Statt in einer Klinik können junge Magersüchtige künftig von zu Hause aus therapiert werden. Betroffene in Stuttgart können diesen Behandlungsweg nun ausprobieren.
Die Krankheit kam bei Alex (Name von der Redaktion geändert) schleichend. Sie habe einfach weniger gegessen, berichtet sie später ihrer Ärztin. Die heute 15-Jährige war immer eine sehr gute Schülerin und neigt zum Perfektionismus. Abzunehmen und viel Sport zu machen fühlte sich anfangs gut an. Mit der Zeit merkte sie, dass Hungern ihrem Körper schadete. Sie versuchte, ihren Zwang vor ihren Eltern zu verstecken - bis es zu offensichtlich wurde, dass Alex an Magersucht leidet.
Zu diesem Zeitpunkt war die Krankheit jedoch schon weit vorangeschritten. „Die Patientin war in einer akuten Krise, ihr ging es schlecht. Doch gleichzeitig hatte sie Angst vor der Behandlung, denn Teil der Krankheit ist es nun mal, nicht zunehmen zu wollen“, erklärt Verena Haas, Leiterin des Forschungsbereichs Essstörungen in der Berliner Charité. Inzwischen befindet sich Alex aber auf dem Weg der Besserung. Geholfen hat ihr eine neue, familienbasierte Therapie, die sie und andere Patienten im Rahmen einer Studie testen. Für die ehrgeizige Schülerin war es wichtig, dass sie dabei nicht aus ihrem Umfeld gerissen wurde.
Verena Haas leitet die sogenannte Fiat-Studie, an der sich 23 Kliniken in Deutschland - darunter das Diakonie Klinikum in Stuttgart - beteiligen. Auch die Kinder- und Jugendpsychiatrie des Universitätsklinikums Tübingen war an den Vorbereitungen und Schulungen zu der Studie beteiligt, musste sich dann aber aus dem Projekt zurückziehen, da die Spezialstation für Essstörungen umzog und keine Kapazitäten für die Teilnahme mehr frei waren. „Inhaltlich gab es aber keinerlei Bedenken gegen die Studie“, versichert Sprecherin Claudia Löwe.
Künftig sollen magersüchtige Patienten die Wahl haben
In der Studie wird eine alternative, familienbasierte Therapie mit einer klassischen stationären Therapie verglichen - mit dem Ziel, dass von Magersucht betroffene Kinder und Jugendliche künftig die für sie passendere Behandlung wählen können. In Ländern wie Großbritannien, USA, Kanada, Neuseeland und Australien hat es sich bereits bewährt, wenn von Magersucht betroffene Kinder und Jugendliche während der Therapie zuhause wohnen bleiben können. Und auch eine Pilotstudie der Charité kam zu dem Ergebnis, dass die Behandlungsergebnisse zwischen stationärer und familienbasierter Therapie vergleichbar sind.
„Der Vorteil des familienbasierten Ansatzes liegt darin, dass die Betroffenen in ihrem familiären und schulischen Umfeld bleiben und dort gesund werden können“, erklärt Verena Haas. Bei 30 Prozent der schwer erkrankten jungen Menschen habe dies in einer Pilotstudie zwar nicht ausreichend geholfen und die Patienten mussten letztlich stationär aufgenommen werden. Doch die restlichen 70 Prozent seien nach einem Jahr Behandlung auf einem guten Weg. Um die ermutigenden Ergebnisse zu verifizieren, wird die Studie nun deutschlandweit ausgeweitet.
Bisher haben sich 90 Familien gefunden, die per Zufallsprinzip entweder der stationären oder der familienbasierten Therapie zugeordnet werden - insgesamt werden jedoch 200 Betroffene benötigt. Am Diakonie Klinikum ist die Nachfrage nach stationären Behandlungsplätzen weiterhin hoch, die meisten Familien können sich bisher noch keine rein ambulante Behandlung vorstellen.
Dabei ist Susanne Rueß, Chefärztin der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Diakonie Klinikum Stuttgart, überzeugt davon, dass mit dem neuen Ansatz künftig viel Leid gemindert werden kann. „Ich sehe es vor allem als große Chance, dass Patienten, die noch am Anfang der Erkrankung stehen, schnell geholfen werden kann, damit die Krankheit nicht chronisch wird“, sagt Rueß.
Sie gibt zu bedenken, dass Anorexie unter den psychischen Erkrankungen die höchste Sterblichkeitsrate hat: Diese liegt bei fünf bis zehn Prozent. „Es ist eine schwere Erkrankung, die oft unterschätzt wird, da gesellschaftlich ein schlankes Idealbild vorherrscht“, betont die Ärztin. Von der Komplikationsrate könne man die Erkrankung durchaus mit einer onkologischen Behandlung vergleichen. „Niemand würde doch bei einer Krebserkrankung sagen, dass man mal schaut, ob das von allein wieder weg geht.“
Dass sich bisher noch nicht ausreichend viele Familien für die Studie gefunden haben, erklären sich Haas und Rueß damit, dass die Patienten es dem Zufallsprinzip überlassen müssen, ob sie stationär in einer Klinik oder telemedizinisch mit der familienbasierten Therapie behandelt werden.
Auch stehen manche Familien der neuen Variante skeptisch gegenüber. Denn in der ersten Phase dieser Therapieform sind es die Eltern, die dafür sorgen müssen, dass ihr Kind bei den Mahlzeiten genügend isst. So geht es anfangs vor allem darum, Gewicht zuzulegen, da sich so die Prognose verbessert. „Diese erste Phase ist sehr schwer“, erklärt Haas. „Jede Familie muss für sich selbst individuelle Lösungen finden.“ Begleitet werden die Familien dabei per Videoanruf von speziell geschulten Therapeutinnen und Therapeuten, das medizinische Monitoring findet in Präsenz statt.
In der zweiten Phase treten die Eltern in den Hintergrund und die Jugendlichen können Schritt für Schritt altersgemäß selbst die Verantwortung für ihr Essverhalten übernehmen. In der dritten Phase sind die Patienten zwar schon stabilisiert, doch die Essstörung ist oft noch vorhanden, nur weniger ausgeprägt. Nun geht es darum, die Betroffenen in einem dann körperlich und mental besseren Zustand weiter zu unterstützen, ihre individuellen Themen zu bearbeiten und die durch die Krankheit verpassten, jugendlichen Entwicklungsschritte nachzuholen.
Die Ärztinnen gehen fest davon aus, dass die familienbasierte Therapie eine Lücke füllen könnte, die aktuell zwischen Diagnose und stationärer Behandlung entsteht. „Die stationäre Therapie wird aber weiter für viele Patienten wichtig bleiben. Es geht nicht um eine Konkurrenz, beide Therapieformen haben ihre Berechtigung“, erklärt Haas. Wichtig sei, dass Magersucht nicht unbehandelt bleibe. Auch Alex appelliert im Gespräch mit ihrer Ärztin an andere Betroffene: „Holt euch Hilfe. Allein ist es nicht zu schaffen.“
Hilfe bei Magersucht
Beratung
Als erste Anlaufstelle für junge Menschen mit Essstörungen ist die Beratungsstelle Abas im Gesundheitsladen, Lindenspürstraße 32, in Stuttgart geeignet. Weitere Informationen finden sich unter www.gesundheitsladen-stuttgart.de
Fiat-Studie
An der Studie können Patienten zwischen acht und 18 Jahren mit der Hauptdiagnose einer Anorexia nervosa (Magersucht) teilnehmen, die gesetzlich versichert sind. Weitere Informationen finden sich unter fbt-fiat.de/start