Es-„Life of Agony“-Sängerin Mina Caputo Mann oder Frau – weder noch

Von Verena Orth 

Keith Caputo lebte als Sänger einer erfolgreichen Hardcore-Band in einer harten, männlichen Subkultur. Jetzt heißt er Mina Caputo und setzt sich gegen einen starren Geschlechterbegriff ein.

Mina Caputo war als Keith Caputo mal der Sänger der Band Life of Agony. Sie fühlte sich als Mann nie wohl in ihrer Haut. Operieren ließ sie sich aber nicht. Foto: dpa
Mina Caputo war als Keith Caputo mal der Sänger der Band Life of Agony. Sie fühlte sich als Mann nie wohl in ihrer Haut. Operieren ließ sie sich aber nicht. Foto: dpa

Stuttgart - Die Schriftstellerin Sibylle Berg fordert das „Das“. Es solle keinen Mann, keine Frau mehr geben, nur noch „das Mensch“. In Bergs neuem Buch „Vielen Dank für das Leben“ ist die Romanfigur Toto groß, dick und ein Zwitter. Toto hat zwei Talente: ein engelhaftes Gemüt und eine engelhafte Stimme. Toto hat ein reales Pendant: Antony Hegarty. Der große, weiche, massige Sänger der Band Antony & The Johnsons scheint nicht von dieser Welt. Ebenso seine Stimme, die mal weiblich, mal männlich, mal schwarz und mal weiß klingt.

Hegarty sieht sich außerhalb der Geschlechtsnormen. Sein plötzlicher Erfolg 2008 verschaffte dem Thema Geschlechtsidentität neue Aufmerksamkeit. RTL 2 zeigt die Doku-Soap „Transgender – Mein Weg in den richtigen Körper“. Immer mehr Prominente outen sich, tun es Antony Hegarty nach. Die neue Transgender-Ikone heißt Mina Caputo, ist etwa 1,60 Meter groß und zierlich. Sie hat einen langen Weg hinter sich. Bis 2011 war Caputo Frontmann der Harte-Jungs-Band Life Of Agony.

Ein Transmensch

Wir schreiben das Jahr 2003. Während im dunklen Bühnenhintergrund Schlagzeuger, Bassist und Gitarrist Testosteron schwitzen, steht der Sänger allein im Scheinwerferlicht. Einen fransigen Schal um den Hals geschlungen, die langen dunklen Haare aus dem Gesicht gestrichen, zieht er das Mikro an seinen muskulösen Oberkörper und stemmt die freie Hand trotzig in die Taille. Bei diesem Auftritt der frisch wieder vereinten Life of Agony wirkt Keith Caputo divenhaft, aber auch fragil und unsicher. Acht Jahre später absolviert Caputo einen der letzten Auftritte vor dem endgültigen Band-Aus in einem grobmaschigen roten Strickkleid, das seine neuen Rundungen nicht versteckt. Caputo nutzt diese Tour, um sich öffentlich zu outen. Keith Caputo ist jetzt Mina Caputo: ein Transmensch, ein Transgender.

„Transmensch“ sind alle, die sich „trans“, also „jenseits, auf der gegenüberliegenden Seite“ fühlen. Es gibt viele Variationen des Trans-Seins, die oft miteinander verwechselt werden. Transsexuelle fühlen sich dem Gegengeschlecht zugehörig. Sie nehmen Hormone und lassen sich operieren, um eine „normale“ Frau, ein „normaler“ Mann zu werden. Andere bekennen sich zu einem Weder-Noch, zum Dazwischen. So wie Antony Hegarty und Mina Caputo. Sie sind transgender, also „jenseits der Geschlechter“.