Erziehungsstile „Möchtest du deine Zähne putzen?“ – „Nein“

Ein kindlicher Wutanfall stellt für manche Eltern eine große Herausforderung dar. Foto: Unsplash/ Bart Kerswell

Können Millennial-Eltern wirklich keine Grenzen setzen und sind einfach viel zu nett? Aktuell wird wieder heftig über den „richtigen“ Erziehungsstil debattiert.

Familie, Zusammenleben und Bildung: Eva-Maria Manz (ema)

Wenn sich das Kind kreischend auf den Boden wirft, hilft nettes Fragen meist nicht weiter. „Du möchtest gerade gar nicht mehr aufstehen, oder?“ Diese Form der Kommunikation ist in Erziehungsdingen Mode: „Möchtest du, wollen wir, magst du?“ Die Mutter auf dem Spielplatz sagt nicht mehr: „Jetzt gehen wir nach Hause.“ Sondern: „Sollen wir nun so langsam nach Hause gehen?“ Solche Gespräche können unter Umständen schnell enden (die Autorin dieses Textes spricht aus Erfahrung): „Möchtest du jetzt deine Zähne putzen?“ – „Nein.“

 

Tja, da sieht man schon die Problematik. Gut gemeint führen diese Kommunikationswege oft in eine Sackgasse. Ähnlich den ebenso beliebten verbalen Bestandsaufnahmen zur Gefühlslage des Nachwuchses – natürlich ohne Wertung – in brenzligen Situationen. Statt das Kind anzubrüllen, wenn es sich beim Einkauf auf den Boden wirft, sagt der Vater: „Ich sehe, dass du gerade sehr wütend bist.“ Das stimmt dann wohl, hilft aber in dem Moment auch nicht weiter, wenn wir ehrlich sind. Und es erfordert ein wahnsinnig hohes Maß an elterlicher Selbstregulierung, immer geduldig auf die Bedürfnisse des Kindes einzugehen – ganz zu schweigen von der Auswirkung dieses Verhaltens im öffentlichen Raum. Das Kind fühlt sich bestimmt gesehen, verstopft aber weiterhin die Supermarktkasse und behindert andere.

Bedürfnisorientierte Erziehung bringt für Eltern zermürbende Konflikte

Grundsätzlich ist es schön und ein erklärtes Ziel zeitgemäßer Erziehung, Kinder ernst zu nehmen, sie einzubeziehen, vor allem: ihre Gefühle wahrzunehmen, ohne diese zu bewerten. So soll es sein, da sind sich Psychologen schon lange einig. Doch manche Formen der sogenannten bedürfnisorientierten Erziehung bringen für junge Eltern zermürbende Konflikte mit sich.

Zu beobachten ist das in der Stadt jeden Tag: Kinder bewegen sich nur zentimeterweise vom Spielplatz zum Ausgang und den Gehsteig entlang, immer wieder rennen sie weg, brechen in Weinkrämpfe aus, Eltern stehen geduldig daneben, manchmal bis zu einer Stunde lang, offensichtlich, nun ja: hilflos. Kein Wunder ist die aktuelle Elterngeneration so stark belastet wie kaum eine zuvor. In einer US-amerikanischen Studie aus dem Jahr 2024 geben besonders jene Eltern, die ihre Kinder bindungs- und bedürfnisorientiert erziehen, öfter an, erschöpft oder unsicher zu sein. Und in einer repräsentativen Umfrage von Forsa im Auftrag der Kaufmännischen Krankenkasse 2024 fühlen sich 62 Prozent der Eltern hierzulande häufig oder sogar sehr häufig gestresst. Etwa zwei Drittel berichten, dass ihre Belastung in den vergangenen Jahren weiter gestiegen ist. Fast 70 Prozent beschreiben Erschöpfungszustände, ein Ausgebranntsein.

Wieso sind aktuelle Eltern, eine psychologisch geschulte Generation, ausgerechnet so ausgebrannt?

In Sozialen Medien wird Eltern kleiner Kinder heute oft vorgeworfen, zu wenig Grenzen zu setzen. Aktuell wird wieder heftiger darüber debattiert, wie man Kinder optimal erzieht. Schaden die Millennials ihren Kindern mit allzu viel Nettigkeit? Oder werden diese Kinder eines Tages von der liebevollen Zugewandtheit und Geduld ihrer bedürfnisorientierten Erziehung profitieren? Die heutige Elterngeneration kleiner Kinder hat gelernt, achtsam zu erziehen, auf Augenhöhe zu kommunizieren. Immer im Bewusstsein hat sie dabei das Machtgefälle zwischen Erwachsenen und Kindern und die gewaltige Verantwortung – einschließlich all der potenziellen Traumata, die man als Eltern bei den kleinen Wesen auslösen könnte. Die Millennials sind eine psychologisch geschulte Generation.

Wie kann es also sein, dass ausgerechnet sie selbst so überlastet, unzufrieden und ausgebrannt sind? „Viele junge Eltern verstehen nicht, dass sie so viele Probleme und Stress im Alltag haben, weil sie zu wenig Grenzen setzen.“ Das glaubt Sophia Pawisa. Sie ist Pädagogin und schult Eltern in der Region Stuttgart zu diesem Thema. Die 35-jährige Mutter hat Kindheitspädagogik studiert und ein Familienzentrum geleitet. Heute hält sie Vorträge in Kitas, in Familienhäusern und berät Eltern.

Pawisa sagt, sie habe Verständnis für die Überforderungen in den Familien der Gegenwart. „Eltern haben heute einen so facettenreichen Alltag.“ Zudem werde das Kind zum Lebensprojekt, man investiere viel Zeit in die Erziehung, man wolle unbedingt ein gutes Verhältnis zum Nachwuchs aufbauen. „Vielen Eltern ist es unglaublich wichtig, vom eigenen Kind gemocht zu werden“, beobachtet die Pädagogin. Die Eltern seien daher besonders nachgiebig, das Bedürfnis des Kindes gehe immer vor.

Gleichzeitig fragten sich heutige Eltern dann, weshalb das Kind im Supermarkt tobt und nicht mehr zu bändigen ist. Manche wüssten nicht, was sie tun sollen, wenn das Kind partout nicht mehr vom Spielplatz nach Hause gehen möchte. Ob man das Kind gewaltvoll wegtragen soll? Das könnten sich die jungen Eltern nicht vorstellen. „Grenzen setzen“, sagt Pawisa. „Aber liebevoll.“ Das klingt gut, doch wie geht das? Auch pädagogische Einrichtungen wie Kindertagesstätten berichteten ihr, dass der Bedarf der Eltern aus Sicht des pädagogischen Personals sehr groß sei, Orientierungshilfen bei der Erziehung ihres Nachwuchses zu erhalten.

Wer kleine Kinder hat, erlebt oft einen sehr stressigen Alltag, um allen gerecht zu werden. Foto: Unsplash/ Vitolda Klein

Die Frage nach der „richtigen“ Erziehung ist eine wiederkehrende. Seit dem Zweiten Weltkrieg wird in Deutschland immer wieder heftig debattiert, was Kinder zu glücklichen, strebsamen Erwachsenen heranwachsen lässt. Erziehungsmethoden wandeln sich, es gibt Moden, Rück- und Fortschritte: Ein Hin und Her zwischen mehr Strenge und mehr Freiheiten. Besonders in Deutschland, wo man sich in Nachkriegszeiten noch lange an der Nazi-Erziehung abarbeitete.

Autoritär wurde in Hitlers Deutschland und noch lange danach erzogen. Bei diesen später mit dem umstrittenen Begriff der „Schwarzen Pädagogik“ umschriebenen Erziehungsmethoden wird das Kind als der potenzielle Feind der Erwachsenen gesehen, es gilt als defizitär und muss überwacht und diszipliniert werden. Die Bücher der Ärztin und Erziehungsratgeberin Johanna Haarer, in fast jedem Haushalt während und nach der Nazizeit im Regal, haben hierzu in Deutschland einen großen Teil beigetragen. Später führten Psychologen das Verhalten der Täter und Mitläufer in Deutschland um die Mitte des 20. Jahrhunderts auch auf diese Erziehungsmethoden zurück.

Heute spielt sich die Diskussion über Erziehungsfragen besonders in den Sozialen Medien ab

Danach schlug das Pendel in die andere Richtung aus. In der Hochphase der alternativen und antiautoritären Erziehungskonzepte der 68er sollten Kinder nun alles dürfen und alles selbst entscheiden. Die Entwicklungspsychologin Diana Baumrind veröffentlichte in den 1960er-Jahren ihr bekanntes Modell von drei Erziehungsstilen: dem autoritären, dem autoritativen und dem permissiven Stil. Das ideale Mittelmaß sei die autoritative Erziehung, schrieb sie. Diese Form der Erziehung mit Regeln und Wärme war lange breiter Konsens, wobei die Einteilung in diese drei Unterarten von Pädagogen später auch methodisch kritisiert wurde.

Heute spielt sich die Diskussion über Erziehungsfragen besonders in den Sozialen Medien ab, Influencer und Autoren können mit der Ratlosigkeit der Millennial-Eltern viel Geld verdienen. In der Debatte liest man Schlagworte wie Gentle Parenting, eine bedürfnisorientierte Erziehung, die schon länger beliebt ist, oder das neuere Modell „FAFO“, also„Fuck around and find out“ – laut „Wall Street Journal“ eine Methode, die dem Kind vermittelt, dass es auf die harte Tour durch Ausprobieren lernen soll, damit es nicht in Watte gepackt wird, sondern merkt, dass Handlungen Konsequenzen haben.

Seit einiger Zeit schreiben auch Eltern auf Instagram, sie praktizierten „Retro Parenting“: Mütter und Väter zeigen, dass sie ihre Kinder so erziehen, wie sie angeblich selbst in den 80er und 90er Jahren aufgewachsen sind: weniger bis keine Bildschirmzeit, viele Freiräume und unüberwachtes Spielen draußen, Haushaltspflichten, aber auch Zulassen von Langeweile. In den 90ern gab es schon einmal eine Phase, in der man wieder zurückwollte zu mehr Struktur im Familienalltag. Bücher wie „Kinder brauchen Grenzen“ von 1993 wurden Bestseller.

Die Psychologen Cécile Loetz und Jakob Müller schreiben in ihrem aktuellen Buch „Jetzt bin ich schon wie meine Eltern“, die Frage nach der vermeintlich „richtigen“ Erziehung entstehe vielleicht nicht zufällig in Gesellschaften, „in denen sich traditionelle Familienstrukturen und Rollen auflösen, Muster eben nicht mehr unhinterfragt übernommen werden“. Diese Entwicklung schreitet weiter voran – Lebens- und Beziehungsmodelle sind heute fluide, vorgegeben ist kaum noch etwas.

Was müssen Kinder können in der Welt von morgen?

Zur Überforderung der Eltern im Umgang mit den Kleinkindern kommt auch eine Unsicherheit darüber, worauf es im Leben ihrer Kinder später überhaupt ankommt. Welche Kompetenzen sollen sie ihnen vorrangig vermitteln, was müssen sie können in einer Welt, in der Künstliche Intelligenz den Arbeitsmarkt grundlegend verändert beispielsweise?

Die Autorin Caroline Rosales schrieb in der „Zeit“ küzlich: „Nein, ich erziehe meine vier Kinder nicht bedürfnisorientiert, sondern konsequent. Damit stehe ich ziemlich allein da. Doch im Job werden sie davon später profitieren.“ Rosales praktiziert „FAFO“, das bringe einem bei, „auch mal Dinge durchzuhalten, die müßig sind, und mit den Entscheidungen anderer zu leben“. Kindheitspädagogin Sophia Pawisa glaubt, Wutausbrüche im Supermarkt oder Verweigerungshaltungen auf dem Spielplatz arten gar nicht erst aus, wenn das Kind die Eltern als verlässlich und konsequent erlebt.

„Noch zweimal Rutschen und dann gehen wir“, so müsse man mit dem Kind sprechen, wenn Mama und Papa dann auch ernst machen, lohne es sich für das Kind nicht, eine Szene zu machen. Ähnliches propagiert die in den USA seit der Pandemie erfolgreiche Erziehungsberaterin und Psychologin Becky Kennedy. Das Time-Magazin bezeichnete die 43-jährige New Yorkerin als „Elternflüsterin der Millennials“. Sie ist Buchautorin, Millionen Menschen schauen ihre Ted-Talks, hören ihre Podcasts.

Auch die Bedürfnisse der anderen Menschen sollten zählen

Sturdy Parenting nennt sich ihre Erziehungsphilosophie, was so viel heißt wie stabile Elternschaft. Sie selbst sieht das als Gegenentwurf zum vielfach kritisierten System der Belohnungen und Strafen, aber auch zu den Helikopter-Eltern der Nullerjahre sowie dem Prinzip des Gentle Parenting, von dem sie glaubt, auch das funktioniere nicht. Respekt und Empathie fürs Kind aufzubringen, sei nicht das gleiche wie, ihm alle Wünsche zu erfüllen.

Wie auch immer, in jedem Fall sollten wohl auch die individualistisch veranlagten Millennials ihre Kinder so erziehen, dass diese nicht nur ihre eigenen Bedürfnisse wahrnehmen und achten, sondern auch die der anderen zählen. Früh genug wird das Kind sowieso jeden Erziehungsstil hinterfragen. In der Zahnputzfrage erwidert der Sohn dann schon mal: „Warum fragst du mich überhaupt, wenn du es eh bestimmst?“

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