Ex-Gastronom Chris Striebel Kein Strom, kein Sprit – aber Geduld: So erlebt ein Stuttgarter Kubas Krise

Menschen beobachten in Havanna während eines Stromausfalls den Sonnenuntergang. Foto: dpa/Ramon Espinosa

Der ehemalige Stuttgarter Gastronom Chris Striebel lebt seit 13 Jahren auf Kuba und berichtet von der dramatischen Lage auf der Karibikinsel, deren Zukunft völlig ungewiss ist.

Es ist eine verschärfte Warnung: Das Auswärtige Amt der Bundesrepublik rät dringend von Reisen nach Kuba ab. Aber wer will derzeit wirklich auf die karibische Insel? Bei den Horrormeldungen. Über Not und Mangel in jedem Bereich. An Strom, seit US-Präsident Donald Trump die Öllieferungen aus Venezuela blockiert hat, an frischem Wasser, weil die Wasserpumpen auch Elektrizität brauchen. Über Busse, die nicht fahren und Flugzeuge, die nicht abheben, weil Sprit fehlt. Von Preisen, die explodieren, weil Lebensmittel knapp werden. Und einer völlig ungewissen Zukunft.

 

Wie lebt man dort unter diesen Umständen? Wie überleben die Kubaner? „Heute morgen ist ein Öltanker mit 730.000 Barrel Öl in Kuba angekommen“, ist beinahe das Erste, was Chris Striebel sagt, als wir ihn nach Jahren in seinem Stamm-Bistro wieder treffen. Der ehemalige Pächter vom Teehaus im Weißenburgpark lebt seit 13 Jahren auf Kuba und weilt gerade in Stuttgart. Hört man da ein hoffnungsvolles Aufatmen heraus? Aber nein, Striebel ist Realist: „Das erste Öl nach drei Monaten ist nicht mal ein Tropfen auf dem heißen Stein. Und seither ist nichts nachgekommen.“ Eine Woche später neue Hoffnung: „Die Russen haben weitere Lieferungen angekündigt.“

Gekocht wird bei Stromausfall im Freien

Angefangen, so Striebel, haben die Stromsperren schon im Mai 2025: Havanna, die Hauptstadt, werde am längsten versorgt, aber ihn, in Baracoa im äußersten Osten der Insel, habe es voll erwischt: „Da gab es oft nur zwei Stunden Strom am Tag. Meistens nachts zwischen 2 und 4 Uhr. In der Hoffnung, dass die Menschen nicht nachts aufstehen, um zu kochen.“ Und natürlich reichten zwei Stunden Strom nicht aus, um Lebensmittel in Kühlschränken und erst recht in Tiefkühltruhen vor dem Verderben zu bewahren.

Chris Striebel war früher Pächter des Teehauses im Weißenburgpark. Foto: Heidemarie A. Hechtel

Was macht man? „Man legt keine Vorräte an und kocht mit einer cocina al carbon.“ Striebel zeigt ein Foto davon: Ein simples Gestell für Kochtopf und Pfanne, beheizt mit Holzkohle. „Die dann sofort im Preis steigt.“ Gekocht werden darf damit nur im Freien, sonst droht die Vergiftung mit Kohlenmonoxid. „Ich habe einen Patio, einen Innenhof. Andere kochen einfach auf der Straße, was bleibt ihnen sonst übrig.“

Aber die Zubereitung von warmen Mahlzeiten macht nur den geringsten Teil beim Energiebedarf aus. Als „regelrecht paralysiert“ schildert Striebel das Leben auf der Insel, „seit vom 9. Januar an kein Tropfen Öl mehr ins Land kam.“ Weder aus Venezuela, dessen Staatschef Maduro Trump hatte entführen lassen, noch aus Mexiko, das sich ebenfalls dem Lieferverbot Trumps gebeugt hatte. Die Stromsperren kosten Leben, weiß Striebel. Frühchen sterben, weil die Inkubatoren kalt bleiben, Patienten, weil Operationen ausfallen. Überall herrsche Stillstand, in Restaurants und Cafés, Hotels stünden leer, Touristen bleiben aus, Havanna, sonst für das bunte und quirlige Leben gerühmt, ist verwaist.

Ein Liter Sprit kostet auf dem Schwarzmarkt einem Monatslohn

Auf den Straßen wachsen die Müllberge. Striebel hat auf dem Paseo de Marti in Havanna, der vierspurigen Prachtstraße, die am Regierungspalast vorbeiführt, fotografiert: Wo einmal reger Autoverkehr herrscht, verlieren sich ein Fahrrad und zwei Fahrrad-Rikschas in der Weite. „Der Schwarzmarktpreis für den Liter Sprit beträgt 5000 Pesos, das sind zehn US-Dollar und entspricht einem Monatslohn auf Kuba. Die Kubaner tragen es mit Fassung. Sie sind so sozialisiert, dass sich mit Paciencia, Geduld, alles regelt.“

Ob ihn eine gewisse Wesensverwandtheit mit den Kubanern verbindet oder ob er sich angepasst hat: Striebel beherrscht offenbar die Strategie, die ständigen Probleme irgendwie zu lösen. Zum Beispiel die Fahrt zum Flughafen von Havanna, 18 Stunden von Baracoa entfernt, obwohl kaum mehr Busse fahren und nur noch Einheimische mitfahren dürfen. „Ich kenne da einen Busfahrer…“, deutet Striebel an. Oder als Änderungen bei der Bank in Stuttgart eine intensive Internet-Korrespondenz nötig gemacht hätten, aber das Internet kaum zur Verfügung stand. Da war ein Freund mit eigenen Generatoren die Rettung.

So gehen viele Geschichten. Jedenfalls ist Striebel zum Flughafen gekommen: Heiß wie eine Sauna und „von extremem Geruchsniveau“, wie er sich dezent ausdrückt, weil Klimaanlage und Wasserpumpen nicht arbeiteten.

Von der Warnung des Auswärtigen Amtes fühlt sich der bald 64-Jährige nicht betroffen. Er wird selbstverständlich einen Rückflug buchen und will endlich die ständige Aufenthaltsgenehmigung für Kuba bekommen. Dafür muss er hier Dokumente besorgen. Ist ihm sein Paradies nicht inzwischen vergällt? Denn er hat nach einem erfolgreichen Start mit seinem Boutique-Hotel Arca de Noe bittere Rückschläge verkraften müssen. Zuerst durch einen Hurrican, der 2016 Baracoa verwüstete, dann durch die erste Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten, der das Embargo für Kuba nach der Lockerung durch seinen Vorgänger Obama wieder verschärfte und seit 2018 die Lieferungen alles Lebensnotwendigen von Benzin bis zu Medikamenten stoppte. Schließlich durch die Pandemie und nun erneut durch Trump, der erklärte, er könne mit Kuba machen, was er wolle.

Baracoa ist jetzt das Zuhause des früheren Stuttgarters

Das Hotel steht leer und zum Verkauf. Aber Striebel will bleiben. Baracoa sei jetzt sein Zuhause, für ihn der schönste Flecken Erde, tropisch grün, mit kristallklarem Wasser aus 30 Flüssen und herrlichem Klima, in dem alles gedeiht. Egal, ob die Familie Castro am Ruder bleibt oder Kuba von den USA vereinnahmt wird. Gegen die Stromsperren wird er sich mit der Anschaffung von Solarpaneelen wappnen. Und gegen die ungewisse Zukunft mit Geduld und Gelassenheit. Nach Art von Land und Leuten.

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