Allen Demütigungen zum Trotz kämpfen die Frauen in „Ladies Football Club“ um ihre Leidenschaft und ihre Würde. Foto: Björn Klein
Mit „Ladies Football Club“ erinnert Stefano Massini an die Anfänge des Frauenfußballs im Ersten Weltkrieg. Laura Tetzlaff hat das Stück über starke Frauen in Esslingen inszeniert.
Sie sitzen auf der Mauer der Munitionsfabrik. Dabei denken sie an ihre Männer, die im Ersten Weltkrieg kämpfen. Dann entdecken elf Frauen das runde Leder – und damit ihre Selbstbestimmung. In „Ladies Football Club“ erzählt der italienische Autor Stefano Massini die Geschichte von elf ganz unterschiedlichen Frauen, die sich in eine Männerdomäne vorwagen. Laura Tetzlaff hat das Sportstück im Schauspielhaus der Esslinger Landesbühne als ein Spiel um Empowerment inszeniert.
Obwohl die Fußball-Weltmeisterschaft in wenigen Wochen beginnt und das runde Leder viele Menschen beschäftigt, geht es Tetzlaff und ihrem Regieteam in dem dynamischen Drama um mehr. Denn die Frauen entdecken mit der Leidenschaft für den Fußball auch ihre Unabhängigkeit. Trotz aller Demütigungen, die sie im Jahr 1917 auf dem Spielfeld und in der Gesellschaft erfahren, kämpfen die Frauen um Würde und Freiheit.
Befreiung auf dem Spielfeld: „Ladies Football Club“ am Esslinger Theater Foto: Björn Klein
Anfangs sind sie noch in ihrer engen Welt gefangen. Der Bühnenbildner Christian Klein hat eine Mauer aus Metall geschaffen, die wie ein Gefängnis wirkt. Darauf sitzen die fünf Schauspielerinnen. Sie träumen vom Sport. Später reißen sie diese Mauer nieder. Der Raum öffnet sich. Die Elemente lassen sich in eine Tribüne verwandeln. So weitet der Ausstatter den Horizont, lässt die Frauen vom Spiel träumen. Doch die Wirklichkeit des Kriegs holt sie immer wieder ein. „Aber was ist das überhaupt, der Ball?“ fragt Haylie Owens. „Ein Ding, das von Arbeiterinnen wie uns produziert wurde, in Fabriken wie unserer . . . Nur dass wir Bomben produzieren und sie Fußbälle.“ Mit diesem Worten bringt Eva Dorlaß die soziale Rolle der Frauen stark auf den Punkt.
Die Schauspielerinnen finden Tiefe in den Frauengeschichten
Dass die Damen ausgerechnet eine Fake-Bombe, genannt „Sister K“, zum Fußball umfunktionieren, zeigt die Verstrickung in die Waffenproduktion. Eine nach der anderen erzählt dann ihre Geschichte. Lily Frank in der Rolle der Justine Wright kompensiert ihre verzweifelte Suche nach Liebe mit dem angeblichen Männersport. Kristin Göpfert als harte Kämpferin mutiert auf dem Spielfeld zur Gladiatorin. Obwohl die Figuren in Massinis Stück skizzenhaft bleiben, finden die Schauspielerinnen Tiefe in den Geschichten der Frauen.
Was es für die Arbeiterinnen, Ehefrauen und Mütter bedeutet, sich von den Männern zu emanzipieren, arbeitet Franziska Theiner stark heraus. Sie zitiert aus Briefen an die Front. Denn erst mal trauen die Frauen sich nicht, ihre Leidenschaft für den Fußball offen zuzugeben. Sie schreiben in der Post an die Männer um den heißen Brei herum. „Mein Schatz, ich habe das tägliche Brötchen eliminiert, weil auch ich mich auf die Schlacht vorbereiten will.” Aus dem vermeintlich belanglosen Satz liest Theiner den inneren Kampf einer Frau und Mutter heraus.
Gemeinsam mit der Sängerin und Schauspielerin Silvia Willecke, die eine der Kickerinnen spielt, hat Laura Tetzlaff eine packende Sprachchoreografie entwickelt. Eingebettet in kurze Gesangspassagen, erscheinen die Lebensgeschichten wie Erinnerungsblitze. Zwar wird auf der Bühne nicht gekickt. Mit radikalem Körpertheater peitschen sich die Frauen aber immer wieder an Grenzen. „Ladies Football Club“ macht die inneren Kämpfe der Arbeiterinnen auf berührende Weise sichtbar.
Klar, schnörkellos und hart sind die Dialoge, die Stefano Massini geschrieben hat. Das kommt in Sabine Heymanns Übersetzung schön zum Tragen. Wenn das Damenteam der Munitionsfabrik Doyle and Walker davon berichtet, wie sie ihr Chef in aller Öffentlichkeit demütigt, klingt das bitter. Dennoch schwingt in den Gesprächen eine gewisse Selbstironie mit. Als die Fußballerinnen ihre Haare verbergen müssen, lässt Ausstatter Christian Klein sie in Bademützen schlüpfen. Das sorgt für herzhafte Lacher. Die aber bleiben dem Publikum gleich wieder im Halse stecken. Massinis Text blättert ein spannendes Kapitel der Frauengeschichte auf. Denn die Geschichte beruht auf historischen Fakten, obwohl die Lebenswege der Frauen Fiktion sind. Im Ersten Weltkrieg erlebten weibliche Fußballteams eine Blüte, bis sie 1921 wieder verboten wurden. Dass sich der Autor immer wieder zu sklavisch an die Historie klammert, ist eine Schwäche des Textes. Über die skizzenhafte Zeichnung der Figuren setzen sich die Esslinger Schauspielerinnen hinweg, indem sie ihr tragisches Potenzial ausloten. Da lässt sie Regisseurin Tetzlaff bewusst in die Tiefe gehen.
Der Autor klammert sich allzu sklavisch an historische Fakten
Dass Christian Kleins Kostüme eher hip als historisch sind, holt die Inszenierung immerhin etwas näher an Erfahrungswelten des Publikums heran. Denn die Diskriminierung gibt es immer noch. Zwar hat sich Frauenfußball längst auch auf internationaler Ebene durchgesetzt. Doch trotz aller Erfolge müssen sich die Kickerinnen auch heute noch gegen Vorurteile wehren.
Ladies Football Club: Vorstellungen am 21. Mai in der Stadthalle Ditzingen, 23. Mai, 19. und 25. Juni im Esslinger Schauspielhaus, 15. Juni im K3N in Nürtingen.