Bei unserem Besuch am Donnerstagnachmittag kramt Jochen Baeuerle, 78, in einer Kiste mit alten Fotos. Man sieht Tina Turner, die Kopftuch trägt, wie sie mit seinem Sohn Boxauto auf dem Cannstatter Volksfest fährt. Oder wie sie Platten anschaut in dem Laden Diskus, den der Architekt in den 70ern neben seinem gelernten Beruf noch betrieb. Er hat die Sängerin immer wieder fotografiert, entweder mit Perücke oder mit Kopftuch. Sie war nach Stuttgart geflogen, um mit ihrem alten Leben in den USA abzuschließen, wo die Ehe mit dem gewalttätigen und drogenabhängigen Ike Turner längst ruiniert war.
Die Baeuerles räumten für Tina Turner ihr Schlafzimmer und zogen in den Keller
„Plötzlich bekam ich einen Anruf von Tinas Assistentin Rhonda“, erzählt Jochen Baeuerle – und entschuldigt sich für die Tränen, die ihn übermannen. Was der 78-Jährige jetzt erzählt, nimmt ihn noch immer mit – noch viel mehr, da die Freundin gestorben ist. Rhonda Graam hatte damals 1976 gefragt, ob die Sängerin zu ihm kommen könne. Auf dem Stuttgarter Flughafen habe er die Sängerin abgeholt, die nur mit einem kleinen Köfferchen und 20 Dollar angekommen sei.
Baeuerle wischt sich die Tränen aus dem Gesicht. „Mit meiner Frau Petra habe ich unser Schlafzimmer geräumt“, erzählt er, „wir sind in den Keller gezogen.“ Für vier Wochen sollte Tina Turner an der Pfeilstraße wohnen, weit oben im Dachswald mit wunderbarer Aussicht auf das grüne Stuttgart. Die Angst war groß, dass Ike Turner erfahren könnte, wo seine Frau nach der Trennung untergekommen war. „Wir haben uns immer nach allen Seiten umgeschaut“, erinnert er sich. Kam ein Auto zur Pfeilstraße hochgefahren, das dort sonst nicht zu sehen war, blickten die Baeuerles ganz genau hinein.
In der Biografie und im Musical wird die Geschichte ohne das Stuttgart-Kapitel beschrieben. Da ist Tina Turner nach der Trennung gleich nach London geflogen. „Die Wahrheit ist, sie war bei uns“, sagt Baeuerle, „was niemand wissen sollte.“ Dass die offizielle Erzählweise eine andere ist, stört den Stuttgarter nicht. „Es wäre zu kompliziert, das alles detailgetreu wiederzugeben.“ Nun redet der Architekt mit unserer Redaktion erstmals öffentlich darüber. Der Autor Wolfgang Schorlau habe in einem Buch über den Jazzmusiker Wolfgang Dauner erwähnt, dass Tina Turner in Stuttgart lebte. Dessen Schilderungen seien aber nicht ganz genau. Er habe versprochen, in einer zweiten Auflage die Fehler zu berichtigen. Die zweite Auflage lasse noch auf sich warten, weshalb Baeuerle nun nach dem Tod der Sängerin darüber reden wolle.
Kennengelernt haben sie sich 1971 nach einem Konzert in der Liederhalle
Kennengelernt haben er und seine verstorbene Frau Petra Baeuerle das Ehepaar Turner 1971 nach einem Konzert in der Liederhalle. „Wir standen am Bühneneingang und haben gewartet“, erzählt er. Tatsächlich kamen die Musiker heraus. Ein Mitarbeiter von Ike Turner habe Ausschau gehalten nach jungen, schönen Frauen für den Chef. Schon damals sei es ein offenes Geheimnis gewesen, dass dieser seine Ehefrau ständig betrog. Dem Amerikaner gefielen Petra Baeuerle und deren Freundin. Die beiden sollten mit ins Hotel am Schlossgarten, wo die After-Show-Party in einer Suite geplant war.
Die jungen Stuttgarterinnen sagten, sie würden nur mitkommen, wenn ihre Männer dabei seien. Also feierte man gemeinsam. Jochen Baeuerle erinnert sich, wie weißes Pulver geschnupft wurde. Damals habe er nicht gewusst, was Kokain ist. Tina Turner aber habe sich von Drogen stets ferngehalten.
Der Türsteher wollte keine Schwarzen hereinlassen
Das Ehepaar Turner blieb noch für einige Tage in Stuttgart. „Wir haben sie einmal ins Pacha, ins spätere Musicland, mitgenommen“, erzählt er. Baeuerle hatte die Musiker in der Disco angemeldet. Dann wollte der Türsteher die beiden nicht reinlassen, weil er nicht gewusst habe, dass es Schwarze sind. Als der Deutsche mit der Polizei drohte, öffneten sich die Türen dann doch.
Mit Tina Turner freundeten sich die Baeuerles an. Man traf sich in den USA oder in Deutschland. 1976 lebte die Sängerin schließlich für vier Wochen in Stuttgart. Im Dachswald spricht man noch heute davon. „Sie hat eine Buddha-Figur in der Wohnung aufgestellt“, erzählt der Architekt. Unerkannt bewegte sie sich meist mit Kopftuch in der Stadt. Ihr Markenzeichen war die wilde Mähne, die sie privat nie trug.
Petra Baeuerle betrieb mit der Fotografin Silvie Brucklacher die Boutique tip in Stuttgart, in die Tina Turner ab und zu kam. Brucklacher durfte die Queen of Rock aufgrund dieser Bekanntschaft später in London fotografieren.
„Ich glaube, nur wenige haben Tina ohne Perücke gesehen, aber bei mir hatte sie keine Scheu“, sagt die Fotografin heute und erinnert sich an ihren „schmalen, kräußelhaarigen Kopf“. Immer mal wieder sei die Sängerin nach Stuttgart gekommen. „Dort hatte sie eine Wahrsagerin, die ihr Petra vermittelt hat“, erinnert sich Silvie Brucklacher.
„Ihr Ehemann Erwin Bach war ihr größtes Glück“
Schließlich zog die „Proud-Mary“-Interpretin nach London, wo sie ihren heutigen Mann Erwin Bach kennengelernt hat und die Komponisten traf, die ihr eine zweite, noch größere Karriere ermöglichten. „Der Erwin war ihr größtes Glück“, sagt Jochen Bäuerle und freut sich für die Freundin, dass sie ihre Liebe nach so vielen Tiefschlägen und die vielen Enttäuschungen mit Ike doch noch fand. Bei zahlreichen internationalen Tourneen hat der heute 78-jährige Stuttgarter Tina Turner begleitet. Doch dann ließ der Kontakt zu ihr allmählich nach.
In seinem Herzen aber hat sie einen festen Platz – die Frau, die so viele Menschen mit ihrer Musik begeistert hat und die den Fans Kraft gab, auch in der tiefsten Krise immer an bessere Zeiten zu glauben. Weil man Träumen auch mit wachsendem Alter noch die Chance geben sollte, wahr zu werden.