Expertin gibt Tipps Was Paare lernen müssen, die ihre Beziehung öffnen wollen

Die Gründe, eine Beziehung zu öffnen, können vielfältig sein. Foto: Ruckaberle

Offene Beziehungen und Polyamorie sind kein Tabu mehr. Eine Sexologin erklärt, wie das Öffnen der Beziehung Paaren zu mehr Verbundenheit verhelfen kann.

In einer offenen Beziehung kann man Sex haben mit wem man will? Ganz und gar nicht, sagt Ursina Donatsch. Die Sexologin hat ein Praxishandbuch zu offenen Beziehungen und Polyamorie geschrieben und erklärt im Interview weshalb für alternative Beziehungsmodelle besonders viel Zeit, Absprachen und Konsens nötig sind.

 

Weshalb entscheiden sich Menschen für Polyamorie oder eine offene Beziehung?

Da gibt es ganz verschiedene Gründe, wie Freiheitsbedürfnisse, der Wunsch mehrere tief verbundene Beziehungen führen zu wollen oder der Wunsch nach sexueller Diversität und vielfältigen sexuellen Erfahrungen. Es kann auch dazu dienen, den Druck rauszunehmen, dass ein Partner alle Bedürfnisse erfüllen muss. Und wieder andere erhoffen sich davon ein persönliches Wachstum oder ein Wachstum für die Beziehung.

Inwiefern kann das Öffnen der Beziehung für Wachstum sorgen?

Bei einer offenen Beziehung muss man sich gezwungenermaßen viel mehr als in einem monogamen Gerüst miteinander auseinandersetzen: Was sind unsere Bedürfnisse, was sind die Herausforderungen und wo sind unsere Grenzen? Ich sage nicht, dass man in einer monogamen Beziehung nicht wachsen kann, aber es ist nicht dringend nötig, denn die Monogamie legt die Regeln klar fest und in den alternativen Modellen, in denen andere Personen eine Rolle spielen, muss man sich auseinandersetzen.

Ist eine offene oder polyamore Beziehung für jeden etwas?

Grundsätzlich würde ich das für niemanden ausschließen. Was man aber sicher beobachten kann, ist, dass freiheitsliebende Menschen mit einem hohen Autonomiebedürfnis eher das Bedürfnis nach einer offenen Beziehung entwickeln.

Wie gehen Sie in ihrer Praxis damit um, wenn ein Partner die Beziehung öffnen will, der andere aber nicht.

Das passiert tatsächlich häufig. Das ist eine Herausforderung! Erst einmal geht es dann darum zu schauen, was die Gründe für ein neues Beziehungsmodell sind. Geht es um mehr sexuelle Freiheit oder geht es darum, dass ein Partner mehr Menschen haben möchte, mit denen er sich verbunden und auch sozial unterstützt fühlt. Das sind ja komplett unterschiedliche Bedürfnisse und das muss unbedingt abgeklärt werden. Dann versucht man herauszufinden, weshalb die andere Person das nicht möchte. Was sind die Ängste und was sind die Befürchtungen? Sind das Vorurteile oder sind das wirklich auf diese Beziehung bezogene Ängste, die etwas mit der Sicherheit in der Beziehung zu tun haben? Wenn Sie sich nicht sicher fühlen in der aktuellen Beziehung, dann ist eine Öffnung nicht die richtige Lösung! Es kann aber auch sein, dass man im Laufe der Gespräche herausfindet, dass man diese Dinge klären kann und dass diese Bedürfnisse und Ängste auflösbar sind. Und dann begleite ich dieses Paar in die Öffnung hinein.

Ursina Donatsch Foto: privat

Wenn man sich der Motive klar ist. Welche Voraussetzungen müssen dafür außerdem gegeben sein?

Die Voraussetzungen sind sicher eine hohe Kommunikationsfähigkeit. Man muss gelernt haben - idealerweise von zuhause aus schon - die eigenen Gefühle wahrnehmen und ausdrücken zu können. Auch Bedürfnisse müssen gespürt und ausgedrückt werden. Ganz wichtig ist auch die Selbstverantwortung. Man muss in der Lage sein, Gefühle selbst zu regulieren und nicht die Verantwortung an den Partner abzugeben. Also so etwas wie: Wegen dir geht’s mir jetzt schlecht. Das sind Dynamiken, die nicht ideal wären. Diese Voraussetzungen werden häufig unterschätzt. Viele wissen im Vorfeld nicht, wie viel Investition es braucht und wie viele Ressourcen - zeitliche und emotionale Ressourcen.

Wofür die zeitlichen Ressourcen?

Es braucht ein Zusatzengagement an Gesprächen mit dem Menschen, mit dem man die Beziehung öffnet und in einer polyamoren Situation auch genauso viele Gespräche mit allen anderen Beziehungspersonen. Und dann braucht es die Zeit, um auch mit den schwierigen eigenen Gefühlen umzugehen.

Sie empfehlen in Ihrem neuen Buch „Verbunden und trotzdem frei“ regelmäßige Check-Ins, wie können die aussehen?

Die Check-ins sollten regelmäßig stattfinden, also etwa einmal die Woche. Und dann in einem Zeitrahmen, der klar abgegrenzt ist. Das Allerwichtigste ist zunächst zu fragen: Wie geht es dir mit unserer Beziehungsöffnung? Dann geht es darum die Vereinbarungen zu überprüfen, die Grenzen zu überprüfen. Man spricht über vergangene Treffen, wie es dem anderen Partner damit ging, man kann auch Ankündigungen machen, was man für Aktivitäten plant und mit wem.

Will man überhaupt so viel von dem wissen, was der Partner macht?

Da muss sich das Paar vorher einigen, wie es das Thema Transparenz handhaben möchte. Das ist sehr individuell. Auch was die Grenzen anbelangt. Eine Person möchte zum Beispiel nicht, dass der Partner wo anders übernachtet. Eine andere Person sagt, ich möchte auf keinen Fall, dass du diese oder jene sexuelle Aktivität mit dieser Person machst. Und das ist okay! Wichtig ist aber auch, dass diese Regeln dynamisch bleiben dürfen. Mit zunehmender Stabilität braucht es immer weniger deutliche Grenzen und Regeln. Deshalb ist es so wichtig die Beziehung schrittweise zu öffnen.

Gehen manche Paare das Öffnen der Beziehung zu schnell an?

Genau, darin sehe ich die größte Gefahr und das war auch einer der Gründe, weshalb ich das Buch geschrieben habe. Das Thema ist zu einem Trend geworden. Manche denken: Das macht man heute halt so, also legen wir mal los! Und dadurch kann es schnell zu Verletzungen kommen. Man muss das wirklich achtsam angehen und wie schon erwähnt regelmäßig mit dem Partner einchecken – sich hören, spüren und gemeinsam unterwegs sein. Ich verwende gerne das Bild einer gemeinsamen Reise. Man entscheidet sich dazu, gemeinsam eine Reise in ein unbekanntes Land zu machen. Dort reist man nicht einfach hin, sondern man überlegt sich, was man dort will, was einem wichtig ist zu sehen und so weiter. Man trifft Vorbereitungen bei einer Reise genauso wie beim Öffnen der Beziehung.

Auch wenn man all Ihre Tipps befolgt, kommt es doch sicher auch in offenen oder polyamoren Beziehung zu Eifersucht?

Ich beobachte häufig, dass manche denken, wenn wir richtig polyamor sind oder wenn wir in einer offenen Beziehung sind, dann darf es keine Eifersucht mehr geben. Das ist Quatsch! Das ist überhaupt nicht so und das ist auch nicht das Ziel. Eifersucht gibt uns einen ganz wichtigen Hinweis darauf, dass etwas los ist. Unter der Eifersucht ist immer auch ein anderes Gefühl, zum Beispiel eine Angst. Und dann gilt es herauszufinden, woher die Angst kommt. Vor was habe ich Angst? Hat das mit mir zu tun, kenne ich das aus allen meinen Beziehungen oder hat das mit dem Verhalten meines Partners zu tun? Vielleicht hat das etwas mit unserer Beziehung zu tun, weil ich mich zu wenig sicher fühle, oder ich fühle mich in den Vereinbarungen, die wir haben, nicht sicher. Häufig ist es ein Gemisch. Eifersuchtsgefühle gibt es ja auch in monogamen Beziehungen. Nur in offenen Beziehungen wird man fast notwendigerweise mit diesem Gefühl konfrontiert, während in monogamen Beziehungen dieses Gefühl je nach Treuevorstellungen eher vermieden werden kann.

Wie raten Sie Eltern in offenen oder polyamoren Familienkonstellationen?

Was ich am häufigsten beobachte, ist, dass die Eltern vor lauter Begeisterung oder durch den Wunsch den Kindern ihre Werte mitzugeben, etwas zu viel erzählen. Das ist für Kinder absolut nicht nötig und auch überfordernd! Mein Rat ist deshalb immer, so wenig wie möglich und so viel wie nötig - aber nötig aus der Kinderperspektive, nicht für mich. Es geht nicht darum, mit den Kindern zu diskutieren, ob ich mich damit gut fühle, dass meine Frau gerade ein Date hat. Da muss man schon sehr viel Selbstreflexion haben. Ich finde, das ist man den Kindern auch schuldig. Die Entscheidung der Eltern, die Beziehung zu öffnen, können und müssen die Kinder nicht mitbestimmen, aber sie sollen es auch nicht ausbaden müssen.

Und dann wirkt sich das ihrer Meinung nach nicht auf das Wohl der Kinder aus?

Für die Kinder muss gewährleistet sein, dass sie ihre Routinen, ihre Betreuung und ihre Sicherheit haben. Das ist das Wichtigste. Trotzdem fragen Kinder natürlich mal nach, wenn sie etwas spüren oder sehen, dass der Vater jede Woche immer die gleiche Kollegin trifft. Aber häufig ist das Einzige, was sie dann wissen wollen: Bleibt ihr zusammen? Alles andere ist für sie nicht wichtig. Zumindest für die Kleinen, für die Großen sieht es noch mal ein bisschen anders aus. Die wollen dann vielleicht schon ein bisschen mehr hinterfragen. Vielleicht finden sie nicht toll, was die Eltern machen, aber das gehört im Alter ab 14 Jahren ja auch dazu.

Welche Vorurteile begegnen Ihnen am häufigsten?

Eines der häufigsten ist der Spruch: Das hält ja sowieso nicht! Da gibt es ganz klar Studien, die das widerlegen. Und was ich auch noch beobachte, ist, dass viele nicht verstehen, dass es keine hundertprozentige Sicherheit für eine dauerhafte Beziehung gibt. In der Monogamie haben wir lediglich eine vermeintliche Sicherheit. Deshalb finde ich es schön, dass es heute eine freie Entscheidung gibt, dass man sagen kann, was tut mir gut, was brauche ich und was nicht, was ist ein Rahmen, der mich sicher macht? Das andere Klischee ist: Da kann ich machen, was ich will, ich kann Sex haben mit wem ich will! Nein, im Gegenteil: Abmachungen, Vereinbarungen, Konsens und viele, viele Gespräche sind nötig.

Was könnte der erste Schritt sein, wenn ein Paar entscheidet, die Beziehung öffnen zu wollen?

Ein ganz konkreter Anfang könnte sein, Situationen durchzudenken, damit der Wunsch nach einer offenen Beziehung nicht nur eine Vision bleibt. Ich gebe das gerne den Paaren als Hausaufgabe mit: Stell dir vor, dein Partner hat morgen ein Date. Er hat es dir im Vorfeld gesagt und jetzt schau dir an, wie es dir damit geht. Wie geht es dir während des Dates, wie danach, wenn er heimkommt? Wie wird dann der gemeinsame Sex, wenn du weißt, er hatte mit einem anderen Menschen Sex? Natürlich ist das auch nur eine Hypothese, aber das wirklich zu durchdenken, löst extrem viel aus.

„Verbunden und trotzdem frei“ von Ursina Donatsch

Die Person
Ursina Donatsch ist promovierte Sexualwissenschaftlerin, Psychotherapeutin und Paartherapeutin. Die vierfache Mutter praktiziert in der von ihr gegründeten Praxisgemeinschaft „Balance“ in Zürich.

Das Buch
Ihr drittes Buch „Verbunden und trotzdem frei“ ist ein Praxishandbuch für offene Beziehungen und Polyamorie.

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