Lönne. Sie sollten sich ernst genommen fühlen. Oft äußerten diese Schuldgefühle, weil ihr Kind sich nicht so gut entwickelt wie andere und fragten, was sie falsch gemacht hätten. „Wir versuchen, die Eltern aufzufangen“, sagt sie. „Es ist ganz wichtig zu entlasten“, betont auch der Gesundheitsamtsleiter Stefan Ehehalt. Man könne viel bewirken, betont Konstantina Mavridou-Lönne. Sie hat schon so viele Kinder gesehen, die sie positiv überrascht haben. „Viele holen erstaunlich viel auf.“

Stuttgarter Ziele für ein gesundes Aufwachsen

Das Gesundheitsamt hat „Stuttgarter Ziele für ein gesundes Aufwachsen“ erarbeitet. Diese sollen laut einer Mitteilung der Stadt Stuttgart Familien, Kindern, Jugendlichen und Fachkräften Orientierung in den Bereichen mentale Gesundheit, Bewegung, Ernährung und Prävention geben. Die Ziele sind für vier Entwicklungsphasen vom Säugling bis zum 17. Lebensjahr formuliert und beziehen sich auf verschiedene Lebensbereiche wie Familie, Kita, Schule, Freizeit und Verein. Für jede Zielgruppe gibt es im Internet eigene Unterseiten mit Informationen.

Zum Beispiel erfahren Eltern von Kleinkindern unter anderem, dass diese mindestens drei Stunden täglich in Bewegung sein sollten und so wenig Zeit wie möglich im Buggy, Auto oder auf dem Sofa verbringen sollten. Auf Bildschirmnutzung sollte man möglichst lange verzichten. Entscheide man sich anders, sollte man feste Zeiten mit seinem Kind vereinbaren und diese auch einhalten. „Die Stuttgarter Ziele geben Familien und Fachkräften klare und praxistaugliche Orientierung“, so Sozial- und Gesundheitsbürgermeisterin Alexandra Sußmann. Mehr Informationen findet man hier: www.stuttgart.de/gesund-aufwachsen-ziele.

Die Frühförderstelle ist hier im Netz zu finden: www.stuttgart.de/leben/gesundheit/gesundheitsberatung/interdisziplinaere-fruehfoerderstelle

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