„Erlesene Orte“ in Esslingen Literatur erleben, wo der Himmel voller Geigen hängt

Zwischen Literatur und Musik: Das Publikum war hautnah dabei. Foto: Roberto Bulgrin

In der Reihe „Erlesene Orte“ haben die Stadtbücherei und unsere Zeitung beim Geigenbauer Eberhard Thiessen Station gemacht. Dort las Gerhard Polacek Texte zur Musik.

Reporter: Alexander Maier (adi)

Gewöhnlich hängt der Himmel in Operetten, Schlagertexten oder alten Gemälden voller Geigen. Beim Esslinger Geigenbaumeister Eberhard Thiessen ist dieses Bonmot wörtlich zu nehmen. Unzählige Streichinstrumente sind in seiner Werkstatt in der Webergasse 22 aufgereiht – vielen hat Thiessen wieder neues Leben eingehaucht. Und wer sich bei ihm umschaut, die liebevoll gearbeiteten Geigen, Bratschen oder Celli genauer betrachtet und sich mit dem Meister unterhält, der spürt, warum Thiessens Handwerk nicht nur musikalisch ganz viel mit Kunst zu tun hat. Ein solcher Ort, der auf Musikliebhaber fast magisch wirkt, war wie geschaffen für die jüngste Veranstaltung der Reihe „Erlesene Orte“.

 

Seit 2011 präsentieren die Stadtbücherei, der Schauspieler Gerhard Polacek und unsere Zeitung jedes Jahr zur Sommerzeit Literatur an ungewöhnlichen, originellen, verborgenen, geheimnisvollen und besonders stimmungsvollen Orten, wie es sie in Esslingen in großer Zahl gibt – man muss nur mit offenen Augen durch die Stadt gehen. Und manchmal muss man auch jemanden kennen, der jemanden kennt, der sein Refugium für einen Abend öffnet.

Ein Esslinger Schatzkästlein öffnet sich

Gerhard Polacek (links) und Eberhard Thiessen ergänzten sich prächtig.

Die Reihe „Erlesene Orte“ ist längst zum Klassiker geworden, der Jahr für Jahr große Resonanz beim literaturbegeisterten Publikum findet. Für jeden dieser Orte wählt Gerhard Polacek literarische Kabinettstückchen aus, die perfekt zum jeweiligen Ambiente passen. Die Nachfrage ist groß, weil jede Veranstaltung ein einmaliges Ereignis bleibt – oft sind die Tickets binnen weniger Minuten restlos vergriffen.

So war das auch diesmal, schließlich gibt es nicht alle Tage Gelegenheit, eine Geigenbauer-Werkstatt zu erkunden. Viele schauten sich schon vor Beginn der Lesung um, bestaunten die wertvollen Instrumente und fragten den Gastgeber dies und das, was sie schon immer wissen wollten. Eberhard Thiessens handwerkliche Arbeit ist meist eine sehr filigrane. Das Holz der Streichinstrumente will mit Bedacht bearbeitet werden.

Handarbeit ist Trumpf, wenn es gilt, feinste Nuancen herauszuarbeiten, die nötig sind, um dem gewünschten Klang so nah wie nur möglich zu kommen. Und so war es eher ein augenzwinkernd gesetzter dramaturgischer Effekt, als zu Beginn des Abends ohrenbetäubender Lärm aus der Werkstatt zu hören war und Polacek zwischendurch in Arbeitskluft und mit verwegener Schweißerbrille aus der Werkstatt lugte – sehr zum Vergnügen des Publikums und des Geigenbaumeisters, der den Abend selbst immer wieder mit humorigen Intermezzi bereicherte.

Es ist jedes Mal eine Überraschung, welche Texte der Schauspieler passend zum Ort des Geschehens auswählt. Gerhard Polacek bedient sich aus einem schier unerschöpflichen Fundus literarischer Werke – viele sind ihm über die Jahre ans Herz gewachsen. So wie Anton Tschechows Kurzgeschichte „Der Roman mit dem Kontrabass“, der die delikate Geschichte eines Musikers erzählt, dem vor einem Konzert beim Baden im Fluss die Kleider gestohlen werden und der sein Schicksal mit einer edlen jungen Dame teilt, was für beide merkwürdig endet. Oder Heinz Erhardts „Friedhofsgeiger“, der immer dann zu seinem Instrument greift, wenn das Totenglöcklein läutet – eines der weniger bekannten Werke des unvergessenen Wortspiel-Virtuosen mit dem Schalk im Nacken. „Noch’n Gedicht ...?“

Steilvorlagen für den Esslinger Geigenbauer

Am Ende durfte das Publikum auch selbst den Rhythmus angeben. Foto: privat

Dass man sich einem Instrument auch von einer sehr ernsthaften Seite nähern kann, zeigte ein Text der Bratschistin Tabea Zimmermann, die beschreibt, was es heißt, dieses von manchen ein wenig unterschätzte Instrument zu spielen und eins mit ihm zu werden. Für Gastgeber Eberhard Thiessen war das eine Steilvorlage, ganz spontan und höchst unterhaltsam in die Geheimnisse der Bratsche einzuführen. Wenn Gerhard Polacek den Unfug auf intelligente Art auf die Spitze treiben möchte, greift er gern zu einem seiner Lieblingsautoren: Karl Valentin. Dem verdankt die Nachwelt einen Text, der zeigt, dass auch ein Stück Literatur, das „Riesenblödsinn“ heißt, dennoch ganz schön durchdacht daherkommen kann. Jeder kennt auch die Situation, dass er im Konzert dem Wohlklang ungestört lauschen kann – bis plötzlich das Husten eines anderen Zuhörers die andächtige Stille stört. Bis ins Kleinste durchdringt Heinrich Böll dieses Phänomen in „Husten im Konzert“.

Ob Anton Kuhs „Der Kapellmeister“ oder Franz Werfels „Die Erschaffung der Musik“ – die Welt ist voll von literarischen Texten, die sich der Musik widmen. Dass er auch selbst als Autor glänzen kann, zeigte Gerhard Polacek diesmal mit drei literarischen Miniaturen aus eigener Feder – allesamt mit autobiografischem Hintergrund. Denn auch wenn sich der Schauspieler einmal mehr als ein Meister des geschliffenen Wortes präsentierte – ohne die Musik wäre auch sein Leben lange nicht so reich und bunt.

Akteure am „Erlesenen Ort“

Der Künstler
 Gerhard Polacek wurde 1954 im österreichischen Dornbirn geboren und hat später in Wien Theaterwissenschaften studiert. Er war Regieassistent am Schauspielhaus Wien, ehe er der Liebe wegen nach Esslingen zog. Inzwischen hat er sich als Schauspieler für Bühne, Fernsehen und Film sowie als Rezitator und Autor einen Namen gemacht. Mit vier Künstlerkollegen hat Polacek das kreative Kollektiv „Die Versponnenen“ gegründet, das die Spinnerei des Vereins Kultur am Rande neu belebt hat.

Das Gastgeber
 Eberhard Thiessen ist Geigenbaumeister, und viele schätzen seine Expertise, wenn Streichinstrumente zu reparieren, zu restaurieren und wieder spielbar zu machen sind. Wenn es die Zeit erlaubt, baut er mit Leidenschaft neue Instrumente. Seit 2001 arbeitet Thiessen in Esslingen – zunächst fünf Jahre lang in der Sirnauer Straße, seither findet man seine Werkstatt und sein Geschäft im Jazzkeller-Haus in der Webergasse 22. Eberhard Thiessen restauriert und baut Streichinstrumente nicht nur – er spielt sie auch selbst in Orchestern wie der Süddeutschen Philharmonie.

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