Erzieherinnen aus Stuttgart erzählen Was tun gegen Personalmangel in Kitas? „Anerkennung ist wichtiger als Geld“

Paula Bartels (rechts) und Laura Binder lieben ihren Beruf, sehen aber auch einige Herausforderungen. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Fachkräfte in Kitas sind knapp, auch weil viele sich überlastet fühlen und den Beruf wechseln. Wir haben zwei junge Erzieherinnen gefragt, was sie an ihrem Job lieben und wie lange sie diesen ausüben wollen.

Familie/Bildung/Soziales: Alexandra Kratz (atz)

Um Erzieherin zu werden, braucht es gute Gründe. „Nur, weil man Kinder süß findet oder glaubt, in dem Beruf viel zurückzubekommen, sollte man es nicht machen“, sagt Paula Bartels. Denn es gebe auch immer wieder herausfordernde Momente, in denen die Kinder mal nicht süß seien, und in denen man mal nichts zurückbekomme. Dennoch, Paula Bartels liebt ihren Job. Die 28-Jährige leitet den evangelischen Sophienkindergarten in der Stadtmitte. In der eingruppigen Einrichtung betreut sie mit ihrem Team 22 Kinder im Alter von zwei bis sechs Jahren.

 

„Das Schöne an dem Beruf ist der Alltag mit den Kindern, ihr Forschergeist, jeden Tag entdecken wir gemeinsam Neues“, sagt Laura Binder. Die 24-Jährige arbeitet als Fachkraft im Sophienkindergarten. „Es ist ein sehr abwechslungsreicher Beruf, es wird nie langweilig. Auch die Vielfalt der Kulturen erlebe ich als enorme Bereicherung“, ergänzt Paula Bartels. Die beiden Frauen sind jung und voll Energie. Sie haben Glück, denn sie arbeiten in einer Einrichtung, in der alle Stellen besetzt sind.

In vielen Kitas ist die Personalsituation angespannt

In vielen anderen Einrichtungen ist die Personalsituation hingegen angespannt. In den städtischen Kitas in Stuttgart sind derzeit 200 Stellen unbesetzt, nennt die Pressestelle der Stadt Stuttgart auf Nachfrage eine konkrete Zahl. Zum Stichtag 1. März 2024 konnten aus diesem Grund 940 Plätze nicht belegt werden. Für die nicht-städtischen Träger liegen der Pressestelle keine Daten vor. Etwa ein Dritter aller Kitas in der Landeshauptstadt ist städtisch. Insgesamt haben etwa 3000 Familien in Stuttgart keinen Kita-Platz. Zudem kommt es in vielen Einrichtungen immer wieder zu einer Reduzierung der Betreuungszeiten, weil Fachkräfte fehlen.

Diese Situation stresst auch das Personal in den Kitas. In einer im August 2024 veröffentlichten Studie der Justus-Liebig-Universität Gießen und der Bertelsmann-Stiftung gibt fast die Hälfte der befragten Kita-Mitarbeitenden an, sich täglich oder fast täglich im Job überlastet zu fühlen. Rund ein Viertel der Befragten will mit einer Wahrscheinlichkeit von mindestens 80 Prozent das Berufsfeld kurz- bis mittelfristig verlassen. Am höchsten ist dieses Abwanderungsrisiko bei den Jüngeren im Alter von 26 bis 30 Jahren.

Strategien gegen den Fachkräftemangel in Kitas

Den beiden jungen Erzieherinnen fallen einige Strategien ein, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken.

  • Ein guter Personalschlüssel sei elementar. Die Gruppen dürften nicht zu groß sein. Ideal wären bei einer gemischten Gruppe mit Zwei- bis Sechsjährigen 15 Kinder auf zwei Fachkräfte. „Einen solchen Betreuungsschlüssel erreichen wir derzeit höchstens mal in Ferienzeiten“, sagt Paula Bartels.
  • Wichtig sei auch ein gutes Miteinander im Team. Dafür brauche es unter anderem regelmäßige und gut geführte Team-Sitzungen oder auch mal Team-Events, um den Zusammenhalt zu fördern.
  • Das Personal müsse gestärkt werden, zum Beispiel durch regelmäßige Fortbildungen und Supervision von außen.

Es geht auch ums Finanzielle. Mit ihrem Gehalt sind die beiden jungen Erzieherinnen zufrieden. „Da hat sich einiges getan“, sagt Paula Bartels. In den vergangenen Jahren seien die Gehälter deutlich gestiegen. In Stuttgart kommen Zulagen wie das Deutschland-Ticket obendrauf. Doch Paula Bartels vermisst finanzielle Anreize für studierte Fachkräfte. „Sozialpädagoginnen und -pädagogen finden aktuell im Vergütungsgruppenplan keine richtige Einordnung und werden als pädagogische Fachkraft bezahlt“, sagt sie und ergänzt: „Hier könnte man mit einer dem Ausbildungsstand entsprechenden Bezahlung mehr Fachkräfte für die Elementarpädagogik gewinnen und dem Personalmangel entgegenwirken.“

Nicht nur Kaffee trinken und spielen

Vor allem aber wünschen sich die beiden Fachkräfte mehr Anerkennung für ihren Berufsstand. „Mehr Anerkennung wäre mir noch wichtiger als mehr Geld“, sagt Paula Bartels. Seit der Corona-Pandemie habe sich das gesellschaftliche Bild einer Erzieherin gewandelt, aber es gebe noch Luft nach oben.„Es ist eben nicht so, dass wir nur Kaffee trinken und mit den Kindern spielen“, sagt Laura Binder. Die Arbeit mit den Mädchen und Jungen erfordere volle Präsenz und Aufmerksamkeit. „Wir beobachten den ganzen Tag. Schließlich wollen und müssen wir den Eltern regelmäßig Rückmeldung zur Entwicklung ihrer Kinder geben und diese fachlich begründen. Und wir werden den ganzen Tag beobachtet, wir müssen stets Vorbild sein“, ergänzt Paula Bartels. All das mache den Beruf anstrengend.

Gleichzeitig begründet sie damit die Notwendigkeit für eine fundierte Ausbildung und andauernde Fortbildungen. Erzieherin könne man nicht einfach sein, man müsse es lernen, sagt Paula Bartels. „Gut geschultes Personal ist extrem wichtig.“ Dazu gehört für sie vor allem die richtige Haltung, man müsse sich immer wieder klar machen, warum man diesen Job machen wolle und sein eigenes Verhalten reflektieren. Außerdem brauche es theoretisches Wissen darüber, wie kindliche Entwicklung funktioniere. Die Mitarbeit von Nicht-Fachkräften in den Kitas sieht sie deshalb ambivalent. Einerseits könnten sie die Fachkräfte entlasten, so erlebe sie es auch aktuell in ihrer eigenen Kita. Andererseits bräuchten Nicht-Fachkräfte mehr Betreuung und Anleitung. „Auf keinen Fall sollte der Anteil der Nicht-Fachkräfte den Anteil der Fachkräfte in einer Kita übersteigen“, findet Paula Bartels.

Gut geschultes Personal ist wichtig, da sind sich Laura Binder (links) und Paula Bartels einig. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Zur Anerkennung gehört für die beiden Fachkräfte auch eine gute Kooperation mit den Eltern. „Kita soll eine Ergänzung zur Familie sein und sie nicht ersetzen“, stellt Paula Bartels klar. Die meisten Mütter und Väter würden ihre Arbeit wertschätzen. Doch die beiden haben in ihrem Berufsleben auch schon andere Situationen erlebt. Zum Beispiel wenn es um herausforderndes Verhalten der Kinder geht. „Bei Rückmeldungen heißt es dann manchmal, dass das zu Hause ganz anders sei, und das Problem folglich in der Kita liegen müsse“, berichtet Paula Bartels und ergänzt: „Wir freuen uns immer, wenn Eltern offen für unsere Ratschläge sind.“

Wunsch: Keine kranken Kinder in die Kita bringen

Zudem wünscht sie sich von den Eltern, dass diese ihre Kinder nicht krank in die Kita geben. „Wir verstehen, dass auch die Mütter und Väter unter Druck stehen. Aber sie tun damit weder ihren Kindern noch uns einen Gefallen“, sagt Paula Bartels. Um Einblicke in ihre Arbeit zu geben, bietet der Sophienkindergarten Hospitationen an. „Hinterher sagen uns Eltern dann oft: Wahnsinn, was ihr hier jeden Tag leistet“, so die Einrichtungsleiterin.

Die beiden Erzieherinnen aus dem Sophienkindergarten sind jung. Können sie sich vorstellen, bis zur Rente in einer Kita zu arbeiten? Paula Bartels ist zwiegespalten. Natürlich bringe sie viel Leidenschaft und Motivation mit. Und es gebe viele Fachkräfte, die den Beruf mit Freude bis zur Rente ausüben würden. Aber die Arbeit sei auch körperlich belastend, allein schon wegen des Lärmpegels. Darum wolle sie im Alter nicht unbedingt mehr im Gruppendienst arbeiten, sondern eher als Einrichtungsleitung, sagt die 28-Jährige.

Laura Binder möchte später mal eine Familie gründen. „Ich würde in der Kita bleiben wollen. Aber ich glaube nicht, dass ich in Vollzeit arbeite, wenn ich eigene Kinder habe. Dann würde ich meine Arbeitszeit reduzieren, um mich in erster Linie um meine eigene Familie kümmern zu können“, sagt sie.

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