Walter Knoll beliefert das Wirtschaftsministerium, dabei hatte Robert Habeck kurz vor der Wahl alles storniert. Eine Reaktion auf das Video der Herrenberger Unternehmerin Mara Benz?
Die Nachricht klingt zunächst wenig spektakulär: Das Berliner Wirtschaftsministerium kauft Büromöbel der Marke Walter Knoll für die Ausstattung seines Interimsgebäudes. Was sich anhört wie eine Randnotiz der Wirtschaftsnachrichten, ist vielmehr die blamable Geschichte einer öffentlichkeitswirksamen Hauruckaktion, gefolgt von einer Rolle rückwärts im Stillen.
Denn das Bundesministerium hatte den Kauf der Möbel aus Herrenberg im Februar schon so gut wie zugesagt, dann aber drei Tage vor der Bundestagswahl zurückgezogen, nachdem die Bild-Zeitung in der Sache recherchierte. „Nach Bild-Anfrage: Habeck stoppt Kauf von Luxus-Möbeln für Ministerium“, lautete damals die Schlagzeile des Blatts.
Wie das Ministerium auf Nachfrage nun bestätigt, war die Ausschreibung aber gut zwei Wochen später, am 12. März, wieder veröffentlicht worden. Den Zuschlag bekam: der Polstermöbelhersteller aus Herrenberg. „Es wird in Berlin Walter-Knoll-Möbel geben“, sagt die Unternehmerin Mara Benz gegenüber unserer Zeitung. „Wir haben eine Bestellung vorliegen.“ Laut Ministerium wurden sieben Schreib- und Besprechungstische, 13 Sideboards, 55 Besprechungsstühle sowie zwei Sessel und Beistelltische für den Betrag von 210 000 Euro in Auftrag gegeben.
Die Frage danach, was das Ministerium schließlich doch zum Kauf der hochwertigen, in weiten Teilen handgefertigten Möbel aus dem Gäu bewegt hat, beantwortet der Berliner Sprecher nicht. Auch nicht, ob jenes Video einen Teil zur Entscheidung beigetragen hat, das Mara Benz im Internet veröffentlicht und überschrieben hatte mit den Worten „Herr Habeck, wir müssen reden.“ Ihre Rede an den damaligen Wirtschaftsminister, erzählt sie, hatte sie nachts im Bett in ihr Handy getippt, als sie nicht schlafen konnte, weil es sie umtrieb, was tags zuvor die Bild-Zeitung geschrieben hatte: Habeck habe den Kauf von 110 Luxusmöbeln der Marke Walter Knoll gestoppt, als er den Kaufpreis von 345 000 Euro erfahren habe. Er sei angesichts der Preise fast vom Stuhl gefallen, kein Minister brauche solche Büromöbel.
„Es war spontan, dass ich das Statement verfasst habe“, sagt Mara Benz. „Das ist vielleicht das Unternehmergen, dass man weiß: Jetzt muss was passieren.“ Bis heute hat das knapp zweieinhalbminütige Video rund 100 000 Aufrufe, einige Medien berichteten darüber. Die Worte, die Mara Benz darin wählt, sind nicht aggressiv, sondern entschlossen. Sie greift nicht an, sondern argumentiert. In grauer Jeans und Jeansjacke, die Haare zum Zopf gebunden steht sie in der Produktionshalle und sagt, es schmerze sie, wie wenig Wertschätzung deutsche Handwerkskunst, Qualität und nachhaltige Produktion in der Debatte erfahre.
Qualität hat ihren Preis
Und weiter: „Unsere Möbel werden nicht irgendwo gefertigt, sondern hier in Deutschland, von hoch qualifizierten Fachkräften, mit besten Materialien und mit klarem Bekenntnis zu nachhaltiger Produktion.“ Mit mehr als 250 Mitarbeitern in Deutschland trage Walter Knoll aktiv zur heimischen Wirtschaft bei und sichere Arbeitsplätze. Die Möbel seien keine kurzfristigen Konsumgüter, sondern darauf ausgelegt, jahrzehntelang genutzt zu werden. Es brauche die politische Anerkennung, dass Qualität und Nachhaltigkeit ihren Preis hätten und eine Investition in die Zukunft seien. „Wer, wenn nicht die Bundesregierung, sollte mit gutem Beispiel vorangehen?“
Öffentlich für ihr Unternehmen einzustehen sei ihr wichtig gewesen, um ihren Mitarbeitern ein Zeichen zu setzen, sagt Mara Benz. Denn nach Erscheinen des Bild-Artikels sei Unruhe im Team gewesen, manche hätten sich Sorgen gemacht. Was sie besonders störte: „Hier werden tagtäglich mit solcher Leidenschaft so schöne Produkte erstellt, und dann wird – vom Ton her – gesagt, solche Möbel braucht niemand.“
Warum Walter-Knoll-Möbel ihren Preis Wert sind, erklärt die Unternehmerin bei einem Rundgang durch die Produktionshalle, wo Nähmaschinen surren, Männer und Frauen sich mit Lupen über Lederhäute beugen auf der Suche nach Makeln, wo Lederkanten abgeschliffen, Nähte gerafft, Kissenrückseiten perforiert und Knöpfe ins Chesterfield-Muster genäht werden. Passanten, die an dem gläsernen Gebäude gegenüber des Herrenberger Bahnhofs vorbeilaufen, werfen Blicke durch die Scheiben.
Was sie sehen, sind viele handwerkliche Arbeitsschritte auf dem Weg zu Möbelstücken, die das Unternehmen als Ausdruck von Exzellenz und Wertigkeit beschreibt. Wie langlebig die Möbel sind, sagt Mara Benz, zeigten jene schwarzen Sessel, mit denen Walter Knoll Ende der 1990er Jahre den Berliner Reichstag ausstattete. Sie seien jüngst aufgearbeitet worden und könnten weitere zehn, 20 Jahre dort stehen.
Der Sessel Haussmann gehört zu den Walter-Knoll-Klassikern. Foto: Walter Knoll
Gerne hätte Mara Benz auch Robert Habeck die Produktion gezeigt. Im Video lud sie ihn nach Herrenberg ein, er reagierte allerdings nicht. Mara Benz war aber ohnehin wichtiger, ihr Team zu erreichen. Und das gelang ihr, denn während sie das Video aufnahm, hörten die Mitarbeiter im Hintergrund nach und nach auf zu arbeiten, hörten zu – und klatschen. Ein Gänsehautmoment für die junge Unternehmerin.
Empfindet sie Genugtuung, dass die Entscheider im Wirtschaftsministerium nun doch den Wert des Herrenberger Unternehmens schätzen? „Nein, aber ich freue mich, dass das, was wir tun, Zuspruch findet.“
Handwerk made in Herrenberg
Walter Knoll 1865 gründet Wilhelm Knoll in Stuttgart sein Leder-Geschäft. 1907 übernehmen die Söhne Willy und Walter Knoll das Unternehmen und beginnen mit der Sitzmöbelproduktion. 1925 gründet Walter Knoll seine eigene Firma; seit 1937 wird in Herrenberg produziert. 1993 kaufen Hilde und Rolf Benz das Unternehmen, ihr Sohn Markus führt seither die Geschäfte. 2001 weiht er einen weiteren Produktionsstandort in Mötzingen ein, der 2006 erweitert wird.
Mara Benz Die 32-Jährige verantwortet in dritter Generation die Geschicke des Familienunternehmens mit. Sie kommt 1993 zur Welt. Mit 17 Jahren geht sie auf ein Sportinternat in Spanien, studiert später Betriebswirtschaft in London und St. Gallen und arbeitet in einer Unternehmensberatung. 2023 tritt sie als CIO der Geschäftsleitung von Walter Knoll bei, seit Februar 2025 ist sie Finanzvorstand.