Erster Cap-Markt im Kreis Ludwigsburg feiert Frau Hinderer hat die Kasse im Griff

Jutta Hinderer an der Kasse gehört im Bissinger Cap-Markt zu den Stützen. Dort arbeiten Menschen mit und ohne Behinderung. Foto: Werner Kuhnle

Vor 20 Jahren wurde in Bietigheim-Bissingen der erste Cap-Markt im Kreis Ludwigsburg eröffnet. Dort arbeiten Menschen mit und ohne Behinderung zusammen. Das Sichern der Nahversorgung und die persönliche Entwicklung sollen dort wichtiger sein als Profit.

Ludwigsburg: Frank Ruppert (rup)

„Ich kann nur an der Kasse arbeiten. In anderen Supermärkten würde man mich daher nicht einstellen“, sagt Jutta Hinderer. Die Beilsteinerin ist gehandicapt, seit 14 Jahren nimmt sie regelmäßig den Arbeitsweg nach Bissingen zum dortigen Cap-Markt auf sich. Seit 20 Jahren gibt es den besonderen Supermarkt.

 

Cap-Märkte entstanden vor 25 Jahren und haben noch heute zwei zentrale Aufgaben: Sie werden von unterschiedlichen Sozialunternehmen dort errichtet, wo die Nahversorgung schwierig ist. Zudem arbeiten etwa zur Hälfte Menschen mit Behinderungen zwischen den Regalen oder an der Kasse.

Erster Cap-Markt im Landkreis

Der Markt in Bissingen war der erste im Verbund des Sozialunternehmens Neue Arbeit und der erste im Landkreis Ludwigsburg. „Damals ist Sparmarkt rausgegangen, und wir haben die Möglichkeit genutzt, ein neues Tätigkeitsfeld zu erschließen“, sagt Burim Sabani, Fachbereichsleiter bei der Neuen Arbeit. Ein Cap-Markt müsse zwar wirtschaftlich arbeiten, anders als Rewe, Edeka und Co. reiche dafür aber schon eine schwarze Null, wie Sabani sagt.

Burim Sabani /Werner Kuhnle

In Bietigheim-Bissingen feiern sie diese Woche den 20. Geburtstag des Marktes, am Ende der Woche kommt sogar ein Bürgermeister vorbei. Die Gemeinden wissen in der Regel, was sie an Cap-Märkten haben, schließen diese doch eine bestehende oder drohende Lücke in der Nahversorgung. Und das keineswegs mit minderwertiger Ware. „Wir sind ein ganz normaler Supermarkt. Wir bieten das gleiche Sortiment wie Edeka und können auf das komplette Sortiment der Edeka zugreifen“, sagt Sabani. Jeder der Cap-Märkte könne auf lokale Anforderungen reagieren. So sei es möglich, mehr eher günstige Produkte der Eigenmarke ins Sortiment aufzunehmen oder wie im Cap-Markt in Bietigheim-Buch mehr russische Produkte. Dort gebe es viele Menschen mit russischem Migrationshintergrund.

Zwölf von 18 Mitarbeitern haben eine Behinderung

Aus Sicht von Sabani hat sich bei der Inklusion in die Arbeitswelt in den vergangenen Jahren kaum etwas getan. „Ich kann nicht verstehen, warum so viele Unternehmen lieber eine Abgabe zahlen, als Menschen mit Behinderung einzustellen“, sagt er. Er habe in seinem Beruf kaum so häufig positive persönliche Entwicklungen gesehen, wie bei den Mitarbeitern mit Behinderung. „Eine langjährige Mitarbeiterin in einem anderen Markt brachte zu Beginn ihrer Tätigkeit kaum einen Ton heraus, und heute beherrscht sie ihre Aufgabe aus dem Effeff“, erzählt er stolz. Es sei wichtig, Menschen, die das Potenzial dafür haben, auch zu fördern und sie nicht etwa in Werkstätten zu unterfordern, sagt Sabani, und Marktleiterin Jacqueline Völker-Buselmeier stimmt zu.

Sie hat früher für eine Supermarktkette gearbeitet und sich dann ganz bewusst für den Wechsel zu einem Cap-Markt entschieden. „Mir kam das Soziale in meiner Arbeit früher einfach zu kurz“, sagt sie. Von den 18 Mitarbeitern in Bissingen haben zwölf eine Behinderung. Die Anforderungen in einem Cap-Markt seien deshalb ein wenig anders für Marktleiter. „Man muss mehr Geduld aufbringen, gerade wenn die Menschen mit Behinderungen neu im Job sind“, sagt sie. Dafür seien die Bindungen persönlicher. „Hier herrscht ein guter Zusammenhalt. Die Kollegen unternehmen auch in ihrer Freizeit etwas miteinander“, sagt Völker-Buselmeier.

Spaß an der Arbeit hat auch Maurizio Fata. Der Markgröninger ist für Lieferfahrten zuständig. Ältere und in der Mobilität eingeschränkte Kunden können ihren Supermarkteinkauf per Telefon und Fax erledigen. Fata fährt die Ware dann aus: „Mir macht das Spaß, auch dass ich mit den älteren Leuten dann ab und zu ein bisschen reden kann.“ Seine Kollegin Jutta Hinderer könnte eigentlich schon Rente beziehen, „aber daheim verödet man doch nur“, sagt sie. An den extra langen Kassen – für weniger Stress bei Kunden und Kassierer – ist sie sehr bekannt. „Wenn Frau Hinderer mal im Urlaub ist, fragen die Leute schon nach ihr“, sagt Völker-Buselmeier. Auch wenn die Einarbeitung und die Arbeitszeiten bei den Menschen mit Behinderungen sehr individuell angepasst werden, seien sie für das Unternehmen ansonsten Mitarbeiter wie alle anderen auch. „Die haben genauso einen Arbeitsvertrag wie die Menschen ohne Behinderung. Warum auch nicht?“, fragt Sabani.

Von Herrenberg bis Hamburg

Start in der Region
 In Herrenberg eröffnete 1999 der erste Cap-Markt. Heute gibt es 108 Märkte in Deutschland, auch in Hamburg beispielsweise. Sie richten sich nach dem Konzept, das die Genossenschaft der Werkstätten für behinderte Menschen Süd vorgibt. Mindestens 40 Prozent der Mitarbeiter müssen eine Behinderung haben.

Start im Landkreis
 Der Bissinger Markt war 2004 der erste im Landkreis Ludwigsburg (der 14. insgesamt). Heute gibt es Cap-Märkte etwa auch in Bietigheim-Buch, Sersheim und Markgröningen.

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