Exinternatsschüler „Prügel und Missbrauch waren System“

Von Wolfgang Messner 


Subtiler waren die Strafen an dem Internatsgymnasium in Gaienhofen. Zwar habe es keine Prügel gegeben, doch seien Schüler von Lehrern und Erziehern massiv psychologisch unter Druck gesetzt worden, sagen Insider. Erst in dieser Woche hatte der Schriftsteller Bodo Kirchhoff den an ihm begangenen sexuellen Missbrauch in seiner Internatszeit in Gaienhofen öffentlich gemacht. Es hatte auch weitere Fälle gegeben. Im Jahr 2000 war ein früherer stellvertretender Internatsleiter wegen sexueller Übergriffe zu einer Bewährungsstrafe von zwei Jahren verurteilt worden. Sechs Jahre später hatte sich ein allseits beliebter Pädagoge von einer Autobahnbrücke gestürzt, nachdem die Polizei kinderpornografische Bilder auf seinem Rechner entdeckt hatte.

Schulen suchen das Gespräch mit den Betroffenen


In Königsfeld räumt das Internat in einer Mitteilung ein, dass es "bis in die 1960er und 1970er Jahre" eine Art von Umgang gegeben habe, "der aus heutiger Sicht natürlich vollkommen inakzeptabel war". Schulleiter Rainer Wittmann hatte den ehemaligen Erzieher umgehend in sein Büro geladen. Dieser habe sich von den Vorwürfen erschüttert gezeigt und eingeräumt, dass er seinen damaligen Erziehungsstil, der ihm selbst so beigebracht worden sei, heute als "großen Fehler" betrachte.

Die Zinzendorfschulen, mit 1100 Schülern eine der größten Privatschulen in Baden-Württemberg, bemühen sich, mit den Betroffenen ins Gespräch zu kommen. Das Internat will mit allen Opfern in Kontakt treten. Schulleiter Wittmann möchte zur Aufarbeitung des Themas die früheren Schüler und die ehemaligen Erzieher an einen Runden Tisch einladen. Bisher hätten sich zwei weitere Opfer gemeldet. Die Herrnhuter Brüdergemeine, Träger des Internats, nahm "mit Betroffenheit" die Vorwürfe zur Kenntnis. Die Schulleitung habe aber ihr "volles Vertrauen".

Den als Schüler geschlagenen Unternehmer kann dies nicht besänftigen. Er hat kein Interesse an einer Aussöhnung. In einer Zeitung hat er die Aussage der Schule gelesen, man müsse die Erzieher auch verstehen, schließlich hätten die den Krieg erlebt. "Das ist absolut widerlich", sagte er.

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