Erinnerungskultur in Deutschland Vergangenheit, die nicht vergeht

Tor zur Hölle: das frühere Konzentrationslager Auschwitz. Foto: dpa/Kay Nietfeld

2025 bietet Anlass zu vielerlei Gedenken: Vor 80 Jahren wurden die Überlebenden im Vernichtungslager Auschwitz befreit. Vor 80 Jahren endete der Zweite Weltkrieg. Der Umgang mit dieser heiklen Vergangenheit hat sich über die Jahrzehnte gewandelt. Wie entwickelte sich unsere Erinnerungskultur?

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Armin Käfer (kä)

Deutschland sei ein „Weltmeister der Vergangenheitsaufarbeitung“, bescheinigt uns der britische Historiker Timothy Garton Ash. Doch das war nicht immer so. Zudem unterscheidet die Deutschen von anderen Nationen, dass unsere Erinnerung auf einem „negativen Gedächtnis“ beruht, wie der Geschichtsphilosoph Reinhart Koselleck es formuliert hat. Im Fokus der kollektiven Erinnerung steht die Verantwortung für zwei Weltkriege und das größte Menschheitsverbrechen der Geschichte – der Holocaust. Eine solche Vergangenheit ist ein heikles Fundament für Sinnstiftung.

 

Was war 1945 und danach?

Unmittelbar nach Kriegsende herrschte wenig Neigung, sich mit der unseligen braunen Vergangenheit zu beschäftigen. Heimgekehrte Soldaten tendierten dazu, ihre Kriegserlebnisse zu verdrängen oder Verbrechen zu beschweigen, die sie mit angesehen hatten, an denen sie gar beteiligt waren. An der Leerstelle des verweigerten Erinnerns entfaltete sich eine Art von Heroisierung der Fronterfahrungen.

Erinnerung, Entsetzen, Scham und Reue, so der Historiker Wolfgang Benz, seien in den ersten Nachkriegsjahren „von den Anstrengungen des Wiederaufbaus und der Bewältigung der Not überlagert“ worden. Zunächst hätten hinsichtlich der NS-Vergangenheit „Trotz und Abwehr“ vorgeherrscht. „Die Deutschen flüchteten jahrzehntelang in die irrationale Abwehr einer als belastend empfundenen Vergangenheit“, so lauten das Fazit von Benz.

Wann begann das Erinnern?

Was die Deutschen „Vergangenheitsbewältigung“ nannten, drehte sich zunächst hauptsächlich um das eigene Leiden im Krieg und im Gefolge der Teilung Deutschlands. „Kaum einer war in den 1950er und 1960er Jahren an der Geschichte jüdischer Opfer des Holocaust interessiert“, so der Kieler Historiker Christoph Cornelißen.

Jene rückten erst allmählich mit den Frankfurter Auschwitz-Prozessen ins Blickfeld, die der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, in Stuttgart geboren, selbst Jude und Nazigegner, 1963 mit seiner Anklageschrift in Gang gebracht hatte. Eine „emotionale Aufruhr“ im Sinne aufkeimenden Mitgefühls größerer Kreise für das Leiden der Juden, so der Historiker Benz, habe erst die US-Fernsehserie „Holocaust“ bewirkt, die 1979 in Deutschland ausgestrahlt worden ist.

Eine wirkliche „Wende im Erinnerungsdiskurs der Bundesrepublik“ markiere die Rede Richard von Weizsäckers am 8. Mai 1985. Auch an ihr schieden sich die Geister. Für anstößig hielten viele Weizsäckers Formel vom „Tag der Befreiung“. Die Kapitulation habe „uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“. Damit, so Wolfgang Benz, seien „die Jahre der Amnesie endgültig vorbei“ gewesen.

Was unterscheidet Ost und West?

Im geteilten Deutschland habe sich eine „getrennte Erinnerungskultur“ entwickelt, urteilt der Wissenschaftliche Dienst des Bundestags. In der DDR standen der antifaschistische Widerstand und die „Befreiung vom Hitlerfaschismus“ am 8. Mai im Zentrum des Gedenkens. Der glorifizierte Antifaschismus habe zu DDR-Zeiten als „Integrationsideologie und Verhinderungsideologie für Demokratisierungsbestrebungen“ gedient, so Peter Hurrelbrink von der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Im Westen erinnerte Bundespräsident Walter Scheel schon 15 Jahre vor Weizsäcker an die Mitschuld der Deutschen: „Adolf Hitler war kein unentrinnbares Schicksal. Er wurde gewählt.“ Ein halbes Jahrhundert nach Kriegsende zeigte sich in den Protesten gegen die Wehrmachtsausstellung (1995 bis 1999 und 2001 bis 2004), die auf Kriegsverbrechen deutscher Soldaten verwies, wie lebendig die „Macht der Lebenslüge“ (Benz) noch immer war.

Ende des Erinnerns?

Hitler und die NS-Vergangenheit seien in der langen deutschen Geschichte „nur ein Vogelschiss“, proklamierte 2018 der damalige AfD-Vorsitzende Alexander Gauland. Diese Art von Geschichtsvergessenheit hat eine lange Tradition. Nach Weizsäckers Rede plädierte CSU-Chef Franz Josef Strauß dafür, die „ewige Vergangenheitsbewältigung als gesellschaftliche Dauerbüßeraufgabe“ bleiben zu lassen. Kein Volk der Welt könne auf Dauer mit einer kriminalisierten Vergangenheit leben.

1986 erreichte dieser Diskurs das akademische Milieu. Mit seiner Phrase von einer „Vergangenheit, die nicht vergehen will“, entzündete Ernst Nolte einen Historikerstreit. Der Philosoph Jürgen Habermas nannte das „eine Art Schadensabwicklung“.

Nolte hätte die traumatische Vergangenheit gerne „ins historische Archiv“ eingelagert, so die Frankfurter Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann. „Auf der anderen Seite wuchs die Sorge, dass das Wissen über die Verbrechen der NS-Zeit mit den Jahren in der Gesellschaft verblassen würde.“ Einerseits seien in Deutschland mittlerweile mehr als 100 000 Stolpersteine verlegt, die an jüdische Opfer der NS-Regimes erinnern, und eine Vielzahl von Gedenkorten geschaffen. Andererseits mehrten sich die Stimmen, die eine ritualisierte Erinnerung an den Holocaust als „deutschen Katechismus“ schmähten. Eine „Holocaust-Obsession“ monierte der Pforzheimer Historiker Wolfgang Reinhard in einem Beitrag für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ 2022. Ihn stört der „geradezu sakrale Charakter“ des Gedenkens. Sein Kollege Michael Wolffsohn bekundete in der „Jüdischen Allgemeinen“ Verständnis für Reinhards Unbehagen an einer „total versteinten (!) deutschen Erinnerungskultur“.

Mit einem „Rahmenkonzept zur Erinnerungskultur“ hat die grüne Kulturstaatsministerin Claudia Roth zuletzt massive Kritik aus Fachkreisen provoziert – was zeigt, wie heikel das Thema noch ist. Der Dissens dreht sich um die Frage, ob neben dem Gedenken an den Holocaust auch angemessen an das Erbe des deutschen Kolonialismus erinnert werde – oder jener nicht letztlich eine Facette dieser noch weiter zurückreichenden Geschichte sei. Manche nennen den politisch aufgeladenen Disput einen „Historikerstreit 2.0“.

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