Estun in Schwäbisch Gmünd Bosch zieht sich zurück – ein chinesischer Roboterhersteller rückt nach

Roboterhersteller Estun um Europa-Chef Gerald Mies sitzt inzwischen auch in Schwäbisch Gmünd. Dort ist unter anderem ein Servicezentrum vorgesehen. Foto: Estun Robotics

Während Bosch in Gmünd Flächen freimacht und Stellen abbaut, baut Estun seine Präsenz aus. Warum die Wahl auf diese Stadt fällt und wie viele Arbeitsplätze entstehen sollen.

Auto-Team: Rouven Spindler (rsp)

Werkteil 4 des Geländes von Bosch Automotive Steering in Schwäbisch Gmünd liegt in der Lorcher Straße. In dortigen Lager- und Büroflächen, abseits seiner Gebäude im nahegelegenen Schießtal, ist der Konzern nicht mehr selbst tätig. Seit Mitte 2025 vermietet er sie inzwischen, teilt ein Bosch-Sprecher mit. Seit mehr als einem halben Jahr profitiert Estun davon.

 

Der größte chinesische Roboterhersteller mit insgesamt 3500 Mitarbeitern betreibt in der Stadt im Ostalbkreis seine deutsche Niederlassung. Laut einem Unternehmenssprecher zog er mit der derzeit neun Personen starken Organisation im Oktober ein, bald steht eine Eröffnungsfeier an. Man fahre den Betrieb – neben der eigentlichen Vertriebsarbeit – jetzt hoch, teilt Gerald Mies, Europa-Chef des Herstellers von Automatisierungstechnik für die Industrie, gegenüber unserer Zeitung mit. Das historische Industriegebäude sei umfangreich renoviert und für die eigenen Zwecke nutzbar gemacht worden.

Was Estun auf dem Gelände von Bosch vorhat

Der Standort mit einer überschaubaren Verwaltung ist laut Mies Entwicklungs-Hub, Trainings- und Servicezentrum. „Ein Teil der Gebäudefläche dient als Vorführraum und Show Room“, erklärt der Manager, der bereits bei den Roboterherstellern Fanuc und Kuka tätig war und vor mehr als 20 Jahren nach Gmünd gezogen ist.

Seit 2024 ist er CEO von Estun Robotics Europe mit Sitz in der schweizerischen Gemeinde Baar. „Wir haben binnen eineinhalb Jahren insgesamt acht Standorte in Europa eröffnet“, so Mies – darunter den in Deutschland. Geführt wird die Niederlassung von Ralph Christnacht, dem Chef der gesamten Region Deutschland, Österreich und Schweiz.

Ralph Christnacht (li.) ist DACH-Chef bes Roboterherstellers, Gerald Mies leitet Estun Robotics Europe. Foto: Estun Robotics

Wie Estun auf die Ostalb kam? Durch die Nähe zur Kommunalpolitik hätten sich bei der Standortsuche in ganz Süd- und Südwestdeutschland Kontakte zu Bosch und zum heutigen Standort ergeben, erklärt Mies. „Wichtig für uns war dabei, dass Schwäbisch Gmünd im Herzen von Baden-Württemberg über eine gute Infrastruktur verfügt“, begründet er die Wahl. „Und ein Standort im Herzen des deutschen Automobil- und Maschinenbaus ist ja nicht gerade schlecht.“

Der Gmünder Oberbürgermeister Richard Arnold meint auf Anfrage: „Wenn ein so großer Player anfragt, sagt man nicht nein – wohl wissend, dass wir da sicherlich einem starken Unternehmen die Hand reichen, das seine ganz eigenen wirtschaftlichen Interessen für Deutschland und Europa hat.“ Für ihn sei die Estun-Entscheidung für Gmünd „auch ein Signal nach außen für andere Investoren. Es wird aufmerksam gemacht auf den Standort.“

Mies: BYD nutzt Estun-Roboter

Estun ist durchaus ein Name. Nach eigenen Angaben bietet das 1993 in Nanjing gegründete Unternehmen CNC-Steuerungen und Servomotoren an – sowie rund 90 verschiedene Roboter mit einer Traglast von bis zu 1200 Kilogramm für viele Branchen. Dass viele Autobauer und Zulieferer auch in China ansässig sind, erleichtert aus Sicht von Mies die Rolle für die Firma, denn: „Für die ist Estun als größter chinesischer Roboterhersteller kein unbekanntes Unternehmen.“ Die Robotertechnik des Herstellers sei beispielsweise bei BYD – dem größten chinesischen Elektroautobauer – und Produzenten von Lithium-Akkus wie CATL sowie in der Photovoltaik stark vertreten.

„Wir lernen gerade, dass eine Produktion in bisherigen Strukturen und Abläufen nicht mehr so wettbewerbsfähig ist, wie sie einmal war und wie sie sein könnte“, so Mies. In Deutschland, wo sich die Autoindustrie in der Krise befindet, habe man die hohen Standortkosten bislang durch Qualität, Kreativität und vor allem Produktivität ausgeglichen. Einen höheren Automatisierungsgrad sieht er im internationalen Wettbewerb als zwingend erforderlich an. „Für den stark wachsenden europäischen Markt für Roboter in der Intralogistik hat Estun sogar einen eigenen, neuen Palettierroboter entwickelt“, so der Europa-CEO.

Bosch Automotive Steering baut Stellen ab

Während Estun expandiert, bleiben bei Bosch in Gmünd die guten Nachrichten aus. Dort fertigen und entwickeln Mitarbeiter Lenkungen. Im Juni 2025 einigten sich Arbeitgeber und Betriebsrat auf ein Maßnahmenpaket. Von 2027 bis 2030 sollen 1150 Stellen wegfallen. Der Estun-Einzug hängt dem Sprecher des Stuttgarter Technologie- und Dienstleistungskonzerns zufolge nicht direkt mit der Neuaufstellung des Standorts zusammen: „Im Rahmen einer fortlaufenden Standortkonsolidierung stehen bereits seit geraumer Zeit einzelne Flächen frei. Wir suchen in diesem Zusammenhang stetig nach Möglichkeiten, solche Leerstände zu minimieren – etwa durch Vermietungen.“

Bosch setzt sich nach eigenen Angaben zum Ziel, den Personalabbau im angepeilten Zeitraum sozialverträglich zu gestalten. Ausscheidende Mitarbeiter unterstütze der Konzern aktiv bei der Suche nach einer neuen Stelle. „Wir ermöglichen beispielsweise die Teilnahme an Jobmessen und stehen darüber hinaus mit einzelnen Unternehmen in engem Austausch, um konkrete Vermittlungsmöglichkeiten zu prüfen“, teilt Bosch mit. Auf Firmen wie Estun bezieht sich der Konzern dabei nicht konkret.

Der Roboterbauer weiß um das Ausbildungszentrum und eine technische Akademie von Bosch in der Nähe. „Da ist der Kontakt zu hoffnungsvollen Nachwuchskräften direkt gegeben und durchaus als Standortvorteil anzusehen“, teilt Mies mit.

Auch für die Stadt sei der neue Estun-Standort mit viel Hoffnung verbunden, wie OB Arnold ausführt. Man wünsche sich, „dass der Einzug von Estun nächste Schritte nach sich zieht – vielleicht noch eine Investition oder eine Verstärkung des Standorts mit mehr Arbeitskräften.“ Zumindest Letzteres soll eintreffen.

Estuns Ziel: Bis zu 100 Mitarbeiter am Standort in Schwäbisch Gmünd

„Unsere Zielorganisation umfasst in den nächsten 18 bis 24 Monaten etwa 24 Mitarbeitende“, blickt Mies voraus, dessen Unternehmen gezielt nach Fachleuten aus der Automatisierung suche. Er ergänzt: „Ohne dass ich mich zeitlich festlege, werden wir wohl bei entsprechendem Geschäftsverlauf bei 60 bis 100 Mitarbeitenden landen.“ Hinzu kämen Akquisitionen. Einer der ersten drei Mitarbeiter sei ein Ex-Beschäftigter von Bosch gewesen. „Wenn sich ein Engagement aufgrund von Qualifikation ergibt, sind wir nicht abgeneigt“, zeigt sich der Estun-Europa-Chef offen.

OB Richard Arnold erhofft sich eine bemerkbare Strahlkraft von der Standortwahl. „Es wäre schön, wenn wir um Estun herum eine Keimzelle weiterentwickeln können, um die Bosch-Leerstände in den nächsten Jahren zu füllen“, blickt er voraus. Wer diese nicht nutze, habe von vornherein schon verloren. „Der Großraum Stuttgart hat industriell gesehen keine leichte Zeit vor sich, aber die Region hat immer schon die Fähigkeit gehabt, sich durch Initiative und Kreativität neu auszurichten“, ist Gerald Mies optimistisch.

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