Ein Asylbewerber aus Eritrea ist wegen eines Angriffs auf zwei Mädchen in Illerkirchberg zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Die Tat hatte wie einige andere Diskussionen über Geflüchtete ausgelöst. Foto: dpa/Felix Kästle
Migranten und speziell Geflüchtete begehen in Deutschland laut Statistik überdurchschnittlich viele Straftaten. Dafür gibt es laut Experten viele Gründe. Doch welche Schlüsse müssen daraus folgen?
Abschieben, die Grenzen dicht machen, hart durchgreifen. Das sind die Forderungen, die nicht nur vom rechten politischen Rand, sondern auch von anderen Parteien und Teilen der Bevölkerung immer häufiger kommen – egal, ob das Asylrecht dies überhaupt zulässt. Und das kann auch kaum verwundern, denn mit der großen Zahl Geflüchteter in den vergangenen zehn Jahren ist die Kriminalität im Land gewachsen. Immer wieder erschüttern extreme Fälle wie etwa jene im besonders gebeutelten Illerkirchberg im Alb-Donau-Kreis die Öffentlichkeit. In der Berichterstattung darüber stellt sich jedes Mal von Neuem die Frage, welche Rolle die Herkunft der Täter spielt – und ob sie genannt wird.
Statistisch ist der Fall klar. Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit tauchen deutlich häufiger als Straftäter auf als solche mit deutschem Pass. Im vergangenen Jahr stieg der Ausländeranteil an der Bevölkerung in Deutschland auf den Rekordwert von 15,2 Prozent. Ihr Anteil unter den Tatverdächtigen betrug allerdings gut 41 Prozent. Rechnet man ausländerrechtliche Delikte, die von Deutschen nicht begangen werden können, heraus, wie etwa die illegale Einreise, beträgt der Wert 34,4 Prozent. Von ihnen war mehr als jeder Vierte ein Geflüchteter.
Fachleute weisen dabei regelmäßig darauf hin, dass es Faktoren gibt, die zu Verzerrungen führen. Erfasst werde von der Statistik meist nur die Staatsangehörigkeit. Das sagt nichts darüber aus, wie lange jemand schon in Deutschland lebt oder ob er womöglich nur für Straftaten eingereist ist. Wer zwar Migrationshintergrund, aber eine deutsche Staatsangehörigkeit hat, taucht wiederum nicht in der Kategorie „Ausländer“ auf. Außerdem würden Menschen mit Migrationshintergrund häufiger kontrolliert und eher angezeigt als andere. All das ändert die Grundaussage allerdings nicht, sondern schwächt sie nur etwas ab.
Nun sind die reinen Zahlen das eine. Mindestens genauso wichtig ist die Frage, welche Ursachen es dafür gibt und welche Rückschlüsse man daraus ziehen muss. „Die Gründe, warum jemand zum Beispiel gewalttätig wird, sind bei Deutschen und Migranten die gleichen“, sagt Gina Rosa Wollinger. Die Professorin lehrt Kriminologie und Soziologie an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung Nordrhein-Westfalen in Köln. Sie betont, dass viele Faktoren, die generell zu einer höheren Kriminalität führen, gerade bei bestimmten Gruppen mit Migrationshintergrund besonders ausgeprägt seien. Das müsse man auch in Bezug auf Geflüchtete berücksichtigen.
Junge Männer ohne Familie sind kritische Gruppe
„Da kommt ja nicht unbedingt der Durchschnitt der Bevölkerung, den man einfach vergleichen kann“, sagt sie. Geflüchtete aus den meisten Ländern seien jung und männlich. „Da liegt immer der Schwerpunkt von Kriminalität“, weiß sie. Erschwerend sei außerdem, dass viele ohne Familie unterwegs seien, lange Wartezeiten hätten, bis über sie entschieden ist, und häufig in engen Unterkünften lebten. Auch Armut, kulturelle Unterschiede, andere Männlichkeitsnormen und eigene Gewalterfahrung spielten eine Rolle. „All das produziert Spannungen und Konflikte“, so Wollinger.
Gina Rosa Wollinger lehrt Kriminologie und Soziologie an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung Nordrhein-Westfalen in Köln. /Denise Mundt
Dieses Wissen allein macht die Situation aber nicht besser. Deshalb müssen aus Sicht der Kriminologin daraus Schritte abgeleitet werden. Das könne nur zum Teil konsequentes Abschieben von Straftätern sein. „Natürlich braucht Migration Rahmen und Struktur. Einfach so klappt sie nicht“, so Wollinger. Dass Abschieben alleine genügt, glaubt sie allerdings nicht. „Wir dürfen nicht vergessen, dass wir in vielen Bereichen Zuwanderung dringend brauchen. Wir benötigen dazu aber eine Migrationspolitik, die einen klaren Weg beschreibt, wie wir Integration leisten und meistern können.“ Das sei der Schlüssel auch zu weniger Kriminalität: „Wir müssen die Verfahren verkürzen, den Leuten Gewissheit geben und sie schnell integrieren.“ Studien zeigten: Gruppen mit guter Bleibeperspektive seien weniger anfällig für Straftaten als solche ohne.
Die Expertin warnt davor, alle Geflüchteten über einen Kamm zu scheren. „Die meisten sind nicht straffällig“, sagt sie. Man dürfe es sich nicht zu einfach machen. „Es gibt bei einer bestimmten Herkunft nicht nur eine einzige Kultur. Außerdem ist eine Kultur auch veränderbar.“ Das habe nicht zuletzt Deutschland selbst gezeigt: „Vergewaltigung in der Ehe zum Beispiel war hier auch lange nicht strafbar.“
Da hat nach und nach ein Umdenken eingesetzt. Doch ob es in der Migrationsfrage in Sachen Kriminalität ähnlich viel Geduld geben wird, darf bezweifelt werden. Dabei leiden nicht nur Deutsche unter Straftaten: 25 Prozent der Opfer haben keinen deutschen Pass – auch das liegt deutlich über dem Bevölkerungsanteil.