Würde sich eine Hitzeglocke über Stuttgart stülpen, hätten Ärzte plötzlich viel mehr zu tun. Trotz Hitzeaktionsplan ist die Stadt nicht auf ein solches Extremereignis vorbereitet.
Stuttgart hat seit Neuestem einen Hitzeaktionsplan. Auf den 100 Seiten ist beschrieben, wie die Stuttgarter kurz- und langfristig vor zunehmender Hitze durch den Klimawandel geschützt werden sollen beziehungsweise wie sie sich selbst schützen können. Doch eine Leerstelle hat der Plan: Was passiert, wenn ein sogenannter Hitzedom Stuttgart heimsucht?
Bei diesem Extremereignis handele es sich nicht „um ein paar Grad mehr“, sagt Martin Herrmann, Vorsitzender Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG). „Mir scheint, viele haben die Relevanz dieses Szenarios noch nicht verstanden.“ „Die Dinge laufen dann anders“, sagt auch Robin Maitra, der Klimaschutzbeauftragte der baden-württembergischen Landesärztekammer.
Hitzedom über Tage oder Wochen
Bei einem Hitzedom, auch Hitzeglocke genannt, „bildet eine besonders stark ausgeprägte Hochdruckzone in der Atmosphäre eine ,Kuppel‘, die die Hitze über einem bestimmten Gebiet einschließt“, erklärt die Bundesärztekammer in einer Mitteilung. Das kann über Tage oder Wochen andauern.
In der Folge kommt es zu deutlich mehr Krankheits- und Sterbefällen. Es könne Zehntausende Todesfälle binnen weniger Tage geben, warnte Anfang Juli Markus Gosch, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie. Zu rechnen sei in jedem Fall mit deutlich mehr Arbeit fürs Gesundheitswesen, sagt Robin Maitra. Zumal womöglich in der Ferienzeit. „Das müssen wir planen.“
Aufgetreten sind Hitzedome beispielsweise bereits in Vancouver oder Paris. Aufgrund des fortschreitenden Klimawandels werden sie wahrscheinlicher. Das Problem: Einem solchen möglichen Ereignis stehen die Behörden – anders als bei einem Hochwasser – bis dato unvorbereitet gegenüber. Starke Hitzewellen sind bisher nicht in den Katastrophenplänen verankert. Das gilt auch für Stuttgart – trotz neuem Hitzeaktionsplan.
Der Hitzeaktionplan adressiert die steigende Zahl an Hitzetagen, sozusagen das neue Normal. Ein Hitzedom ist ein krasses Einzelereignis, quasi eine Lage. „Wir wollen keine Panik verursachen“, sagt Professor Stefan Ehehalt, der Leiter des Stuttgarter Gesundheitsamts. „Aber es sind Dinge, auf die wir vorbereitet sein müssen, auch wenn ihr Eintritt unwahrscheinlich ist.“ Deshalb sammele man derzeit Informationen. Zum Beispiel: „Auf welche Temperaturen müssen wir uns einstellen?“, so Ehehalt. „Wir brauchen erst eine realistische Risikoeinschätzung.“
In der Regel sei die Wohnung der gefährlichste Ort in einer Hitzephase, sagt Robin Maitra von der Landesärztekammer. Vor allem für Ältere, Kinder, Schwangere und Menschen mit Vorerkrankungen. Kühlt die Dachgeschosswohnung zum Beispiel über viele Nächte hinweg nicht mehr unter 25 Grad ab, steige das Risiko für Schlaganfall oder Herzinfarkt.
Vor Kurzem ist Maitra mit weiteren rund 30 Fachleuten in Stuttgart erstmalig zu einem Workshop in Stuttgart zusammengekommen. Vertreten waren der Katastrophenschutz, Mediziner, der Deutsche Wetterdienst, die Wissenschaft, die AOK sowie Vertreter von Kommunen wie Stuttgart oder Mannheim. Es ging vor allem um die Hitzedome und wie man im Notfall reagieren müsse. „Es ist wichtig, dass wir diese Dinge nicht verleugnen“, sagt Professor Clemens Becker vom Uniklinikum Heidelberg im Abschluss an den Workshop.
Wohnungen und Pflegezimmer nicht mehr sicher
Auch wenn der Stuttgarter Hitzeaktionsplan an dieser Stelle eine Lücke hat, so werden solche Hitzeglocken zumindest darin angesprochen. Die Rede ist in diesem Zusammenhang auch von Evakuierungen. Schlicht weil es Wohnungen oder Pflegezimmer gibt, in denen die Menschen dann nicht mehr sicher wären. Und um Missverständnissen vorzubeugen: Bei den Evakuierungen gehe es nicht um zwei Stunden, sagt Martin Herrmann von KLUG. „Es geht um Tage.“
Wie man schnell weiß, wo sich gefährdete Personen aufhalten und wer sie in Sicherheit bringt, soll sich möglichst rasch klären. Bereits im Sommer 2026 will man besser vorbereitet sein. „Es ist ein Szenario, das in fünf Jahren eintreten kann“, sagt Martin Herrmann, „oder auch nächstes Jahr“.