Im alten Feuerwehrhaus Süd fand die Zeugnisübergabe statt. Foto: GMS/Sascha Müller
An der Schickhardt-Gemeinschaftsschule in Stuttgart hat es in diesem Jahr viele erste Male gegeben: die ersten Abi-Prüfungen, den ersten Abi-Gag, die erste Zeugnisübergabe an eine zweite Kursstufe. Wie haben sich die Debütanten der Schule geschlagen?
In Anzug und Abendkleid stehen sie auf der Bühne im alten Feuerwehrhaus Süd und recken die Arme hoch – es ist vollbracht. „Wir haben unser Abitur in der Tasche – wir sind stolz aufeinander“, so drückt es der Abiturient und Sprecher der Kursstufe II, Till Bofinger, in seiner Rede aus. Nicht nur er weiß: Sein Jahrgang hat Schulgeschichte geschrieben. Denn die jungen Männer und Frauen auf der Bühne sind die ersten, die an der Schickhardt-Gemeinschaftsschule ihr Abitur gemacht haben.
Schulleiterin Sandra Vöhringer ist immer noch ergriffen, als sie an einem anderen Tag mit etwas Abstand von den besonderen Momenten dieses Schuljahres erzählt. Bei den Prüfungen sei sie „aufgeregter“ als die Schüler gewesen. Die Nacht vor dem ersten Abigag einer Stuttgarter Gemeinschaftsschule hat sie auf Einladung mit den Abiturienten im Schulhaus verbracht. Über das ganze Schulhaus haben die frischgebackenen Ehemaligen ihre Aufschriebe aus der Oberstufe verteilt.
Das Abitur ist den meisten ursprünglich nicht zugetraut worden
„Es ist ein toller Jahrgang“, sagt Vöhringer. Sie ist „stolz“, wie gut sich die Schülerinnen und Schüler geschlagen haben. Der Jahrgangsschnitt liegt bei 2,5, wobei die meisten zwischen 2,1 und 2,7 lägen. Die beiden Jahrgangsbesten der Gemeinschaftsschule (GMS) hätten eine 1,7 erreicht. Dabei hatte es bei den meisten ihrer Schülerinnen und Schüler ursprünglich gar nicht nach diesem Bildungsweg ausgesehen. „Niemals schaffst du das Abitur“ – mit dieser Botschaft seien Schüler des Jahrgangs im Laufe ihrer Schullaufbahn konfrontiert worden. Die meisten hatten laut Vöhringer eine Realschulempfehlung, bei Vieren geht sie von einer Hauptschulempfehlung aus – auch Wechsler vom Gymnasium waren unter den Pionieren. Nur von zwei Schülern weiß sie gesichert, dass sie mit der Gymnasialempfehlung in der fünften Klasse starteten.
Ein Bild vom Abi-Gag Foto: GMS/Müller
Eine Schülerin, die in der elften Klasse noch habe hinwerfen wollen, sei wegen ihrer Leistungen mit dem Scheffel-Preis der Literarischen Gesellschaft Karlsruhe ausgezeichnet worden, berichtet die Schulleiterin erfreut. Der Preis geht an die besten Deutsch-Abiturienten im Land. Nicht minder stolz ist Sandra Vöhringer auf die Leistung eines Schülers, der durchs Abitur zu fallen drohte. Null Punkte hatte er in Physik geschrieben, auch in Deutsch musste er in die Nachprüfung. In Physik habe er eine starke Leistung von 10 Punkten erbracht, in Deutsch 9 Punkte, dabei sei seine Muttersprache Spanisch. Nach den Prüfungen habe sie zu ihm gesagt: „Das nimmst Du jetzt mit: Ich kann jeglichem Druck standhalten.“
„Ich weiß, dass wir uns wiedersehen werden“
Nicht alle aus dem Jahrgang hatten sich letztlich entschieden, zu den Abiturprüfungen anzutreten – sechs Schülerinnen und Schülern reichte dann doch die Fachhochschulreife. Zum Feiern ins Feuerwehrhaus und zum Abi-Streich kamen aber auch sie fast alle dazu. Wie groß der Zusammenhalt in dem kleinen Jahrgang war, schildert auch Till Bofinger in seiner Abi-Rede: Er selbst habe anfangs niemanden gekannt und das erste Jahr „quasi kein Wort von mir gegeben“. Damals hatte er noch das Gefühl, nicht dazuzugehören. „Aber dann kam alles Schlag auf Schlag. Ich habe viele neue Freunde gefunden, die mich so akzeptiert haben, wie ich bin“, sagt der 20-Jährige, der nun Wehmut verspürt. Aber: „Ich weiß, dass wir uns wiedersehen werden“.
Hier haben sie sich verewigt. Foto: GMS/Müller
Mitgefiebert mit den Abiturienten am Schickhardt haben in diesem Schuljahr übrigens nicht nur ihre eigenen Lehrkräfte. „Wir haben alle mitgefiebert“, sagt Damaris Scholler, die Leiterin der Elise-von-König-Gemeinschaftsschule in Stuttgart-Münster. Der erste Abiturjahrgang sei ein bedeutendes Zeichen für alle Gemeinschaftsschulen.
140 Interessensbekundungen für die neue elfte Klasse
Was das für die Zukunft bedeutet? Sandra Vöhringer kann sich schon jetzt über mangelndes Interesse nicht beschweren, im Gegenteil. Die Schulleiterin der Schickhardt-GMS hat aktuell das Problem, dass eigentlich zu viele Anmeldungen bei ihr eingegangen sind – vor allem, aber nicht nur, in Bezug auf die elfte Klasse. 63 Schülerinnen und Schüler besuchen aktuell die Kursstufe I, machen also nächstes Jahr ihr Abitur – 87 Jugendliche sind in der jetzigen elften Klasse. Für die künftige elfte Klasse liegen Sandra Vöhringer nun 140 Interessenbekundungen vor – das sind 50 mehr, als sie aufnehmen könnten, auch wenn Interessensbekundungen noch keine Anmeldungen sind. Besonders groß sei der Andrang allerdings auch für die künftige siebte Klasse, da erreichten sie viele Anfragen von Eltern und Gymnasien. „Wir können gar nicht so viele aufnehmen“, berichtet Vöhringer.
So lief es in 2023 an den Stuttgarter Gymnasien
Zahlen Landesweit haben in diesem Schuljahr rund 47 500 Schülerinnen und Schüler die Abiturprüfungen abgelegt, davon 31 000 an den allgemein bildenden Gymnasien und Gemeinschaftsschulen mit gymnasialer Oberstufe sowie 16 000 an den Beruflichen Gymnasien. In Stuttgart gibt es 33 allgemeinbildende Gymnasium. Die Schickhardt-Gemeinschaftsschule ist die einzige mit einer Oberstufe. Dort kann man das Abitur nach neun Jahren ablegen.
Vorjahr Im Jahr 2023 gab es laut dem Statistischen Landesamt in Stuttgart 2060 Abiturprüflinge am Gymnasium. Davon haben 1984 (96,3 Prozent) bestanden, 76 nicht. Der Durchschnitt des Jahrgangs betrug 2,25 an den Stuttgarter Gymnasien. Die Zahlen zu diesem Jahr liegen noch nicht vor.