Nach mehr als 100 Jahren sind die Tage der Erlöserkirche gezählt. Für das Gebäude wird eine andere Nutzung gesucht. Auch für andere Gotteshäuser sind neue Konzepte gefragt.

Stadtleben/Stadtkultur: Jan Sellner (jse)

Dass Kirchen sich im Stadtbild abheben und hervortun, liegt in der Natur dieser Bauwerke. Diese aber, die evangelische Erlöserkirche im Stuttgarter Norden, fällt besonders auf. Durch ihre charakteristischen, altersschwarzen Tuffsteinmauern fühlt man sich an das von Martin Luther besungene Bild der „festen Burg“ erinnert.

 

Erbaut wurde die an einem Hanggrundstück in der Birkenwaldstraße gelegenen Kirche 1906 bis 1908 nach den Plänen des berühmten Architekten Theodor Fischer. 1944 wurde sie durch Bomben zerstört und nach Kriegsende wieder aufgebaut. Seit den 1950er Jahren zieren mehrere Glasfenster des Stuttgarter Glaskünstlers Adolf Saile das Gotteshaus.

Von drei Kirchen bleiben zwei

Ein solches wird die Erlöserkirche allerdings nicht mehr lange sein. Die 4000 Mitglieder zählende Nordgemeinde muss sich auf zwei ihrer drei bestehenden Kirchen konzentrieren. Die Wahl fiel schon vor einigen Jahren auf die bereits sanierte Martinskirche und die Brenzkirche, die derzeit im Rahmen eines IBA-Projekts in ihre am Bauhaus orientierte ursprüngliche Form zurück- und gleichzeitig ausgebaut wird.

Für den Erhalt der Erlöserkirche und der dazugehörenden Gebäude hingegen reicht das Geld nicht. Für die wegen ihrer Lage auch als „Kirche im Weinberg“ bezeichnete Kirche wird im Zuge der Konzentration des kirchlichen Immobilienbestandes eine andere Nutzung gesucht. Ein Prozess, der in der Gemeinde einerseits als schmerzhaft empfunden wird. Andererseits erkennt man darin inzwischen auch Chancen.

Einer von zehn Entwürfen zur künftigen Nutzung der Stuttgarter Erlöserkirche. Die Pläne sind im Gotteshaus ausgestellt. Foto: LICHTGUT/Max Kovalenko

Junge Architekturstudierende haben sich im Rahmen ihrer Bachelor- oder Masterarbeiten unter der Überschrift „Quo vadis, Erlöserkirche? mit der Zukunft des geschichtsträchtigen Ensembles beschäftigt. Unter der Regie von Professor Alexander Schwarz von der Fakultät für Architektur und Stadtplanung der Universität Stuttgart entwickelten sie Modelle für die Nutzung der Erlöserkirche als Ausstellungs- oder als Konzertraum.

Diese Woche wurden die zehn Modelle im Kirchenraum präsentiert. Florian Link, geschäftsführender Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Stuttgart Nord und Pfarrer an der Erlöserkirche, nennt die Entwürfe und den Austausch mit den Studierenden darüber eine „große Bereicherung, die das eigenen Denken in Bewegung setzt.“

Pfarrer Florian Link in der Erlöserkirche Stutttart. Foto: LICHTGUT/Max Kovalenko

Besonders inspirierend finde er Entwürfe, „die aufzeigen, was alles möglich ist im Kirchenraum, dem Gemeindehaus und auf dem Gelände. Auch wenn sie nicht eins zu eins umsetzbar sind, so regen sie doch das eigene Nachdenken und den Austausch mit anderen über die Zukunft des Erlöserensembles an.“

Auch Alexander Schwarz ist von den Arbeiten der Studierenden sehr angetan. Es sei nicht einfach, „die Autorität des denkmalgeschützten Baus“ zu respektieren und gleichzeitig neue Nutzungsmöglichkeiten zu entwerfen. Eine Transformation sei angesichts der Realitäten jedoch unumgänglich: „Wir werden viele Kirchen nur erhalten können, wenn wir zu einer neuen Nutzung kommen“, betont er. Bei der Erlöserkirche nimmt dieser Prozess jetzt Gestalt an. Die Pfarrstelle dort soll noch bis 2030 bestehen. Damit ist der Horizont für den Übergang gespannt.

Auszeichnungen für Stuttgarter Kirchen-Projekte

Auch vom Land Baden-Württemberg werden Initiativen zur Umnutzung unterstützt. Mit dem neu geschaffenen Preis „Kirche und bezahlbares Wohnen“ zeichnet das Ministerium für Landesentwicklung und Wohnen (MLW) jetzt erstmals zehn beispielgebende kirchliche Projekte und Initiativen aus, die auf innovative Weise mit dem Thema umgehen. Jedes der zehn Projekte erhält 5.000 Euro.

Schätzungen zufolge werden in Baden-Württemberg in den kommenden zehn bis 15 Jahren rund 5.000 kirchliche Immobilien und Liegenschaften frei. „Ziel des Preises ist es, Impulse zu setzen. Wir wollen zeigen, was möglich ist – und Mut machen, vorhandene Potenziale zu nutzen“, sagt Ministerin Nicole Razavi.

In der Kategorie „Konzepte“ erhielt das „Offene Haus Birkach“ in Stuttgart eine Auszeichnung , das ehemalige evangelische Bildungszentrum soll in ein offenes Quartiershaus mit Wohnen, Kultur und Gemeinwesenfunktionen überführt werden. Auch das Konzept in Stuttgart-Degerloch – „Haigstkirche – Macht hoch die Türen!“ konnte mit dem Vorschlag überzeugen, wie Sakralräume sensibel umgenutzt und um Wohnangebote ergänzt werden können.

Umnutzung

Auszeichnung
Das Land Baden-Württemberg honorierte beim Preis „Kirche und bezahlbares Wohnen“ zehn Projekte. Darunter sind vier Realisierte Projekte:

Konzepte und Initiativen
Ausgezeichnet wurden zwei Konzepte in Stuttgart: