Eigentlich hätte Esther Moreno (26) ja in Barcelona als Erzieherin einen sicheren Job gehabt. Dennoch setzte sie sich im Herbst 2022 mit vier weiteren Erzieherinnen aus Spanien in den Flieger nach Stuttgart, um ihre Stelle in einer Kita in Leinfelden-Echterdingen anzutreten.
„Warum nicht?“, habe sie sich gedacht, als sie die Stellenausschreibung gelesen habe, sagt Esther Moreno. Deutsche Kindergärten seien in Spanien für ihre freieren Erziehungsmethoden und kleinere Gruppen bekannt. Und eine neue Sprache lernen? Immer gerne.
Gerade kamen sechs weitere Erzieherinnen aus Spanien an
Gerade sind sechs weitere Erzieherinnen aus Spanien in Leinfelden angekommen und werden in einigen der 14 städtischen Kindergärten eingesetzt, zwei weitere werden in den kommenden Tagen erwartet. Die Zahl der derzeit 20 offenen Stellen schrumpft damit beträchtlich. Sozialbürgermeister Carl-Gustav Kalbfell hofft bereits auf mehr Nachwuchs im kommenden Jahr. „Wenn du einen Fuß in die Türe gebracht hast, ist es leichter, weitere Schritte zu gehen.“
Der pädagogische Spanien-Deutschland-Express ist wohl derzeit eines der erfolgreichsten Modelle, mit dem der Südwesten Fachkräfte aus dem Ausland gewinnt. Motor ist das Bildungswerk der Baden-Württembergischen Wirtschaft, das seit 2020 bis jetzt 314 Erzieherinnen und Erzieher aus Spanien rekrutiert, vermittelt und begleitet hat – die meistens Anfang bis Ende 20, 15 bis 20 Prozent von ihnen Männer. Für das kommende Jahr wird mit weiteren 130 aus Spanien geplant, sagt Karin Nagel, die die Vermittlungen des Bildungswerk leitet. „Das Interesse ist nach wie vor groß, auch weil das Programm in Spanien bekannter geworden ist.“
Wirtschaftliche Gründe spielen dabei die größte Rolle, weshalb das Vermittlungsprogramm mit Spanien überhaupt angelaufen ist. Obwohl viele der Erzieherinnen in Spanien studieren, sind Gehalt und Jobangebote im Vergleich zu Deutschland geringer, wer es schafft, hangelt sich oft von Zeitvertrag zu Zeitvertrag.
Ana Hornos (28) aus Granada war arbeitslos, als sie davon erfuhr. Sie bewarb sich beim spanischen Partner des Bildungswerks und lernte wie alle anderen fünf Monate lang Deutsch zum Niveau B1, das die grundlegende Kommunikation im Alltag ermöglichen soll. Im Sommer 2022 flog sie für eine Woche zur Hospitation nach Leinfelden, um die Einrichtungen kennenzulernen. Wenige Wochen später holte sie eine spanischsprachige Mentorin vom Flughafen ab.
Unterstützung gib es bei der Wohnungssuche und dem Gang aufs Amt
Die Stadt Leinfelden-Echterdingen hatte für sie beim Bildungswerk den Komplettservice gebucht: Es unterstützte Hornos bei der Wohnungssuche, im Gespräch mit dem Vermieter, dem Mietvertrag, dem Besuch auf dem Einwohnermeldeamt und auch wenn es um die Kontoeröffnung, den Handyvertrag oder andere Alltagsfragen ging. Als Neuankömmling habe man schon genug mit der neuen Sprache, der anderen Kultur und dem neuen Arbeitgeber zu tun, sagt Hornos.
Mit den neuen Fachkräften aus Spanien verändere sich aber auch für die Stammkräfte einiges, betont Regine Schierle-Wenger, pädagogische Fachberatung der Stadt. „Lernen ist nie einseitig.“ Es bedeute viel Aufwand, die Neuen im Anpassungslehrgang, in dem es vor allem um Sprache, praktische Anwendungen und Anerkennung der spanischen Abschlüsse gehe zu begleiten. „Und es erfordert ein gutes Verständnis für andere Kulturen.“
Wichtig ist auch, die andere Kultur zu verstehen
„Wir haben Fehler gemacht, die uns gar nicht bewusst waren“, erklärt Ralf Ganter, Teamleiter der Kita am Birkacher Weg. „Es hat Monate gedauert, bis Esther gefragt hat, warum wir nach der Arbeit immer ohne sie ausgingen. Sie hatte geglaubt, dass wir uns häufig treffen würden, wie das in Spanien ganz normal ist.“
Am wichtigsten aber sei, dass sich die Spanierinnen miteinander vernetzen könnten. „Deshalb sind die Fachkräfte, die schon vor zwei Jahren gekommen sind, Mentorinnen für die Neuankömmlinge.“
So flog Lucía Falcón (25) aus Gran Canaria mit dem beruhigenden Gefühl nach Deutschland, dass in Leinfelden schon Landsfrauen auf sie warteten – und Esther Moreno sie in den ersten Monaten begleitete. Schierle-Wenger wiederum flog diesen April nach Barcelona, um persönlich Bewerbungsgespräche zu führen, alles vom Bildungswerk und seinem spanischen Partner minutiös vorbereitet. 16 Kandidatinnen erschienen, zehn sagte sie zu. Leider sprangen zwei wieder aus familiären Gründen ab.
„Die intensive Begleitung ist das Erfolgsrezept des Fachkräfteprogramms“, betont Karin Nagel vom Bildungswerk, „und es ist auch wichtig, dass es in den Unternehmen selbst verständnisvolle Ansprechpersonen oder Mentoren gibt.“ Sie ist sich sicher, dass das Programm noch lange ein wichtiger Baustein ist, um den Fachkräftemangel in den Kitas zu lindern.
Das Bildungswerk möchte das Programm auch in Italien und Portugal bewerben. „Was wir machen, kann auch in anderen Branchen gelingen“, meint Nagel, „wichtig ist, dass es eine umfassende Begleitung und auch in den Unternehmen eine Willkommenskultur und gute Mentoren gibt.“
„Andere Unternehmen können von uns lernen“, ist sich auch Schierle-Wenger sicher. Und doch sei auch die Fachkräftevermittlung wie auch sonst im Leben nichts für die Ewigkeit. Obwohl die meisten Spanierinnen erst einmal bleiben wollen, geht es für manche auch wieder weiter oder zurück.
Ana Hornos will nach zwei Jahren Deutschland-Erfahrung noch ein drittes anhängen und dann nach Spanien zurück, dort fühle sie sich einfach wohler. Mit der Auslandserfahrung ist sie dort wohl trotz der schwierigeren Wirtschaftslage begehrt.
Esther Moreno wiederum will weiter Erfahrungen sammeln und nach zweieinhalb Jahren in Leinfelden ab Januar reisen gehen, die Welt kennenlernen – wie lange, wisse sie noch nicht. „Vielleicht komme ich ja danach wieder zurück“, und Schierle-Wenger meint: „Wir würden dich sehr gerne wieder nehmen.“
Erzieherinnen aus Spanien werden zu Stammkundinnen
Zuspruch
In Baden-Württemberg werben neben Kommunen und Städten auch private Träger um Erzieherinnen aus Spanien, die unter anderem vom Bildungswerk der Baden-Württembergischen Wirtschaft vermittelt werden. „Wir haben regelrecht Stammkunden“, sagt Karin Nagel.
Region
In Ludwigsburg und Besigheim hat die Evangelische Kirchenpflege bereits rund zehn Erzieherinnen aus Spanien gewonnen. In Weilheim an der Teck sind die Spanierinnen Teil der Fachkräftestrategie geworden. Viele Erzieherinnen fanden auch in Kirchheim/Teck, Böblingen und Herrenberg Arbeit.