Erneut ein Ausverkauf in der Esslinger Innenstadt Und wieder geht ein Fachgeschäft verloren

Das Lächeln trügt: Für Beate Volle und Hans-Peter Bauer war Calypso eine Herzensangelegenheit – der Abschied fällt schwer. Foto: /Robin Rudel

31 Jahre lang war Calypso am Esslinger Blarerplatz eine feste Größe, nun sind die Tage gezählt – der Räumungsverkauf läuft. Mit dem Abschied des Fachgeschäfts für gesundes Schlafen und Wohnen geht der Aderlass in der Esslinger Geschäftswelt weiter.

Die Esslinger Innenstadt hat in den letzten Jahren einen schmerzlichen Aderlass erlebt. Zahlreiche prägende Geschäfte sind verschwunden. Viele Einzelhändler suchten vergeblich nach Nachfolgern, andere strichen ob der Internet-Konkurrenz die Segel. Doch das ist oft nur ein Teil der Wahrheit. Manche beklagen auch die Rahmenbedingungen in der Innenstadt, die ihnen die Arbeit nicht erleichtern. Nun hat mit Calypso ein Fachgeschäft für gesundes Wohnen und Schlafen, das mehr als 30 Jahre lang in der östlichen Altstadt eine feste Größe war, im Laufe des Monats März seinen Rückzug angekündigt – der Ausverkauf läuft.

 

Beate Volle und Hans-Peter Bauer hatten im Dezember 1988 in kleinerem Rahmen in der Hindenburgstraße begonnen – 1994 fanden sie in der Strohstraße 14 neue und deutlich größere Geschäftsräume. Mit Futons, Massivholzbetten und Naturmatratzen hatte bei Calypso alles angefangen. Dank des großzügigeren neuen Ladengeschäfts wurde das Sortiment mit den Jahren zusehends erweitert: Stühle für gesundes Sitzen, hochwertige Esstische, Sofas, höhenverstellbare Schreibtische, Systemregale, Betten für Erwachsene und Kinder, Bettwäsche, Decken, Kissen und Matratzen – all das fand die geneigte Kundschaft.

Abschied mit weinendem Auge

Der Räumungsverkauf läuft bei Calypso. Foto: privat

Manches von dem, was noch bis Ende März bei Calypso angeboten wird, mag es auch anderswo geben. „Viele unserer treuen Kunden haben uns jedoch bestätigt, dass sie eine so große Auswahl nicht mehr so leicht finden“, erzählt Beate Volle. „Seit es sich herumgesprochen hat, dass wir aufhören werden, kommen immer wieder Fragen, wo man das, was man in den letzten mehr als 30 Jahren ganz selbstverständlich bei uns gekauft hat, in Zukunft bekommen kann. Ein paar Geschäfte mit einem ähnlichen Profil gibt es, aber dafür muss man dann schon ein ganzes Stück fahren.“ Weite Anfahrten haben auch manche Kundinnen und Kunden von Calypso in Kauf genommen: Viele kommen zwar aus der näheren Umgebung, aber auch aus Karlsruhe oder sogar dem Bayerischen finden sich Adressen in der Kundenkartei.

Viele Calypso-Kunden schätzen die fachkundige und intensive Beratung. „Wer auf gesundes Wohnen und Schlafen Wert legt, möchte genau wissen, was er oder sie bekommt, und dann genau das kaufen, was zu ihm oder ihr passt“, weiß Hans-Peter Bauer. „Das gibt es nur im Fachhandel.“ Zum guten Service gehört auch, genau zuzuhören, was die Kundschaft braucht – und daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen. So wurde vor Jahren ein spezielles Duo-Matratzen-System entwickelt, für das Calypso weithin bekannt ist: Es bietet alle Vorteile von Naturmatratzen, ist aber viel leichter zu handhaben, da das manchmal beachtliche Gewicht gewöhnlicher Naturlatexmatratzen auf zwei Ebenen verteilt wird.

Verändertes Kundenverhalten

Schmerzliche Leerstände am Blarerplatz. Foto: privat

„Wir haben uns hier immer wohlgefühlt und hätten gern noch ein Weilchen weitergemacht“, verrät Beate Volle. „Aber wir sind nicht jünger geworden, und wenn man aufhört, sollte man das tun, solange es einem gut geht.“ Dass den Calypso-Betreibern der Abschied schwerfällt, dürfte nicht überraschen, wenn man die beiden Geschäftsinhaber in Aktion erlebt. „Wir sind überzeugt von dem, was wir verkaufen“, betont Hans-Peter Bauer, der allerdings auch Veränderungen registriert hat: „Früher war es für Eltern viel selbstverständlicher, schadstoffkontrollierte Bettwaren für ihre Kinder zu kaufen. Inzwischen gibt es mehr jüngere Kunden, die lieber dem Rat von Influencern folgen, als sich auf die Empfehlungen von Fachleuten zu verlassen.“

Laufkundschaft macht sich rar

Wer bei Calypso einkauft, kommt in der Regel sehr gezielt in die Strohstraße 14. „Laufkundschaft, die nur zufällig im Vorübergehen auf uns aufmerksam wird, ist seltener geworden“, hat Beate Volle beobachtet. Das liege auch daran, dass die Besucherfrequenz in diesem Teil der Altstadt nachgelassen hat, weil zahlreiche Geschäfte im Umfeld verschwunden sind. „Früher gab’s zum Beispiel Schneiders Lädle nebenan“, erinnert sich Beate Volle. „Da war immer was los, weil sich die Leute dort wohlgefühlt haben. Manche sind dann auch bei uns stehengeblieben und haben reingeschaut.“ Die Calypso-Betreiber haben versucht, mehr auf ihr Geschäft aufmerksam zu machen, indem sie zum Beispiel im Sommer vor dem Laden mit Teppich, Sonnenschirm, Tischchen und zwei Stühlen für Gemütlichkeit sorgten. Doch das rief wiederum das Ordnungsamt auf den Plan.

Und noch etwas hat Beate Volle festgestellt: „Seit man bei uns nicht mehr so einfach vors Haus fahren und bequem ins eigene Auto einladen kann, was man gekauft hat, ist es auch ruhiger geworden.“ Die hohen Parkgebühren seien für manche ebenfalls ein Hinderungsgrund. Und selbst so manche Spedition scheue sich, die Strohstraße 14 anzufahren, weil die Zufahrt durch die Altstadt nicht ganz unkompliziert ist und weil Speditionsfahrer ein Knöllchen fürchten, wenn sie nicht rechtzeitig bis 11 Uhr das Feld geräumt haben. „Da ist ein bisschen mehr Aufenthaltsqualität in der Ritterstraße leider kein Argument“, hat Hans-Peter Bauer oft genug erfahren.

Abschiede in der Esslinger Innenstadt

Traditionen
Zahlreiche Traditionsgeschäfte haben sich aus der Esslinger Innenstadt verabschiedet und schmerzliche Lücken hinterlassen – so wie die Buchhandlung H. Th. Schmidt auf der Inneren Brücke, die später von Osiander übernommen wurde und seit dem Umzug des Tübinger Filialisten in die Bahnhofstraße leer steht. Andere Geschäfte wie Hut-Bühler, das Wäschegeschäft Mehl, das Bekleidungsgeschäft Kögel, das Karstadt-Warenhaus, die Rats-Apotheke, Messer Trittler, First Glas, Papier Maier, Spielhansl oder Süßwaren Haaga sind ebenfalls Geschichte. Und längst nicht überall finden sich Interessenten, die die Geschäftswelt unverwechselbar bereichern.

Östliche Altstadt
 Der Aderlass ist auch in der östlichen Esslinger Altstadt rund um den Blarerplatz zu beobachten. Schon lange vor dem angekündigten Abschied von Calypso hatten sich dort langjährige Geschäfte verabschiedet – etwa der Bertelsmann Buchclub, Brautmoden Hilde Weiß oder Pratz-Moden. Und dass es am Blarerplatz vor langer Zeit eine Postfiliale, einen Tabakhändler, ein Fantasy-Fachgeschäft, einen Fotoladen, ein Schallplattengeschäft und natürlich Schneiders Lädle gab, das neben Zeitschriften, Eintrittskarten und Tabakwaren auch ganz viel Herzenswärme bot, wissen nur noch die Älteren.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Esslingen Innenstadt Schließung