Ex-Daimler-Chef Edzard Reuter Schatten der Vergangenheit

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Willy Brandt wollte ihn für die Politik. Aber Edzard Reuter zog es in die Industrie, er wurde schließlich Daimler-Chef. Über seine Zeit beim Stuttgarter Autobauer kursieren unterschiedliche Darstellungen.

Der Ruheständler in seinem Eigenheim in Stuttgart-Schönberg. Die Schiebetür hat die Bauhaus-Künstlerin Lou Scheper-Berkenkamp gestaltet. Foto: Martin Stollberg 6 Bilder
Der Ruheständler in seinem Eigenheim in Stuttgart-Schönberg. Die Schiebetür hat die Bauhaus-Künstlerin Lou Scheper-Berkenkamp gestaltet. Foto: Martin Stollberg

Stuttgart - Sein neues Opus, Titel: „Egorepublik Deutschland“, erscheint am Donnerstag. Es geht ums Große und Ganze, um Frieden und Freiheit in einer sich verändernden Welt. „Die Leserinnen und Leser dieses Buches wissen, dass sein Verfasser die weitere Vereinigung Europas für zwingend hält, wenn nicht unser aller Zukunft mutwillig aufs Spiel gesetzt werden soll“, formuliert Edzard Reuter auf Seite 139 seinen Leitgedanken.

Der Schöngeist wohnt in Schönberg, weit außerhalb des Stuttgarter Talkessels. Seine Gattin öffnet die Tür. Neben der Garderobe steht eine Büste seines Vaters Ernst Reuter, Sozialdemokrat und von 1948 bis 1953 Regierender Bürgermeister von Berlin. An den Wohnzimmerwänden hängen Bilder der Künstlergruppe ZERO, die in den 1960er Jahren dem Drama des Weltkriegs einen neuen Idealismus entgegensetzen wollte. Der Gast ist dem Hausherrn noch nicht begegnet und hat schon einen Blick in seine Geisteswelt erhascht.

Aus der Tiefe des Raums taucht eine hagere Gestalt auf, tiefe Furchen im Gesicht. Reuter kommt frisch aus dem Skiurlaub, er hat einiges zu erzählen. Seit 40 Jahren fährt er mit seiner Helga nach Zürs am Arlberg, immer in dasselbe Hotel. Rosemarie Springer, die ehemalige Dressurreiterin und dritte Ehefrau von Axel Springer, war auch wieder da. 92 ist die Dame mittlerweile und fit wie eh und je. Überhaupt scheint in Zürs die Zeit stillzustehen. Dort gibt es noch keinen dieser großen Schickimicki-Kästen wie in Lech oder St. Anton. Wobei man natürlich auch in dem österreichischen Alpendorf den gesellschaftlichen Wandel spürt. Früher gab es dort mehr Leute, mit denen man sich in Ruhe unterhalten konnte. Aber vielleicht neigt man im Alter auch nur dazu, die Vergangenheit zu verklären.

Kindheit in Berlin und Ankara

Die Vergangenheit. Edzard Reuter wird am 16. Februar 1928 in Berlin geboren. Seine sozialdemokratische Familie flieht vor Hitler, der Junge wächst in Ankara auf. Nach dem Krieg beginnt Reuter in seiner alten Heimat ein Studium der Mathematik und Physik, 1949 wechselt er zu den Rechtswissenschaften. Willy Brandt will ihn für die Politik gewinnen, doch Reuter bevorzugt die Industrie. Es zieht ihn zu Mercedes, dem Inbegriff deutscher Wertarbeit. Der Jurist stellt sich in Stuttgart vor, doch in dem schwäbisch-konservativen Unternehmen gibt es Vorbehalte gegen den Spross aus dem Berliner Promisozi-Elternhaus. Notgedrungen wird Reuter Prokurist bei der Ufa, anschließend Mitglied der Geschäftsleitung bei Bertelsmann. Er kommt mit den Verlegerfamilien nicht klar, versucht sein Glück erneut bei Mercedes und wird 1963 vom Personalvorstand Hanns Martin Schleyer für das Finanzressort engagiert. Noch ist Edzard Reuter ein kleines Licht.

Wie kommt man ganz nach oben? Indem man Eigeninitiative entwickelt, sagt Reuter. Indem man Missstände offen anspricht. Indem man zu seiner Meinung steht. Muss man die Ellbogen einsetzen? Ja, aber nicht um andere wegzuschubsen, sondern um Angriffe abzuwehren.

Im Herbst 1983 bricht Gerhard Prinz, Boss der Daimler-Benz AG, auf seinem Hometrainer tot zusammen. Der Vorstand sucht einen Nachfolger. Reuter, mittlerweile für die Finanzen im Konzern verantwortlich, plädiert für sich selbst, doch die Mehrheit präferiert den Entwicklungschef Werner Breitschwerdt. Reuter gibt nicht auf, entwickelt Pläne für einen „integrierten Technologiekonzern“, schmiedet innerbetrieblich eine Allianz mit dem Produktionschef Werner Niefer und überzeugt den Großaktionär Deutsche Bank von seinen Ideen. Im September 1987 ist er am Ziel: der Aufsichtsrat ernennt ihn zum Daimler-Chef.