Erste Busse betankt Deutschlandweit einzigartig? Waiblinger Wasserstoffprojekt geht an den Start
Der Rems-Murr-Kreis feiert seine ersten Wasserstoffbusse als Zukunftsprojekt. Die lokale Produktion in Waiblingen beginnt aber erst frühestens 2027.
Der Rems-Murr-Kreis feiert seine ersten Wasserstoffbusse als Zukunftsprojekt. Die lokale Produktion in Waiblingen beginnt aber erst frühestens 2027.
Der Bus zischt leise an die Zapfsäule. Keine Dieselwolke, kein Motorbrummen, nur das Surren der Technik. Landrat Richard Sigel und Waiblingens Oberbürgermeister Sebastian Wolf greifen gemeinsam zur Zapfpistole, lächeln in die Kameras, während hinter ihnen die neue Wasserstofftankstelle am Waiblinger Tor in der Mittagssonne glänzt. Der Rems-Murr-Kreis feiert den Start seiner ersten Wasserstoffbusse – und inszeniert sich dabei als Vorreiter einer klimaneutralen Verkehrswende.
Doch hinter der symbolischen Premiere steckt auch eine Geschichte mit Verzögerungen, Unsicherheiten und offenen Baustellen. Denn die Tankstelle ist zwar in Betrieb, aber noch nicht fertig. Der Elektrolyseur fehlt weiterhin. Erst Anfang 2027 soll die Anlage tatsächlich grünen Wasserstoff direkt vor Ort produzieren können. Bis dahin kommt er per Trailer aus Mannheim nach Waiblingen – nachhaltig zertifiziert zwar, aber eben nicht lokal erzeugt.
Es ist ein Projekt, das seit Jahren vorbereitet wird und immer wieder ins Stocken geriet. Bereits 2020 hatte der Kreistag die Wasserstoffstrategie beschlossen. Der Rems-Murr-Kreis wurde Teil des bundesweiten „HyPerformer“-Programms und erhielt Fördermittel für den Aufbau einer regionalen Wasserstoffwirtschaft. Die Vision: grünen Strom vor Ort erzeugen, daraus Wasserstoff herstellen und damit eine komplette Busflotte antreiben.
Nun beginnt zumindest der erste Praxistest. Sechs Wasserstoffbusse des Typs „Caetano H2 CityGold“ sollen in den kommenden Wochen schrittweise in den Linienbetrieb gehen, vor allem auf den Linien 202 und 206 Richtung Weinstadt. Weitere sieben Gelenkbusse von Mercedes werden erst gegen Ende des Jahres erwartet. Der vollständige Echtbetrieb soll im Januar 2027 starten.
Die Verantwortlichen sprechen dennoch von einem „Leuchtturmprojekt“. Tatsächlich ist die Kombination ungewöhnlich: Wasserstoffproduktion, Tankstelle und Busbetrieb sollen langfristig an einem Ort zusammengeführt werden. Oberbürgermeister Sebastian Wolf nennt das Projekt in dieser Konstellation sogar „deutschlandweit einzigartig“. Der Wasserstoff soll künftig direkt vor Ort aus erneuerbaren Energien entstehen – samt Nutzung der entstehenden Abwärme für das Waiblinger Wärmenetz.
Die Debatte über den richtigen Antrieb im öffentlichen Nahverkehr läuft längst mit voller Härte. Viele Städte setzen inzwischen auf reine Elektrobusse. Im Rems-Murr-Kreis dagegen glaubt man weiter an Wasserstoff – auch wegen der Topografie und der Infrastrukturprobleme im ländlichen Raum. „Man hat mit Wasserstoff kein Stromnetzproblem“, sagt Landrat Sigel beim Pressetermin.
Tatsächlich argumentiert die Kreisverwaltung seit Monaten, dass der Ausbau der Stromnetze und die Elektrifizierung vieler Betriebshöfe zu langsam vorankämen. Gerade im hügeligen Schwäbischen Wald stoßen Batteriebusse laut Landkreis bei Reichweite und Winterbetrieb an Grenzen.
Für Birgit Stoib, Geschäftsführerin der Friedrich Müller Omnibusunternehmen GmbH (FMO), liegt der größte Vorteil der Brennstoffzellentechnik in der Alltagstauglichkeit. Rund 350 Kilometer Reichweite seien wetterunabhängig möglich, dazu komme die schnelle Betankung. Ein E-Bus müsse oft stundenlang laden, ein Wasserstoffbus sei nach wenigen Minuten wieder einsatzbereit.
Allerdings hat die Technik ihren Preis. Ein Wasserstoffbus kostet nach Angaben Stoibs etwa doppelt so viel wie ein klassischer Dieselbus. Trotzdem hält der Kreis an der Strategie fest – „technologieoffen“, wie der Landrat betont. Insgesamt investieren Landkreis und Stadt Waiblingen gemeinsam 11,7 Millionen Euro in die Infrastruktur. Hinzu kommen rund fünf Millionen Euro Bundesförderung.
Ganz ohne Zweifel bleibt das Projekt dennoch nicht. Kritiker bemängeln die hohen Kosten und die bislang schleppende Entwicklung der Wasserstoffwirtschaft in Deutschland. Selbst der Landkreis räumt inzwischen ein, dass sich die Technologie deutlich langsamer verbreitet als ursprünglich erwartet.
Hinzu kommen praktische Probleme. Die Tankstelle ist bislang nur eingeschränkt nutzbar. Für den öffentlichen Betrieb fehlt noch die Datenverbindung für bargeldloses Bezahlen. Vor allem aber fehlt weiterhin das eigentliche Herzstück der Anlage: die lokale Produktion des Wasserstoffs.
So wirkt der Start der Busse derzeit wie ein vorsichtiger Testlauf – nicht wie der große Durchbruch. Die Vision fährt bereits durchs Remstal, aber noch mit angezogener Handbremse.
Ob daraus tatsächlich eine Blaupause für andere Regionen wird oder nur ein teures Prestigeprojekt, wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen. Im Moment aber rollt im Remstal erst einmal die Hoffnung vom Hof – leise, emissionsfrei und mit Wasserstoff im Tank.