Gelegentlich zuckt es ihm im Finger. Dann greift er zum Stift, zeichnet. Ein „schnelles Medium“ sei die Zeichnung, sagt Andreas Baur. Situativ, spontan, improvisatorisch. Anders als der Abschied, den Esslingens Städtischer Galerieleiter zum Ende des Monats nach fast 22 Jahren von der Villa Merkel nimmt. Die Planung der langen Hand führte schon im Herbst 2020 zu einer entsprechenden Vereinbarung mit der Stadt. Rechtzeitig die Tür öffnen für die Nachfolge wollte der heute 64-Jährige – dass bislang kein Neuer, keine Neue durch die Tür kam, ist seine Schuld nicht. Im Gespräch zieht Andreas Baur Bilanz seiner Esslinger Zeit.
22 Jahre Esslingen – wie haben sich die Weltkunst und die Kunstwelt in dieser Zeit entwickelt?
Es gibt mehrere Entwicklungsstränge. Ein zentraler ist: Die Subjektivität der Kunst hat an Gewicht verloren. Interdisziplinäre Ansätze und kollektive Arbeitsweisen haben an Gewicht gewonnen. Angesichts der Fragen, die unsere Gesellschaft umtreiben, ist das eine konsequente Entwicklung, die wir in unserem Programm nachvollzogen haben, zum Beispiel durch Teamprojekte auf künstlerischer wie kuratorischer Seite. Ein konträrer Trend prägt den Kunstmarkt, wo für Einzelpositionen teils unglaubliche Preishöhen erzielt werden – und das tut der Sache nicht gut. Es führt bei jüngeren Künstlerinnen und Künstlern zur Tendenz, die Suche nach Nischen als Produktvermarktung statt künstlerischen Prozess anzulegen.
„Selbstbezügliche Kunst-Schleifen haben wir nicht gedreht“
Was man früher einmal L’art pour l’art nannte – der Bezug der Kunst ausschließlich auf sich selbst –, blieb in Ihrem Programm ausgeschlossen.
Ja. Wir haben im Team immer den klaren Standpunkt bezogen: Kunst macht Welt sichtbar und greift in sie ein. Die selbstbezüglichen Schleifen der L’art pour l’art haben wir nicht gedreht. Stattdessen interessieren uns Themen wie Nachhaltigkeit, Interaktion von Kunst und Ökologie, Entwicklung von Stadt- und Lebensräumen, interkulturelle oder transkulturelle Bezüge, also die Begegnung und Anerkennung von kulturell diversen Bildsprachen – was immer auch die Dokumentation von Lebenswirklichkeit bedeutet. Dabei ging es uns darum, an der Perspektive des Bildnerischen festzuhalten, also die Sinnlichkeit der Kunst nicht nur als Datenmaterial in eine theoretisierende Diskursmaschine einzuspeisen. Das macht schon der Württembergische Kunstverein in Stuttgart, und er macht das als legitime zeitgenössische Kunstpraxis sehr gut. Also müssen wir das nicht auch noch machen.
Spielte also die Überlegung, wie sich die Villa in der regionalen Kunstlandschaft positioniert, eine maßgebliche Rolle für das Ausstellungsprogramm?
Natürlich. Es war immer die Frage, wie wir eine ergänzende oder alleinstellende Position finden können – neben den großen und kleinen Museen, den anderen kommunalen Ausstellungshäusern, den Privatgalerien. Manchmal gab es ja den Wunsch nach einer stärkeren Musealisierung des Ausstellungsbetriebs, also Präsentationen der eigenen Bestände oder von Künstlerinnen und Künstlern mit biografischem Lokalbezug. Aber das würde eine Einrichtung wie unsere ins Aus führen. Nach zwei Jahren hätte sich das totgelaufen.
„Räume geöffnet, die sonst verschlossen sind“
Konnten Sie mit den Triennalen, die stark auf Ihr Konzept gesellschaftlich engagierter Kunst ausgerichtet waren, die erhoffte Aufmerksamkeit erzielen?
Wenn man das Verhältnis von Ressourcen- und Aufmerksamkeitsökonomie nur quantitativ betrachtet: nein. Wir hatten bei den Triennalen immer um die 9000 Besucherinnen und Besucher, aber ein Budget, das ungefähr jenem der Villa für ein Jahr entspricht. Nur hatten wir dort pro Jahr deutlich mehr Besucher. Aber die Grenzüberschreitungen zum Interdisziplinären, die Resonanz beim Publikum und nicht zuletzt die Öffnung von Räumen, die sonst verschlossen sind, gaben den Triennalen einen Wert, der sich nicht in Zahlen beziffern lässt. Dass wir beispielsweise 2019 das als Industriedenkmal geschützte ehemalige Eisenbahnausbesserungswerk in der Rennstraße bespielen konnten, bot auch einen einzigartigen stadtgeschichtlichen Einblick.
Apropos Aufmerksamkeitsökonomie: Überregional kann die Villa da groß punkten, vor Ort weniger.
Wenn man die Besucherbücher unserer Ausstellungen anschaut, quellen die über vor positiven Reaktionen – überwiegend tatsächlich von auswärtigen Besucherinnen und Besuchern. Ich sehe aber nicht, was an solcher Außenwirkung schlecht sein soll.
„Teilhabe steht jetzt im Mittelpunkt – aber wodurch und woran?“
Welche Erwartungen wurden im Laufe der Zeit von der städtischen Kulturpolitik an Sie herangetragen?
Grundsätzlich hat sich nichts geändert am Auftrag, internationale Gegenwartskunst von gesellschaftlicher Relevanz zu präsentieren. Geändert hat sich die Nuancierung. Kulturelle Teilhabe steht jetzt im Mittelpunkt, ohne dass immer geklärt wäre: Teilhabe wodurch und woran? Kultur ist nach meinem Verständnis von sich aus Integration. Aber wenn Zielgruppen adressiert werden sollen, müssen diese und die Art der Teilhabe zuerst definiert werden. Kunst und Kultur sind jedenfalls weder inhaltslose Bespaßung noch dazu da, Versäumnisse zu kompensieren, die andernorts verursacht werden.
„Zumindest europäischer Rang“
Ihre finale Bilanz in zwei Sätzen?
Es ist gelungen, die Einrichtung mit zumindest europäischem Rang in der Gegenwartskunst zu verankern. Und rein baulich steht die Villa besser da als vor 20 Jahren, auch wenn ich meiner Nachfolgerin oder meinem Nachfolger leider noch kein vollkommen bestelltes Haus hinterlassen kann.
Künstler und Kunsthistoriker
Vita
Andreas Baur wurde 1958 in Giengen an der Brenz geboren. Er studierte zunächst Malerei bei Paul Uwe Dreyer an der Stuttgarter Kunstakademie, danach Kunstgeschichte an der Universität Hamburg. Seine Karriere als Kurator startete er an der Kunsthalle und am Kunsthaus Hamburg. 1998 wurde er erster Leiter des neu gegründeten Kunsthauses Baselland in Basel. Seit dem 1. Januar 2001 leitet er die Städtische Galerie Esslingen als Nachfolger von Renate Wiehager und Alexander Tolnay. Am 1. November geht er in den Ruhestand. Seine Stelle wurde inzwischen neu ausgeschrieben – erstmals mit einer Befristung auf fünf Jahre.
Leben danach
Andreas Baur will auch künftig der Reflexion von Kunst treu bleiben – als Netzwerker, Brückenbauer und Schreiber, nach sehr viel Gegenwartskunst nun wohl auch zu Alten Meistern. Und er wird weiterhin zeichnen. Nur für sich. Nicht als „professioneller Hobbykünstler“.