Andy Bässler in seinem Garten. Foto: /Stefanie Schlecht
Sternekoch Franz Feckl organisiert für seinen Mitarbeiter Andy Bässler eine Benefizaktion. Der Erlös ist für den Kauf eines Spezialanzugs, der die Lebensqualität des an MS erkrankten Vaters von fünf Kindern immens steigert.
Es klingt nach einem Bilderbuchleben: Andy Bässler hat zusammen mit seiner Frau fünf Kinder zwischen drei und 22 Jahren, lebt in Ehningen in einem Reihenhaus und ist seit 24 Jahren beim Sternekoch Franz Feckl angestellt, davon 15 Jahre als Küchenchef. Aber es gibt einen Haken.
Der 45-Jährige leidet an Multipler Sklerose (MS). Wobei er selbst nie von „leiden“ spricht. Vielmehr: Er lebt mit MS. Die Krankheit ist da, aber er lässt sich nicht von ihr bestimmen.
Das war schon bei der Diagnose kurz vor seinem 18. Geburtstag so. „Ich hab den Arzt gefragt: Was kann ich damit tun und was nicht?“, erzählt Bässler. Tatsächlich war er viele Jahre kaum von der Autoimmunerkrankung beeinträchtigt. Er schloss seine Kochausbildung ab, bekam seine erste Anstellung im Sternelokal Landhaus Ehningen, machte seinen Meister und wurde Küchenchef. Sein Chef wusste von Anfang an von der Erkrankung. „Es darf jeder wissen. Es ist etwas, das zu mir gehört, aber ich brauche deswegen keine Vorteile.“
Die Kinder, sagt Bässler und fasst sich ans Herz, waren all die Jahre sein Mittelpunkt, MS nur eine Randfigur. Zwar bekam er etwa alle zwei Jahre einen Schub, Kribbeln und Taubheit auf der rechten Seite. Dann bekam er Kortison, trat ein paar Tage kürzer „und weiter ging’s“. Er hinkte leicht, sonst war ihm nichts anzumerken.
Ein schwerer MS-Schub verändert alles
Bis zu einem schweren Schub im November 2020. Los ging es mit Doppelbildern auf dem rechten Auge, gefolgt von einer pelzigen Gesichtshälfte, fehlendem Gleichgewicht.
Auf zwei Stöcken humpelte er ins Krankenhaus, wo sich sein Zustand dramatisch verschlechterte und er fünf Tage nicht gehen konnte. 14 Tage blieb er dort, bekam starkes Kortison. Meter für Meter kämpfte er sich zurück: Erst gingen zehn, dann 20 Meter, nach zwölf Wochen Reha schaffte er 250 Meter. War sein Optimismus dahin? „Der erste Tag war ‘ne Keule. Aber dann hab‘ ich gefragt: Was kann helfen? Was kann ich tun?“
Noch in der Reha bekam er ein Schreiben, er sei nicht mehr arbeitsfähig und könne in Rente gehen. „Der Rollstuhl als Lösung kam für mich aber noch nie in Frage“, sagt der 45-Jährige. „ Ich will arbeiten.“ Er hätte sich auch im Supermarkt an die Kasse gesetzt, viel lieber wollte er aber zurück zu Franz Feckl. Für den stand außer Frage, seinen Mitarbeiter zu halten und machbare Aufgaben zu suchen. „Er hat zu mir gesagt: Egal was, wir finden was.“
Andy Bässler richtet einen Teller an. Foto: privat
Seither arbeitet Bässler an der Rezeption, entwickelt neue Menüs mit und hilft zwischendurch eine Stunde in der Küche. „Er ist der Beste für Mousse Blanc, ein ganz heikles Schokoladenmousse“, sagt Feckl, der seinen Kollegen fachlich und menschlich ungemein schätzt. „Er ist immer noch der geistige Kopf in der Küche. Und ein toller Mensch.“ Statt zu jammern, seinen Traumberuf nur noch am Rande ausüben zu können, freut sich Bässler, dass seine Expertise weiterhin gefragt ist und er nun engen Kontakt zu den Gästen hat.
Hoffen auf mehr Lebensqualität
Unterm Strich hat sich Bässler gut mit seiner jetzigen Lebenssituation arrangiert. Wie belastend sein Alltag ist, blitzt erst durch, als er von seiner Hoffnung auf ein neues Hilfsmittel erzählt: den Exopulse Mollii Suit, ein Ganzkörperanzug, der anhand elektrischer Signale spastische Muskeln entspannt und schwache Muskeln aktiviert. Als er ihn vor zwei Jahren erstmals testete, war seine Erwartung gleich Null – aber „meine Begeisterung 250 Prozent“. Manchen Patienten helfe der Anzug überhaupt nicht, ihm helfe er „brutal“.
Trägt er ihn täglich eine Stunde, sind seine Schmerzen weg, die Enge in der Brust verschwindet, er steht aufrecht, hat nachts keine Spastiken mehr und kann durchschlafen, der Schwindel am Morgen ist weg. „Meine Kinder haben gesagt: Papa, du bist ein ganz anderer“, sagt Bässler und betont gleichwohl: „Die Krankheit ist durch den Anzug nicht weg, aber er schafft Erleichterung und verzögert eine Verschlechterung. Der Mehrwert an Lebensqualität ist unglaublich.“
Die Unterstützung des Chefs rührt den Mitarbeiter zu Tränen
Seine Krankenkasse hat den Kauf des 10 000 Euro teuren Anzugs abgelehnt, auch das Sozialgericht hat negativ entschieden. Bässler schüttelt den Kopf: „Der Wille, dass du arbeiten willst, wird nicht gesehen.“ Dass sich nun am Horizont abzeichnet, dass er den Anzug womöglich finanzieren kann, macht ihn überglücklich.
Denn sein Chef Franz Feckl veranstaltet eine Benefizaktion, deren Erlös dem Kauf des Anzugs zugute kommen soll. „Ich kriege eine Gänsehaut und es rührt mich zu Tränen“, sagt der breitschultrige Mann mit dem roten Bart. „Ich will nicht der sein, der bettelt, aber wenn dir jemand so etwas Gutes tun will, kann ich das annehmen.“
Benefizaktion für Andy Bässler
Veranstaltung Sternekoch Franz Feckl ist Präsident der Deutschen Fußballnationmannschaft der Spitzenköche und hat als solcher ein Spiel gegen die Nationalmannschaft der Notare organisiert. Es wird am Sonntag, 4. Mai, ab 14.30 Uhr auf der Sportanlage Schalkwiese in Ehningen ausgetragen, Eintritt frei. Nebenbei gibt es Live-Musik, Tombola, Torwandschießen und ein fliegendes Sterne-Menü. Abends findet eine Benefizgala im Landhaus Feckl statt. Die Erlöse sind für Andy Bässlers medizinisches Hilfsmittel. Für Kauf und Wartung sind 15 000 Euro nötig.
Ganzkörperanzug Der Neuromodulationsanzug Exopulse Mollii Suit entspannt spastische und angespannte Muskeln, aktiviert schwache Muskeln und lindert damit verbundene Schmerzen. Dies geschieht durch elektronische Impulse. Der Anzug ist ein individuell angepasstes Medizinprodukt, um Symptome von neurologischen Erkrankungen wie Multiple Sklerose oder Schlaganfall zu lindern.