Ex-Mitarbeiter von in.Stuttgart Apfelpunsch an Stände geliefert: kleiner „Gefallen“ angeblich ohne jeden Gewinn

Von der Veranstaltungsgesellschaft in.Stuttgart organisiert: Gedränge auf dem Stuttgarter Weihnachtsmarkt Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Ein Ex-Mitarbeiter von in.Stuttgart lieferte über seine private Firma Apfelpunsch an Beschicker des Weihnachtsmarkts - völlig selbstlos?

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Andreas Müller (mül)

Als neuer Chef der städtischen Veranstaltungsgesellschaft in.Stuttgart möchte Guido von Vacano vor allem schöne Erlebnisse schaffen. Die Besucher sollen glücklicher gehen, als sie gekommen sind – das gilt für das im Mai beendete Frühlingsfest ebenso wie für die - längst geplanten - nächsten Großereignisse, das Volksfest im Herbst und den Weihnachtsmarkt. Doch seit seinem Amtsantritt Anfang April muss sich der einstige Messe-Manager auch mit spröden rechtlichen Themen befassen: Interne Vorgaben und Prozesse werden unter dem Aspekt der Regeltreue (Compliance) überprüft und bei Bedarf nachjustiert.

 

Anlass sind die Ermittlungen gegen einen einstigen Mitarbeiter von in.Stuttgart, der Ende vorigen Jahres ausgeschieden war. Seit Monaten untersucht die Staatsanwaltschaft Stuttgart den Verdacht der Bestechlichkeit, ohne dass viel nach draußen dringt; nach der jüngsten Auskunft werden derzeit Zeugen vernommen. Zugleich hat ein ehemaliger Bundesrichter im Auftrag von Oberbürgermeister Frank Nopper seine Arbeit als „Sonderermittler“ aufgenommen. Auch er spricht mit Beteiligten und Betroffenen, die zur Aufklärung beitragen könnten.

„Verkauf von Waren durch Mitarbeiter nicht erlaubt“

Die Ergebnisse werden bei in.Stuttgart mit Spannung erwartet, denn der Wirbel um den Ex-Mitarbeiter hat viel Verunsicherung ausgelöst. Eine Regel muss dort allerdings nicht verschärft werden, sie galt schon immer: Geschäfte mit der beruflichen Klientel sind für Beschäftigte tabu. „Der Verkauf von Waren an Beschicker oder Besucher des Weihnachtsmarktes durch Mitarbeiter der in.Stuttgart war und ist nicht erlaubt“ – so hatte es eine Sprecherin klipp und klar mitgeteilt. Das scheint eigentlich selbstverständlich, weil dabei schnell Interessenkonflikte drohen.

Doch im Fall des Ex-Mitarbeiters gibt es einen Vorgang, bei dem die Grenzen verschwommen sein könnten. Es geht um alkoholfreien Apfelpunsch, auch als „Kinderpunsch“ bezeichnet, der sich beim Weihnachtsmarkt großer Beliebtheit erfreut. Über etliche Jahre wurde das Getränk von einer Firma aus Südtirol an die Beschicker geliefert, die selbst mit Ständen in Stuttgart präsent war. „Mit Geduld, Fleiß und Ehrlichkeit“ sei das Familienunternehmen über drei Jahrzehnte gewachsen, heißt es auf dessen Homepage. Den Kunden biete man „regionale und nachhaltige Lebensmittel“, mehr als 600 Mitarbeiter würden inzwischen beschäftigt.

„Er hat sicher nichts dabei verdient“

Wie sollten die Standbetreiber in jenen Jahren den begehrten Bio-Punsch erhalten, in denen die Südtiroler Firma nicht nach Stuttgart kam? Dafür fanden der Geschäftsführer und der Ex-Mitarbeiter von in.Stuttgart gemeinsam eine Lösung, wie sie übereinstimmend angeben. Er habe zu dem Mann „immer ein freundschaftliches Geschäftsverhältnis“ gepflegt, schrieb der Südtiroler Firmenchef unserer Zeitung. Daher habe er ihn gefragt, „ob er mir diese Ware an die einzelnen (Standbetreiber) liefert“. Diesen „kleinen Gefallen“ habe ihm der Stuttgarter getan. „Er hat sicher nichts dabei verdient, die nicht verkaufte Ware hat er mir zurückgegeben.“ Er habe „sicher keine Provision oder einen Vorteil daraus bekommen“, betonte der Geschäftsführer abschließend noch einmal.

Auch der Anwalt des Ex-Mitarbeiters von in.Stuttgart schildert das Zusammenspiel als völlig selbstlos. Als das Südtiroler Unternehmen die Punsch-Lieferung einige Jahre nicht selbst durchführen wollte, „übernahm die Agentur unseres Mandanten den Einkauf und die Belieferung der Ständebetreiber“. Dies sei „nachweislich zum Einkaufspreis und damit ohne jede Gewinnschöpfung“ geschehen. Gemeint ist jene Consulting-Firma des Ex-Mitarbeiters, deren Sitz seine private Wohnadresse war – erst im Umland, dann in Stuttgart. Die Nebentätigkeit in der Unternehmensberatung habe der Ex-Mitarbeiter seinerzeit angezeigt, hatte in.Stuttgart berichtet. Man könne eine solche nicht untersagen, wenn sie „keine Auswirkungen auf arbeitsrechtliche Pflichten“ habe.

Punsch ohne Genehmigung gelagert?

Doch bei der Punsch-Lieferung kam auch die städtische Veranstaltungsfirma in.Stuttgart ins Spiel: Das Getränk sei in deren Räumen „ohne entsprechende Genehmigung gelagert“ worden, so die Sprecherin. Man habe gewusst, „dass ein früherer Mitarbeiter in die Vermittlung von Punsch an die Beschicker des Weihnachtsmarktes involviert war“. Ob und wie darauf reagiert wurde, blieb offen. Ein ungenehmigtes Lager? Da widerspricht der Anwalt des Ex-Mitarbeiters: Tatsächlich seien der Südtiroler Firma „freie Lagerkapazitäten“ überlassen worden. „Hierüber war die in.Stuttgart aber selbstverständlich informiert.“ Überhaupt habe sich sein Mandant im Zusammenhang mit dem Punsch „uneingeschränkt regelkonform verhalten“ und weder eigennützig noch zum Vorteil Dritter regelwidrig gehandelt.

Ob die Staatsanwaltschaft auch diesen Komplex im Blick hat, ist nicht bekannt. Der Sonderermittler im Rathaus aber soll darauf bereits angesprochen worden sein – und konkrete Informationen erhalten haben. Auf die Ergebnisse dürften auch Guido von Vacano und die Belegschaft von in.Stuttgart gespannt sein.

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