Vielleicht sollte man sich die Frage bereits in guten Zeiten stellen: Was werde ich tun, wenn eine Katastrophe naht? Laura (Anke Schubert) hat schnell noch eine Anzeige aufgegeben. Denn wenn es zu einem Atomangriff kommt, dann will die Witwe den nicht allein erleben. Deshalb hat sie sich in Schale geworfen für das vermutlich letzte Date ihres Lebens und sitzt nun mit dem Senior Franz vor einem Café. Es ist das letzte Lokal, das noch geöffnet hat. Alle anderen scheinen aus der Stadt abgehauen zu sein.
Maryna Smilianets kommt aus Kiew
Es ist keine angenehme Situation, die die Autorin Maryna Smilianets in ihrem neuen Stück „Willkommen am Ende der Welt“ beschreibt. Wie auch, die Theaterfrau aus Kiew hat selbst erleben müssen, wie es ist, wenn die Katastrophe plötzlich über ein ganzes Land hereinbricht. Sie hatte noch Glück. Seit 2022 lebt Smilianets in Stuttgart und ist am Schauspiel als Artist in Residence engagiert. Das neue Stück der Hausautorin wurde nun im Kammertheater uraufgeführt – und die darin drohende Apokalypse will ermuntern, bereits in guten Zeiten bewusster zu leben. Denn, so heißt es einmal, „irgendwann ist es zu spät“.
Deshalb wollte eine junge Frau auch noch schnell ihren Vater (Klaus Rodewald) kennenlernen, der die Familie hat sitzen lassen. So landen auch sie in der kleinen Café-Bar, die, so ein Zufall aber auch, im Zweiten Weltkrieg ein Luftschutzraum war. Marta und Patrick, die hier arbeiten, werden deshalb auch nicht abhauen. Man lässt sein Leben schließlich nicht ohne weiteres zurück.
Krieg in der Ukraine
Maryna Smilianets weiß, wovon sie schreibt. Auch wenn sie inzwischen in Stuttgart lebt, hat sie den Krieg in der Ukraine unmittelbar erlebt. Wenn es im Stück heißt, dass man nun öfter zu Beerdigungen als zu Geburtstagen gehe oder man nie länger als eine Woche im Voraus plane, so ist hier die eigene Erfahrung herauszuhören. Diese Authentizität ist eine Qualität des Stückes. Es zieht seine existenzielle Kraft daraus, dass ein Atomangriff nicht mehr völlig abwegig ist. Auch hierzulande rücke uns der Krieg näher auf die Pelle, warnt die Autorin – allein durch die Amputierten, die zur Rehabilitation kämen.
Allerdings verrät sich an vielen Stellen des Stückes auch, dass der Autorin die professionelle Distanz fehlt. Ihre Materialsammlung hätte noch dramaturgisch poliert und pointiert werden müssen. So aber verliert sich das Stück in Nebenschauplätzen – wie beim Streit zwischen Adam und Eva, gespielt von Peer Oscar Musinowski und Pauline Großmann. Allein die biblischen Namen verraten, dass Smilianets die kleinen Geschichten auch symbolisch aufladen wollte. Das Paar streitet prompt um einen Apfel. Ein absurd großes Kaninchen, in dessen Fellkörper Boris Burgstaller steckt, ermahnt die beiden: „Seid ihr bescheuert? Ihr werdet sogar im Paradies etwas zu meckern haben. Undankbare Idioten!“
Existenzielle Botschaften
Letztlich geht es nur vordergründig um die Frage, wie Menschen sich in einer Krisensituation verhalten. Stattdessen macht die Autorin ihre Figuren zum Sprachrohr existenzieller Botschaften. „Sollte man während der Apokalypse nicht zusammenhalten und sich unterstützen?“ heißt da oder pathetisch „Unsichere Zeiten verstärken alle Gefühle.“ Immerhin gelingt es der Autorin, mit originellen Wendungen die sich verlierenden Dialoge wieder einzufangen und zurückzukehren zu ihrem Thema. Es ist auch Felix Jordan zu verdanken, dass das Stück immer neu Fahrt aufnimmt. Er ist als Barkeeper eine Art Conférencier, der die Gäste bei Laune hält mit Sprüchen wie „Selbst wenn wir aussterben, ist es nicht das Ende der Welt“. Dabei spielt Jordan seine Qualitäten als Entertainer bei Gesangseinlagen und temporeichem Übermut bestens aus.
Die Eingesperrten singen fröhlich „Stand By Me“
Auch dem Regisseur Stas Zhyrkov gelingt es, dass ungeschliffene Material über weite Strecken in sehenswertes Theater zu verwandeln. Die Nebenhandlungen werden mit der Handkamera gefilmt und auf die Bühne der Bar übertragen. Zhyrkov versucht auch, das Publikum direkt einzubinden mit Saallicht oder schrillem Alarm, was vermitteln soll, dass auch wir schnell aus der friedlichen Routine geschleudert werden könnten. Humor und Musik sorgen dafür, dass es trotzdem kein düsterer, sorgenvoller Theaterabend wird, sondern Leichtigkeit dominiert wie am Schluss in der Bar, wo die Eingesperrten denn auch fröhlich feiern und „Stand By Me“ singen
Die Betroffenheit, die die Autorin antreibt, ist so verständlich wie bewegend, sie ungefiltert zu formulieren, bekommt ihrem Stück nicht gut. Am Ende holt sie zum großen moralischen Finale aus, in dem die Figuren nun auch das Publikum direkt ansprechen und mahnen: „Lebt bitte bewusst! Lest, analysiert und stellt euch selbst Fragen!“
Willkommen am Ende der Welt. Weitere Aufführungen an diesem Sonntag sowie am 27., 28. März im Kammertheater