Energie für das Nachtleben hat Laura-Sophie Höpflinger aufgrund ihrer Ausbildung gerade nicht mehr – dafür aber Spaß an der Arbeit. Foto: Ferdinando Iannone
Laura-Sophie Höpflinger (27) aus Stuttgart arbeitete nach dem Studium erst im Green Consulting, entschloss sich dann aber zu einem Neuanfang – in der Landwirtschaft. Warum?
Valentin Schwarz
30.04.2026 - 16:30 Uhr
Kühe in der Großstadt – ja, das gibt es! Nun gut, der ruhige Stuttgarter Randbezirk Möhringen hat zugegebenermaßen wenig gemein mit dem Innenstadt-Trubel im Kessel. Und doch ist es ein ungewöhnlicher Anblick, wenn mitten im Wohngebiet in der Unteraicher Straße eine kleine Viehherde stoisch auf ihrem Heu herumkaut.
Laura-Sophie Höpflinger überrascht das aber längst nicht mehr. Schließlich sieht sie den Kuhstall des Reyerhofs sogar von ihrem Schlafzimmer aus. Hier, unweit der Martinskirche in Möhringen, lässt sich Höpflinger seit 2024 zur Landwirtin ausbilden.
Junge Stuttgarterin orientiert sich beruflich neu
Dabei hatte sie zunächst ganz andere Pläne, als sie 2017 aus Augsburg nach Stuttgart zog. Höpflinger studierte an der Merz-Akademie Kunst und Medien, arbeitete anschließend im Bereich Green Consulting. Organisationen zum Thema Nachhaltigkeit zu beraten, stellte sie aber bald nicht mehr zufrieden. „Ich habe gemerkt, dass ich eigentlich nicht anderen erzählen will, wie sie es machen sollen.“
Ein Schwerpunkt von Höpflingers Ausbildung liegt auf der Stallarbeit. Foto: Ferdinando Iannone
Noch ein zweiter Aspekt störte Höpflinger in dieser Phase an ihrem Leben in Stuttgart: das Einkaufen. „Ich finde es super anstrengend, sich in einer Stadt zu versorgen, wenn man dabei bestimmte Werte beibehalten will“, sagt sie. Mit der Zeit schälte sich bei ihr deshalb der Wunsch nach mehr Erzeugernähe heraus.
Gemüse, Brot und Milch für 700 Menschen
So fand Höpflinger schließlich den Weg in die Landwirtschaft. Als Betrieb entschied sie sich für den Reyerhof und damit für eine biodynamische Ausbildung, eine Alternative zur staatlichen Ausbildung. Die biologisch-dynamische Landwirtschaft beruht auf den Ideen Rudolf Steiners und ist heute vor allem durch den Demeter-Verband bekannt. Für Demeter-Betriebe gelten strenge ökologische Vorschriften, die über den EU-Bio-Standard hinausgehen. Einige von ihnen – darunter der Reyerhof – setzen außerdem auf alternative Wirtschaftskonzepte wie die Solidarischen Landwirtschaft. Hier geben die Verbraucher:innen dem Betrieb Abnahmegarantien und erhalten im Gegenzug ein Mitspracherecht. Der Betrieb kann dadurch entsprechend anders planen und wirtschaften.
„Wir versorgen 700 Menschen und uns selbst mit Gemüse, Getreide, Joghurt, Milch und Eiern“, sagt Höpflinger. Der Reyerhof bewirtschaftet 50 Hektar Ackerland, Weiden und Streuobstwiesem um Möhringen herum. Hinzu kommen mehrere Gewächshaustunnel und eine Hühnerherde mit 270 Tieren.
Die Landwirtschaft ist nichts für Langschläfer:innen
Das Herzstück ist allerdings der Hof selbst in der Unteraicher Straße, mit seinem angebundenen Hofladen und dem Viehstall. Zehn Milchkühe der Fleckvieh-Rasse werden hier gehalten, dazu einige Rinder und Kälber. Derzeit plant der Reyerhof den Bau eines neuen, größeren Stalls, der den Tieren einen Weidezugang ermöglichen soll.
Zehn Milchkühe leben derzeit auf dem Reyerhof. Foto: Lichtgut/Ferdinando Iannone
Dieses Thema treibt auch Höpflinger um, liegt auf der Stallarbeit doch der Schwerpunkt ihrer Ausbildung. Deshalb heißt es für sie: Lange ausschlafen ist nicht. „Wir starten um sechs Uhr mit dem Melken“, sagt sie. Außerdem ist sie häufig auf den Feldern im Einsatz, erntet dort Gemüse oder bekämpft Unkraut – mit der Hacke statt mit Herbiziden. Gerade über die Sommerzeit sagt Höpflinger: „Da arbeiten wir richtig viel.“
Beziehungsarbeit in der Ausbildung
Überstunden baut sie dafür im Winter ab. Dennoch ist Höpflingers Arbeitspensum mit einer 45-Stunden-Woche – bei einem Gehalt von 1100 Euro im dritten Lehrjahr – deutlich höher als in anderen Berufen. Eine der Folgen: „Ich habe gerade keine Energie mehr für Nachtleben“.
Auf der anderen Seite steht für Höpflinger eine Arbeit, der sie nach eigener Aussage jeden Tag freudig entgegenschaut. „Das Schönste an der Landwirtschaft ist die Beziehungsarbeit“, sagt sie. Bedeutet: Die Beziehung zum Boden zu pflegen, aus dem die Lebensmittel stammen; zu den Tieren; zum Stadtteil, dessen Einwohner:innen im Hofladen einkaufen. Und zu den anderen Mitgliedern des 15-köpfigen Teams auf dem Reyerhof. Mit einigen Kolleg:innen teilt sich Höpflinger sogar den Wohnraum. Während ihrer Ausbildung lebt sie in einem Haus neben dem Stall, zusammen mit zwei Familien, zwei Gesell:innen und einer weiteren Auszubildenden.
Berufliche Zukunft in der Landwirtschaft
Ein Großteil von Höpflingers Leben spielt sich inzwischen also auf dem Hof ab. Zu den Ausnahmen gehören die Blockseminare, die den Theorieteil ihrer Ausbildung ausmachen. Dort lernt sie beispielsweise biochemisches Fachwissen, den Umgang mit Maschinen und was es braucht, um einen Betrieb zu führen. Im Gegensatz zur staatlichen Ausbildung gehe es bei der biodynamischen Ausbildung aber stärker um ökologische denn um profitmaximierende Ziele.
Das passt zu Höpflingers Einstellung, die ihre berufliche Zukunft über die Ausbildung hinaus in der Landwirtschaft sieht. Sie wolle auch künftig „zu kurzen Wegen und regionalen Nahrungssystemen“ beitragen. Denn: „Nicht Konzerne ernähren die Welt, sondern kleinbäuerliche Betriebe.“